Liebe Brüder und Schwestern,
der letzte Herrentag der Großen Fastenzeit ist der gottseligen Maria von Ägypten gewidmet, die im späten fünften und frühen sechsten Jahrhundert lebte – zunächst als Buhlerin in der Megapolis Alexandria. Anders als die übrigen großen Leuchten der Großen Fastenzeit – die als heilige Väter der Kirche verehrten Andreas von Kreta, Gregorios Palamas oder Johannes Klimakos – war sie sozusagen eine Quereinsteigerin auf dem asketischen Weg des Heils. Ihr Beispiel ist für alle verzagten Sünder ein großer Trost, hat Gott doch an ihr Seine Barmherzigkeit erwiesen. Und im Himmel wird „mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk. 15:7). Das Problem, das die meisten Menschen mit dem Glauben und der Kirche haben, äußerst sich aber nicht darin, dass sie sich ob der Vielzahl und der Abscheulichkeit ihrer Sünden für unwürdig halten zu Gott zu kommen, d.h. an Gottes Barmherzigkeit zweifeln würden. Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Mehrheit sich gar nicht als Sünder vor Gott betrachtet oder kein Problem darin sieht, dass der eine dieser Sünde anhängt, ein anderer dagegen jener oder dass „jeder nun mal so seine Schwächen hat“. Aber was wird denn jemand, dem diese Geisteshaltung zu eigen ist, Christus entgegnen, der gerade dazu gekommen ist, „um die Sünder (zur Umkehr) zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt. 9:13; Mk. 2:17; Lk. 5:32) – „Meinetwegen hättest Du auch da oben bleiben können!“? Klingt sehr verwegen, aber nach dem Gesetz der Logik entspricht es der Einstellung derjenigen von uns, an denen Christi Erlösungswerk vorbeigegangen ist.
Um solchen Menschen, die wir zuhauf auch in der Kirche finden können, eine Hilfestellung auf dem Weg ihres Heils zu geben, bietet die Kirche uns heute die Lesung von der Sünderin im Hause des Pharisäers an, die uns der Evangelist Lukas überliefert hat (7:36-50). Von ihr wird auch viel in den Gottesdiensten der Karwoche die Rede sein. Indem der Herr das Gleichnis von einem Geldverleiher und von zwei Schuldnern erzählt, von denen einer zehnmal mehr Schulden bei diesem hatte als der andere, und da sie beide kein Geld zur Begleichung ihrer Schuld hatten, er ihnen beiden die Schuld erließ, stellt der Herr diese anerkannt sündige Frau dem gesellschaftlich hochgeschätzten Pharisäer bildhaft gegenüber. Er fragt: „Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?“, und erhält folgerichtig die Antwort des Pharisäers: „Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat“ (Lk. 7:42-43). So ergab es sich dann auch, dass die Sünderin, der mehr vergeben wurde, Gott unvergleichlich mehr Liebesbekundungen erweist als der integre aber eben auch sündige Pharisäer. Wieder einmal zeigt uns die Kirche zwei Wege auf, wie sie es bereits im Vorfeld der Fastenzeit in Gestalt des Zöllners und des Pharisäers (s. Lk. 18:9-14) oder des verlorenen Sohnes und dessen älteren Bruders (s. Lk. 15:11-32) getan hat. In all diesen Fällen erhält derjenige in Gottes Augen den Vorzug, welcher zwar größere Schuld auf sich geladen hat, diese aber erkennt, sie aufrichtig bereut und sich nachhaltig bessert. Es ist also vorteilhaft für uns alle, wenn wir unsere Sünden vor Gott ebenso erkennen, Reue zeigen und unser Leben ändern. Ausnahmslos jeder!
Als Normalsünder, als die wir uns betrachten, beichten wir viel zu oft nur oberflächlich, formal, ohne wirkliche Regung des Herzens. Dienst nach Vorschrift quasi. Doch die Beispiele der Heiligen, die uns die Kirche unermüdlich zum Nacheifern nahelegt, künden von einer ganz anderen Realität. Sie sind es, welche tatsächlich Früchte hervorbrachten, die ihre Umkehr zeigten (s. Mt. 3:8; Lk. 3:8) – allen voran die heilige Maria aus Ägypten. Das Einhalten von äußeren Fastenregeln und die leibliche Teilnahme an Gottesdiensten sind völlig fruchtlos, wenn aus ihnen keine Veränderung des Herzens, des Verstandes und der Seele erwächst. Es kommt nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf ein Leben nach dem Willen Gottes (s. 1 Kor. 7:19), ein Leben nach dem Geist. „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allen widerspricht das Gesetz nicht“ (Gal. 5:22-23). Sünder sind wir alle. Und um Gott wirklich lieben zu können, müssen wir darauf bedacht sein, unsere Sünden zu sehen. Dabei hilft die regelmäßige Beichte, geistliche Gespräche und der Empfang der Heiligen Gaben. Wer dieses Bemühen der reuevollen seelischen Einkehr hingegen vermissen lässt, wird Gott vielleicht auf eine andere Weise „lieben“, für die er aber keine Gnade vor dem Himmelsthron finden wird (s. Lk. 18:11-12; 14).
Und wer schließlich Christus in diesem irdischen Leben liebt, für den wird die uns allen bevorstehende Gnade der Begegnung mit unserem Herrn zum Quell unaussprechlicher Freude, und umgekehrt, wird derjenige, welcher etwas anderes der Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus vorgezogen hat, dieselbe unaussprechliche Liebe Christi als „verzehrendes Feuer“ (Hebr. 12:29) wahrnehmen. Eins steht fest: „Der Herr wird sein Volk richten. Es ist furchtbar in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Hebr. 10:30b-31), wenn man „den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat“ (10:29).
Maria, die vormalige Sünderin aus Alexandria, steht exemplarisch dafür, dass die Gott dargebrachte Reue der Schwere der Sünden entsprechen muss. Gott läutert den Menschen dann entsprechend. Siebzehn Jahre frönte sie dem Laster in Alexandria, siebzehn Jahre hatte sie in menschenleerer Umgebung mit der Fleischeslust zu kämpfen, bevor sie zu einem Gefäß des Heiligen Geistes werden konnte (s. 1 Kor. 6:19). Auch jeder von uns kann auf seine Weise Gott in seinem Leib verherrlichen (s. 6:20b). Amen.