Predigt zum Lazarus-Samstag (Hebr. 12:28-13:8; Joh. 11:1-45) (04.04.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

die Große Fastenzeit, die gnadenreiche Zeit der Reinigung der Seele ist soeben zu Ende gegangen. Wie viel Freude sie uns doch gebracht hat! Jetzt können wir sozusagen die geistlichen Früchte dieser intensiven Vorbereitung auf die Große Woche und auf das Fest der Feste ernten. Die große Woche beginnt mit dem Hochfest des Einzugs des Herrn nach Jerusalem und wird dieses Jahr zusätzlich bereichert durch das weitere Hochfest der Verkündigung an die Gottesgebärerin am Großen und Hohen Dienstag. Aber die Woche davor, die letzte Woche der Quadrogesima, endet mit einem ganz besonderen Festtag – dem Fest der Auferweckung des Lazarus. Freitag war der letzte Tag der Fastenzeit, so dass dieser Samstag nicht mehr zu den vierzig Tagen der Vorbereitung zugezählt wird. Er steht – zusammen mit dem Einzug des Herrn – für sich. Das äußert sich ganz besonders vor dem Hintergrund der politischen Stimmung, von der das Evangelium aus gutem Grund nicht explizit spricht, die wir aber aus dem am Rande Gesagten rekonstruieren können. Tatsache ist, dass nur der Evangelist Johannes die Auferweckung des Lazarus erwähnt. Die Synoptiker schildern zwar genauso wie Johannes alle drei den Einzug des Herrn in Jerusalem und die Begeisterung der Leute, erwähnen aber mit keinem Wort die Ursache für den triumphalen Empfang Christi. Ist das nicht sonderbar? Hat das wirklich etwas mit der politischen Situation der damaligen Zeit zu tun? Es hat.

Johannes ist ja der einzige der vier Evangelisten, welcher seine Botschaft nach A.D. 70, der Zerstörung Jerusalems und der Zerschlagung des Jüdischen Staates, verfasst hat. Die drei ersten Verkündiger der Frohen Botschaft hätten dies nicht tun können, ohne die im Untergrund schwelende Verschwörung der Juden gegen die Römische Besetzungsmacht aufzudecken und dadurch praktisch Verrat an der eigenen Bevölkerung zu üben. Johannes selbst berichtet noch zu Beginn seiner Verkündigung darüber, wie Nikodemus, „ein führender Mann unter den Juden“, den Herrn bei Nacht aufsuchte und zu Ihm sprach: „Rabbi, wir wissen, Du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die Du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist“ (Joh. 3:1-2). Aus dem in der ersten Person Plural stehenden Subjekt ergibt sich eindeutig, dass Nikodemus nicht für sich allein sprach, sondern für die Pharisäer (und vielleicht auch für die Sadduzäer) als Ganzes. Er war zu diesem Zeitpunkt also nicht aus Furcht vor den anderen jüdischen Ratsherren unter dem Schutz der Dunkelheit zu unserem Herrn gekommen, sondern aus Gründen der Geheimhaltung vor den Römern. Es ist kontextuell ersichtlich und durch die Geschichtsforschung belegt, dass die revolutionären Strömungen unter den Juden zu der besagten Zeit am Brodeln waren. Und nebenbei werden diese in ihren Anfängen beim Evangelisten und ersten Kirchenhistoriker Lukas Erwähnung finden (s. Lk. 13:1; Apg. 5:34-37). 

Nikodemus sollte also gewissermaßen „die Fühler ausstrecken“ zu unserem Herrn. Später, kurz vor der Auferweckung des Lazarus, als sich der Konflikt mit den geistlichen Anführern im Volk schon dramatisch zuspitzte, bedrängen die Juden den Herrn im Tempel und stellen Ihn zur Rede: „Wie lange noch willst Du uns hinhalten?Wenn Du der Messias bist, sag es uns offen!“ (Joh. 10:24). Es ist ebenfalls allein der Evangelist Johannes, der uns Einblick darüber verschafft, dass die Juden zu Jesus „kommen würden, um Ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen“ (Joh. 6:15a). Um der Menge zu entkommen, zog Sich der Herr damals wieder auf den Berg zurück und schickte Seine Jünger mit dem Boot auf den See voraus, um dann inmitten der Nacht auf dem Wasser zu ihnen zu kommen (s. Joh. 6:15b-21). Es ist bemerkenswert, dass Matthäus und Markus diese politisch relevante Begebenheit vor dem Gang auf dem Wasser in ihren Parallelstellen mit keinem Wort erwähnen (vgl. Mt. 14:22-33; Mk. 6:45-52). In beiden Berichten heißt es: „Gleich darauf forderte Er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer (nach Bethsaida) vorauszufahren“ (Mt. 14:22 und Mk. 6:45). „Gleich darauf“?! … Gemeint ist die Speisung der fünftausend Leute an einem entlegenen Ort am Ufer des Sees. Kein Wort über den Versuch der gewaltsamen Krönung zum König! Und wir wissen, warum. Johannes musste ja nicht mehr Rücksicht auf die konspirativen Machenschaften seiner Landsleute nehmen, weshalb er davon kündete, dass die durch und durch revolutionär gesinnten Juden in Jesus den Propheten sahen, den ihnen Gott durch Moses angekündigt hatte (s. Joh. 6:14; 1:21b; 7:40; vgl. Dtn. 18:15-19). 

Im Verlauf von dreieinhalb Jahren hatten die Juden die Gelegenheit, in Jesus aus Nazareth den „Propheten“ (das war Er ja auch) zu erkennen (s. Mt. 13:57; Mk. 6:4,15; Lk. 9:8,19; Joh. 7:40,42). Es konnten keine Zweifel bestehen, dass Er der verheißene Messias war, allerdings nicht der von den Juden erhoffte politische Anführer. Als die letzten Skeptiker verstummen sollten – am Tag der Auferweckung des Lazarus in Bethanien – wurde im Hohen Rat das Todesurteil über den Menschensohn gefällt! Das Böse muss nicht offen gegen Gott sein, sonst könnten ja die oberflächlich Gläubigen und die Gutmenschen vergrämt werden; es wird aber alle Hebel in Bewegung setzen, um den wahren Glauben an den wahren Gott mit allen Mitteln zu bekämpfen. Christus bewies, dass durch Ihn der letzte Feind entmachtet wurde – der Tod (s. 1 Kor. 15:26). Heute spricht Er zu uns allen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an Mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ (Joh. 11:25-26). Und wer zu Christus gehört, kann nicht anders als mit Martha zu antworten: „Ja, Herr, ich glaube, dass Du der Messias bist, der Sohn Gottes, Der in die Welt kommen soll“ (11:27). Und dieses Bekenntnis bedingt unser ewiges Heil. Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch