Liebe Brüder und Schwestern,
die Heilung des Gelähmten von Kafarnaum hat eine tiefe allegorische Bedeutung und ist nicht von ungefähr Thema am zweiten Herrentag der Großen Fastenzeit. Dieses real stattgefundene bildhafte Ereignis spiegelt in Person des Darniederliegenden den Zustand der gesamten Menschheit, des ganzen Menschen wider. Der junge Mann hatte wohl viel und schwer gesündigt, bevor er mit dieser schrecklichen Krankheit beschlagen worden ist. Mutmaßlich hat er nicht gestohlen oder Menschen betrogen, vielmehr hat er einfach das junge Leben mit seinen Freunden genossen – und dabei völlig auf Gott „verzichtet“. Damit gleicht er sehr vielen unserer Zeitgenossen.
Zum Sinnbild des Seelenzustandes des gesamten Menschen ist er dadurch geworden, dass an ihm recht plastisch zu erkennen ist, was passiert, nachdem sich der Mensch von Gott abgewendet hat. Der Mensch hatte vor dem Sündenfall alles – die Gemeinschaft Gottes war ein Quell der unaufhörlichen Freude, durch das Bebauen des Gartens konnte er seiner kreativen Bestimmung als Krone der Schöpfung gerecht werden, Seele und Leib bildeten scheinbar für alle Zeiten eine unzertrennliche Einheit in einem Leben, in dem das Wort ´Tod` nicht vorkam. Als Folge des Ungehorsams der Urahnen ist der Tod, die unbedingte Sterblichkeit, auf alle deren Nachfahren übergegangen. Der Sterbeprozess beginnt seither schon im Moment der Zeugung im Mutterleib, bei manchen dauert er nur länger, bei anderen kürzer. So oder so ist der Tod die einzig sichere Konstante in unserem Leben. Unser junger Mann, den vier seiner Freunde unserem Herrn Jesus zu Füßen legen, lebte bis zu seiner Krankheit so, dass er meinte, diese Endlichkeit des Lebens in sich selbst ausblenden und damit Gottes Ratschluss ignorieren zu können. Er ist (sichtbares) Opfer seiner Sünden geworden. Doch jetzt liegt er auf seiner Bahre vor Jesus Christus, Der allein „die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben“ (Mk. 2:10). Alles, was wir bisher über Sünde und Tod gehört haben, ist grausam. Der junge Mann ist ein Sinnbild dieser todgeweihten menschlichen Natur. Aber das Evangelium ist keine Schreckensbotschaft, sondern die Botschaft vom Heil, von der Überwindung des Todes durch das Leben. Das Leben aber ist Jesus Christus (s. Kol. 3:4; vgl. Joh. 14:6)! Und das Evangelium, die Frohe Botschaft, zeigt uns allen, wie wahnsinnig töricht es ist, sein Leben nicht auf dem Felsen des Glaubens an den Herrn Jesus Christus zu errichten (s. Mt. 7:24-27; Lk. 6:47-49; vgl. 1 Kor. 3:11; Eph. 2:20). Solange der Mensch lebt, kann er stets zu unserem Herrn kommen. Der Herr wird ihn nicht davonjagen (s. Joh. 6:37). Wenn der Mensch physisch dazu allein nicht in der Lage ist, bedarf er der Hilfe anderer. Hier sind es vier Freunde, die an die bei uns übliche Konstellation erinnern, wenn ein Neugeborenes, das physisch selbst noch nicht dazu in der Lage ist, nach dem Gebot Gottes von den Eltern und zwei Taufpaten zum Herrn gebracht wird (vgl. Lk. 2:21-40). Es ist ein großer Segen, wenn Eltern ihre Kinder aus Glauben zum Herrn bringen. Wir wissen ja nicht einmal sicher, ob der Gelähmte von sich aus zu Christus getragen werden wollte oder ob er sich nicht vielleicht innerlich und äußerlich dagegen gesträubt haben mag; wir wissen nur, dass der Herr den Glauben der vier Freunde sah und dem krank Darniederliegenden kraft Seiner göttlichen Autorität die Sünden erließ (s. Mk. 2:5). Damit offenbart Christus übrigens erstmals öffentlich Seine göttliche Vollmacht, was sofort den Unwillen der geistlichen Führungsschicht nach sich zieht. Für uns bleibt aber festzuhalten, dass durch den (lebendigen) Glauben anderer – ihre Gebete, ihr Eintreten vor Gott – die Sünden der Menschen vergeben werden können. So groß ist die Gnade Gottes! Und das bedeutet ebenfalls für uns, dass wir in der Kirche die Möglichkeit haben, Gott für unsere evtl. mit dem Glauben fremdelnden Kinder um Vergebung zu bitten. Welch ein Trost das ist für so manch eine Mutter oder einen Vater, deren tränenreiches Flehen somit nicht unbeantwortet bleiben kann (vgl. Mt. 15:21-28).
Aber der Glaube ist die Voraussetzung hierfür. Wenn Eltern meinen, ihr Kind getauft zu haben und damit schon all ihrer Verantwortung vor Gott gerecht geworden zu sein, irren sie sich gewaltig. Die Kirche ist kein spirituelles Dienstleitungsunternehmen, das gegen Gebühr religiöse Events durchführt. Sie ist das Königtum Gottes auf Erden, der Vorgeschmack auf das Leben in der künftigen Welt. Wer glaubt, wird sich nach den Regeln der Kirche richten und nicht seiner persönlichen bzw. familiären Freizeitgestaltung die oberste Wertstellung einräumen. Wer glaubt, dass Jesus Christus die Macht hat, hier auf Erden Sünden zu vergeben (danach wird es schon zu spät sein), der wird doch alles tun, sich selbst und seine Familienangehörigen der Gemeinschaft mit unserem Herrn zuzuführen. Und wer ernsthaft an sich arbeitet, der wird schnell erkennen, wie sündhaft er selbst ist, dass er im geistlichen Sinne vor Gott tatsächlich einem auf einer Tragbahre Darniederliegenden gleicht.
Ich bin mir dessen bewusst, wie schwer es nominell gläubigen Individuen oder Familien tatsächlich fällt, ihr Leben von Grund auf umzustellen. Nach einem angenehmen Gespräch mit dem Priester, der ihnen alles von A bis Z erklärt hat, fasst man den Beschluss, von jetzt an „regelmäßig“ zur Kirche zu kommen. Am darauffolgenden Sonntagmorgen wird es aber selbstverständlich Dutzende von Gründen geben, dann doch zu Hause zu bleiben. Logisch! Das Einzige, was stärker ist als all diese vom Teufel eingebrachten Gegenargumente ist die fest im Herzen eingebrannte Erkenntnis, dass wir alle todkranke Sünder sind, deren einzige Hoffnung der Herr Jesus Christus ist, mit Dem wir uns in den Mysterien der Kirche vereinigen dürfen. Und das hat was mit dem Glauben zu tun. Amen.