Predigt zum Hochfest der Verkündigung der Allerheiligsten Theotokos (Heb. 2:11-18; Lk. 1:24-38) (07.04.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

bei der Betrachtung der Verkündigung der Geburt Christi an die Allerheiligste Gottesgebärerin wollen wir uns heute einfach auf das beschränken, was für unser geistliches Leben das Wichtigste ausmacht. Eine dahingehende Kontemplation könnte dann hilfreich sein, um zu verstehen, warum die Gottesgebärerin in der Heiligen Schrift als die mehr als alle Frauen Gesegnete (s. Lk. 1:42) gerühmt wird. Was ist der Grund für diesen außerordentlichen Lobpreis aus dem Mund der heiligen Elisabeth? Darüber wollen wir uns nun unsere Gedanken machen. Dabei wollen wir zunächst vom Blickwinkel des Menschen ausgehen. Was betrachten wir modernen Menschen heute als oberste Tugendhaftigkeit? Gute Werke, einen feinen Charakter, einen unbescholtenen Lebenswandel usw. Aber das kann man von verschiedenen Standpunkten aus betrachten, je nach dem Wertekatalog, dem man sich verschrieben hat. Und so kommt es unter den Gläubigen zu hitzigen Wortgefechten zwischen Vertretern der evangelikalen (den sog. „neugeborenen“) Christen und den Anhängern der Regenbogen-Theologie. Beide Parteien begegnen sich auf zwei völlig gegensätzlichen Standpunkten: die konservativen Christen berufen sich zuvörderst auf den Wortlaut der Bibel (s. u.a. Gen. 18:20-19:29; Röm. 1:26-28), währen ihnen die liberalen entgegnen, dass unser Herr ja ein Gott der Liebe sei (s. 1 Joh. 4:16) und folglich die „Liebe“ das oberste Gebot sei. So entsteht einerseits der Phänotyp der buchstabengetreuen und bibelfesten Neo-Puritaner und andererseits jener der Aktivisten von LGBTQ-Orgien mit „christlichem“ Anstrich. Letztlich kommt aber keines der beiden Lager auf den Kerngedanken der christlichen Frömmigkeit, der Grundfeste des Glaubens. 

Was sagt uns das Beispiel der Frau, welche als einziger Mensch diese Worte vernommen hat: „Sei gegrüßt, Du Begnadete, der Herr ist mit dir!“ (Lk. 1:28) und „Fürchte Dich nicht, Maria; denn Du hast bei Gott Gnade gefunden“ (Lk. 1:30)?.. Sie ist die Begnadete, die einzig auf Erden Gnade bei Gott gefunden hat! Aber wodurch hat Sie das? Durch großartige Werke der Barmherzigkeit? Davon ist uns nichts bekannt. Wir wissen nur, dass Sie ein Gefäß der Gnade Gottes war und dadurch uns allen als Vorbild dient  (s. 1 Kor. 6:19). Aber folgen wir Ihrem Beispiel?!.. Wir sollen Gott ja mit ganzer Seele, aus ganzem Herzen, mit allen unsere Gedanken und mit all unserer Kraft lieben. Tun wir das? Nein. Die Jungfrau Maria tat dies, sonst hätte Sie nicht Gnade bei Gott gefunden! Und das ist der springende Punkt! Wir sind ebenfalls alle, also bei weitem nicht nur Priester und Mönche, dazu aufgerufen, Gott durch ein Leben in der Gnade des Heiligen Geistes zu verherrlichen – jeder auf seine Weise und entsprechend der ihm verliehenen Fähigkeiten (s. 1 Petr. 4:10-13; Röm. 12:3-8; 1 Kor. 12:4-11; 27-31; Eph. 4:10-13). Aber statt Gott zu dienen, statt Ihm durch Treue und Gehorsam gefallen zu wollen, statt bestrebt zu sein, Seinen Willen zu erfahren und zu erfüllen (s. Röm. 12:2; Eph. 5:10), geschieht was? - Was tun wir heute – auch die gläubigen und vorgeblich fromm lebenden Menschen? Wir interessieren uns vielmehr für irdische Dinge, die über notwendige Belange (Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Bildung, Arbeit, Gesundheit etc.) hinaus gehen: neues Auto, neue Videoanlage, neues Smartphone u.v.m. Wir interessieren uns für Kultur, Politik und Sport, manchmal auch für Tratsch und Gerüchte; wir machen uns eilends darüber sachkundig, wo was günstig zu kaufen ist, wo und wie man Vergünstigungen bekommt und für vieles, vieles mehr. Aber das einzig Notwendige (s. Lk. 10:42) interessiert uns kaum. Viele von uns wissen auch nicht, dass es das oberste Ziel eines Christen ist, die Gnade des Heiligen Geistes zu erlangen (heiliger Seraphim von Sarow, +1833). Und weil dass so ist, weil 99,99% der mittlerweile über acht Milliarden Erdenbürger und 99,00% der schätzungsweise 350 Millionen orthodoxen Christen überhaupt nicht nach der Gnade Gottes streben, leben wir in einer Welt, die der göttlichen Gnade nahezu vollkommen entbehrt. Ja, die Mysterien der Kirche sind gültig, es gibt auf dem Berg Athos und an anderen entlegenen Orten oder auch mitten unter uns und von uns nicht wahrgenommen Menschen, die ein Leben in Gott führen. Und überhaupt könnte kein Lebewesen, kein Floh und kein Grashalm ohne die lebenspendende Kraft des Heiligen Geistes existieren (s. Ps. 103:29-30). Gott ist allgegenwärtig. Aber der Schöpfer dieser Welt wartet darauf, dass wir zu Seinen Mitschöpfern werden – durch die Gnade des Heiligen Geistes. Den größten Anteil von allen Menschen an der Erneuerung der Schöpfung hat die Gottesgebärerin Maria, welche durch Ihre vollkommene Hingabe Gottes Willen erfüllte (s. Mt. 12:50; Mk. 3:35; Lk, 11:28). Ihre Aufmerksamkeit galt primär dem Wort Gottes und all dem, was durch den Herrn geschah (s. Lk. 2:19, 51). Dadurch hat Sie das maximale, für einen Menschen mögliche Maß an Gnade erlangt. Zu einem anderen Schluss kann man gar nicht kommen, wenn man, sagen wir mal, das erste und das zweite Kapitel des Lukasevangeliums liest. Die Kirche hat dies von Anfang an so geglaubt, bekannt und verkündigt, erkennbar an den liturgischen, literarischen und ikonographischen Zeugnissen der Urkirche. Erst mit dem Aufkommen der Irrlehre des Nestorius sah sich die Kirche auf dem III. Ökumenischen Konzil zu Ephesus 431 veranlasst, die Verehrung der Mutter unseres Herrn auch dogmatisch und kanonisch zu manifestieren. Deshalb wollen wir zu Ihr von nun an nicht bloß als Helferin in der Not und Beschützerin vor allem Übel eilen, sondern Sie unentwegt als Vermittlerin der für das ewige Leben unentbehrlichen Gnade Gottes anrufen. Sie ist unser Trost, unsere Hoffnung und unsere Fürsprache vor dem Herrn. Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch