Predigt zum Lazarus-Samstag (Hebr 12,28-13,8; Joh 11,1-45) (04.04.2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes + Amen.

Lieber Vater, liebe Gläubigen,

im heutigen Evangelium stechen mir drei Aspekte ins Auge. Erstens spricht der Herr „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben auf ewig. Glaubst du dies?“ und so frage ich euch: Glaubt ihr dies? Auch spricht der Herr: „Habe ich dir nicht gesagt, dass du, wenn du glaubst, die Herrlichkeit Gottes schauen wirst?

Die Schau Gottes (Theoria, Theoptie) ist zentral in der Orthodoxie. Sie ist das Ziel des christlichen Lebens. Dabei geht es nicht darum, den Herrn intellektuell zu begreifen, sondern praktisch zu erfahren durch die Erleuchtung des Geistes (Nous). In einer solchen mystischen Erfahrung offenbart sich der Herr dem Menschen im ungeschaffenen Licht, d.i. die Erfahrung Gottes durch Seine Energien, denn nur Seine Wirkungen (Energien) sind erkennbar und erfahrbar. Jedoch Sein Wesen (Essenz) ist „unaussprechlich und unfassbar, unsichtbar und unergründlich, immerseiend und gleichbleibend“, wie der Priester im Eucharistischen Kanon der Göttlichen Liturgie spricht.

Auch die beiden Apostel sahen Christus auf dem Berg Tabor in diesem ungeschaffenen Licht. Wollen wir aber den Herrn schauen, müssen wir unser Herz zuerst reinigen, und zwar durch Askese und Gebet, also Fasten und Beten. Dabei kann uns der Hesychasmus, den der Heilige Gregor Palamas im 14. Jahrhundert wiederbelebte, helfen. Im Hesychasmus (hesychia – „Ruhe, Schweigen, Stille“) wird versucht, diese Schau der „Herrlichkeit Gottes“ zu erlangen, v.a. durch das Jesusgebet: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders! Und mit sehr viel Hingabe, Geduld und Herzblut können die Betenden dann wirklich den Herrn im ungeschaffenen Licht schauen. Diese Schau ist auch ein Teil der Theosis (Vergöttlichung), wo der Mensch durch die Gnade Gottes an der Göttlichen Natur teilnimmt und sich heiligt.

Zweitens spricht der Herr im heutigen Evangelium: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde.“ Und die heutige Perikope beginnt mit den Worten: „Es war aber jemand krank“. Eine Krankheit, auch wenn natürlich niemand von uns krank sein möchte, eine Krankheit kann uns aber dienen, sie kann sogar gut für uns sein, nämlich zur Umkehr oder zur Annäherung an den Herrn: „Denn eine bekümmerte Seele ist Gott nahe, und Not führt zu dem, der geben und helfen kann, der aber wohl verachtet würde, wenn er immer und uneingeschränkt hülfe.“ (Hl. Gregor der Theologe). Die Not also führt zu Dem, Der helfen kann, und das ist wer? Das ist der Herr. Interessant ist auch der zweite Teil des Zitats: Gott, „der aber wohl verachtet würde, wenn er immer und uneingeschränkt hülfe.“ Wenn der Herr demnach also sofort und vollumfänglich und immer helfen würde, dann wären wir Ihm gegenüber wohl überhaupt nicht mehr dankbar. Und das ist auch schlecht. Daher, wenn der Herr unser himmlischer Vater nicht sofort hilft, dann dient uns wohl selbst das zum Guten, indem es unsere Geduld stärkt.

Drittens spricht der Herr: „Lazarus, komm heraus. … Löset ihn und lasset ihn gehen.“ Lazarus, Lazarus, komm heraus aus dem Tod, aus dem Grab. Der Herr meint dies klar historisch. Lazarus lag vier Tage tot im Grab, er roch schon, und Christus erweckt ihn wieder zum Leben. Lazarus, der später der erste Bischof von Zypern sein wird, war ein Freund Christi. Jesus weinte ob seines Todes. Christus meint aber auch den Tod im übertragengen Sinne, den seelischen Tod, wenn wir in die Sünde gefallen sind. Ich denke, dass Jesus dann genauso wegen uns hin und wieder weint oder weinen könnte, wenn wir überhaupt erst wirklich Seine Freunde wären.

Wir können froh sein, dass wir in einer Zeit leben, in der der Messias bereits da gewesen ist, denn so haben wir die Heiligen Mysterien der Kirche, die uns wieder Kraft geben auf dem Weg weiter. Und auch wenn wir gefallen sind, können wir mit Christus versöhnt werden, im Mysterium der Umkehr (Beichte). Wir können die Heilige Eucharistie empfangen, dass uns so viel Kraft und Hoffnung gibt, unser täglich Brot, ohne dass wir geistig nicht leben können. Darum mit Gott weiter voran, und zweifelt nicht, sondern glaubt, dass das Grab des Lazarus leer war.

Ehre sei dem Vater und Sohne und dem Heiligen Geiste + Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch