Liebe Brüder und Schwestern,
heute, am vierten Herrentag der Osterzeit, haben wir es mit gleich zwei Gelähmten zu tun: mit Äneas, den der bereits auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Jesus Christus vor dem Tempel zu Jerusalem nach achtjähriger Krankheit durch den Apostel Petrus heilt (s. Apg. 9:34), sowie mit dem uns namentlich nicht bekannten Gichtbrüchigen, welchen der Herr am Teich Betesda am Schaftor nach 38-jährigem Dahinsiechen aufrichtet.
Wenden wir uns dem zweiten der beiden Geheilten zu. Auf die unvermittelt an ihn gerichtete Frage des Herrn, ob er gesund sein will, antwortet der Kranke: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein“ (Joh. 5:7). Die Situation vor Ort zeigt uns also deutlich, dass jeder sich selbst am nächsten ist. Keiner hatte Mitleid mit diesem Mann, der doch schon fast vier Jahrzehnte auf Heilung wartet. Vielleicht kann man hierfür auch die geistliche Führung Jerusalems verantwortlich machen – das Schaftor war der Ort, an dem die Opfertiere vor dem rituellen Schlachten gewaschen wurden, war also mit dem Tempel verbunden. Mir fällt besonders auf, dass dieser Mann, den der Herr sofort heilt, nicht weiß, wer sein Wohltäter ist. Er erkennt Christus, ganz anders als der Blindgeborene, von dem in zwei Wochen die Rede sein wird (s. Joh. 9:35-39), nicht. Er hat keinen Menschen, und auf Gott vertraut er wohl auch nicht. Damit gleicht er so vielen von unseren getauften Ab-und-zu-Kirchgängern, die bei irdischen Problemen fragen: „Was können wir (in ritueller Hinsicht) tun, um Hilfe zu bekommen? Welche Gebete gibt es für unser Problem?“ - Sie fragen nach einem Rezept für diese oder jene Notlage, hinterfragen aber ihre Beziehung zu unserem Herrn nicht, Der dem Geheilten mit auf den Weg gibt: „Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt“ (Joh. 5:14). Was kann ich als Priester auf solche Anfragen antworten? Vielleicht das: „Ich kann auch nichts tun, aber Christus kann alles“. Seinerzeit sprach Petrus ja nach der Heilung wiederum eines anderen Gelähmten: „Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann“ (Apg. 3:12). Es ist wie bei den besagten mehr oder weniger regelmäßigen Kirchgängern, die eine rituelle Dienstleistung beanspruchen wollen, dabei Christus aber völlig außer Acht lassen. So ist es ja oftmals schon bei der Taufe ihrer Babys: das Kind soll vor Krankheit, Unglück und vor Einflüssen böser Menschen oder Mächte geschützt werden, doch von einem Leben in Christus, das uns die Kirche vermittels ihres liturgischen Lebens und ihrer Mysterien anbietet, ist hier niemals die Rede. Christus Selbst interessiert die Menschen allzu oft nicht. Aber dann ist es Aberglaube, und kein Glaube an Christus, kein Christentum überhaupt. Der Mensch ist von Gott mit der Freiheit ausgestattet worden, derzufolge Er Christus Gott als absoluten Mittelpunkt betrachten, Ihm eine Nebenrolle in seinem Leben zugestehen oder Ihm aus subjektiver Sicht faktisch gar jegliche Existenzberichtigung absprechen kann. So weitreichend sind die Optionsmöglichkeiten für uns alle. Und entsprechend unserer freien Wahl wird auch die Gegenreaktion am Tag des Gerichts sein.
Alles in unserem Leben geschieht nach Gottes Vorsehung. Wenn dieser Mann über fast vier Jahrzehnte am Teich Betesda liegen musste, dann dazu, um aus Christi Händen das Heil zu erlangen. Aber nicht alle erweisen sich der Gnade Gottes als würdig. Der Teich Betesda steht sinnbildlich für das Taufbecken, in dem jeder von uns kraft des Heiligen Geistes zu neuem Leben erweckt wird. Aber was ist, wenn wir diese Gnade nicht annehmen oder nicht ernst nehmen, nach eigenem Gutdünken leben und Gottes Willen, Gottes Gebote völlig ignorieren?!.. Wenn Christus nicht der absolute Mittelpunkt unserer Bestrebungen ist, wird es dazu führen, dass wir irgendwann auch mal eine „Arche Noah für queere Tiere“ errichten, uns mit „Gendergerechtigkeit“, oder Klimawandel befassen, alle möglichen Toleranzdebatten führen, anstatt in dieser vollkommen aus den Fugen geratenen Welt nach möglichen Wegen zur Erlangung des Königtums Gottes Ausschau zu halten.
Über den Gelähmten vom Schaftor ist zu sagen, dass er nach seiner Heilung direkt in den Tempel gegangen ist, wo er dem Herrn dann ein zweites mal begegnet. Warum er danach, als er den Namen seines Wohltäters erfährt, zu dem Juden geht und Christus denunziert (s. Joh. 5:15), können wir nicht eindeutig sagen. War es Unbedarftheit, Naivität oder eher Bosheit aus Undankbarkeit, die dazu führen, dass die Juden noch mehr darauf aus sind, unseren Herrn zu töten? Für mich liegt die Vermutung nahe, dass dies nicht geschehen wäre, wenn der Mann Christus als den Messias erkannt hätte. Dann wäre es für ihn völlig unerheblich gewesen, dass der Sohn Gottes als Herr über den Sabbat die Sabbatruhe dem Buchstaben des Gesetzes nach nicht beachtet hat.
Was aber den Kern der Sache im Hinblick auf die Heilung des Gelähmten ausmacht, ist der allegorische Bezug zur Taufe Christi. Zu jedem neu Getauften spricht der Herr quasi: „Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt“. Etwas in diesem Sinne dürfte der Apostel Petrus dem geheilten Äneas – und mit ihm uns allen – ins Stammbuch geschrieben haben. Vielleicht sogar das: Die Taufe „dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Christi“ (1 Petr. 3:21). Die Taufe ist folglich unser Mit-Sterben und unsere Mit-Auferstehung in Christus. Ohne diesen fundamentalen Bezug wäre sie bloß eine rituelle Waschung. Amen.