Liebe Brüder und Schwestern,
der sechste Auferstehungstag nach Ostern verkündet uns die Heilung eines von Geburt an blinden Mannes durch Jesus Christus. Überhaupt mag es vielleicht seltsam anmuten, dass wir in dieser vierzigtägigen Zeitspanne, die ja von der Auferstehungsfreude geprägt ist, mit derart irdischen Widrigkeiten konfrontiert werden: mit dem zweifelnden („ungläubigen“) Thomas, mit dem „schwachen“ Geschlecht, welches den ängstlichen Männern die Kunde von der Auferstehung Christi bringt, mit dem Gichtbrüchigen, welcher sich, auf einer Bahre liegend, nach Barmherzigkeit sehnte und Jahrzehnte lang keine Hilfe von den Menschen bekam, mit der Frau am Brunnen von Sychar, welche wahrlich kein Vorbild an Tugendhaftigkeit gewesen war, und zuletzt also mit einem Bettler im Tempelbereich, der noch nicht einmal seine eigenen Eltern jemals erblickt hatte... Menschliche Unzulänglichkeit, irdisches Leid und Hoffnungslosigkeit prägen zu weiten Teilen auch die Welt, in der wir leben. Doch die Begegnung mit dem Herrn verändert alles – sowohl äußerlich als auch innerlich. Deutlich ist dies am Beispiel des Blindgeborenen zu sehen, welcher wohl nicht von ungefähr am Eingang zum Tempelbezirk saß (s. Joh. 8:59-9.1), also nicht von den Mächtigen dieser Welt Linderung seines Leids erhoffte, sondern von Gott, wodurch er sich z.B. vom Gichtbrüchigen am Schaftor unterschied (s. Joh. 5:7).
Unser Herr Jesus Christus hat diesen Menschen dazu auserkoren, dass das Wirken Gottes an ihm offenbar wird (s. Joh. 9:3). Der Herr gibt Seinen Jüngern zu verstehen: „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke Dessen vollenden, Der Mich gesandt hat; es kommt die Stunde, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange Ich in der Welt bin, bin Ich das Licht der Welt“ (Joh. 9:4-5). Was meint der Herr damit? - Im direkten Sinne, natürlich, dass die Zeit Seiner leiblichen Gegenwart auf Erden bald abgelaufen sein wird und Er noch das vollbringen muss, wozu Er vom Vater zu uns entsandt worden ist (vgl. Joh. 11:9-10). Im übertragenen Sinne aber richten sich diese Worte an uns alle. Solange für uns der Tag leuchtet, d.h. solange wir leiblich existieren, müssen wir die Werke Gottes vollbringen, die Er uns aufgetragen hat, denn für jeden von uns kommt unweigerlich die Stunde, in der niemand mehr etwas tun kann. Vielleicht sind diese Worte des Herrn auch als Fazit für die vorangegangenen Lesungen zu den erwähnten Herrentagen der Osterzeit zu verstehen: Hier und jetzt ist es uns gegeben, wie der Apostel Thomas die inneren Zweifel und äußeren Anfechtungen bezüglich der Auferstehung Christi zu überwinden (s. Joh. 20:27-29), denn sonst ist nach den Worten des Apostels Paulus alles in der Kirche völlig sinnentleert: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glauben nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen“ (1 Kor. 15:1–19). Und im Hier und Jetzt können wir wie die Myronträgerinnen unsere Liebe zu unserem Herrn zeigen und Zeugnis von der Auferstehung Christi vor den Menschen dieser Welt ablegen (s. Mt. 28:8-10), so wie wir in jedem Orthros zum Herrentag bekennen: „Die Auferstehung Christi haben wir geschaut, lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesus, den allein Unsterblichen“. Wie der Gelähmte am Teich Betesda am Schaftor können wir nur hier und jetzt die Gebrechen unserer Seele und unsere eigene vollkommene Hilflosigkeit bekennen, damit wir von unserem Herrn Heilung erfahren mögen (s. Joh. 5:5-9). Hier und jetzt haben wir die Gelegenheit, wie die Samariterin den Weg des Heils in der Gemeinschaft mit dem „Erretter der Welt“ (Joh. 4:42) zu finden und unser Leben grundlegend zu ändern, es nach den Geboten Gottes auszurichten. Und schließlich eröffnet sich uns im Hier und Jetzt die Gelegenheit, durch die aufrichtige Suche nach der Wahrheit die Blindheit unserer Herzen abzulegen (s. Mt. 5:6,8), den Herrn zu erkennen, Ihn furchtlos zu bekennen und vor Ihm niederzufallen (s. Joh. 9:30-34;37-38).
Die Erzählung aus dem Johannesevangelium von der Heilung des Mannes am Tempelberg von der physischen und geistlichen Blindheit zugleich hat aber einen ganz konkreten allegorischen Bezug zu uns. Christus ist „das Licht der Welt“ (s.o. Joh. 9:5), gekommen in die Welt, „damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden“ (Joh. 9:39). Nur durch das Licht Christi kann jegliche geistliche Blindheit geheilt werden, während diejenigen, welche den Erlöser ablehnen, trotz ihrer weltlichen Gelehrtheit und menschlichen Weisheit geistlich blind werden (vgl. Mt. 11:25; Lk. 10:21; 1 Kor. 1:21). Der erste Schritt zum Umgeisten besteht darin, „die eigene (geistliche) Blindheit zu sehen“ (s. Jes. 42:16-17). Das betrifft in erster Linie die, welche nicht zur Kirche kommen, weil sie keinen „Bedarf“ an der Gnade Christi haben (sprich, weil sie keine großen Sünder sind), aber auch die über-regelmäßig immer wieder dasselbe Beichtenden, aber nichts wirklich an sich verändern Wollenden („Ich habe gesündigt in Worten, Taten und Gedanken; vielleicht habe ich jemanden ungewollt verletzt“ etc.). Wenn jemand ein abgedunkeltes Zimmer betritt, kann er stolpern, sich irgendwo anstoßen, etwas ungewollt zerbrechen. Zündet er ein Streichholz an, kann er schon etwas sehen. Dann erblickt er eine Kerze, die er anzündet, und schon kann er sich im Zimmer orientieren. Er sieht, dass der Fußboden gereinigt werden muss, dass die Möbelstücke und Wandbilder vom Staub befreit werden müssten. Und wenn er die Fensterläden nur einen Spaltbreit aufmacht, sieht er, wie viele Staubpartikel in der Luft schwirren. Überall Schmutz, den er zuvor nicht sah! So ist es auch mit dem menschlichen Herzen, das mit dem Licht der Erkenntnis Christi erleuchtet wird. Amen.