Predigt zum 5. Herrentag nach Ostern / von der Samariterin (Apg. 9:19-26; 29-30; Joh. 5:1-15) (10.05.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

unser Herr Jesus Christus kommt während der Mittagsglut in eine samaritische Stadt. Er ist müde von der langen Reise und hat Durst. Der Architekt der Welt, der Sohn Gottes des Vaters, Der in Seiner Allmacht „Zeiten und Fristen festgesetzt“ hat (Apg. 1:7) und somit alles im Voraus weiß (s. Ps. 138:3; Jes. 46:10), sitzt dürstend vor einem Brunnen und hat kein Gerät zum Wasserschöpfen. Er spricht und handelt in Bildern. Er wird, als Er ans Kreuz genagelt sein wird, ausrufen: „Mich dürstet“ (Joh. 19:28). Es ist jedoch nicht vom gewöhnlichen Durst die Rede. Es ist die Rede vom Dürsten nach der Wahrheit (s. Mt. 5:6). Er ließ Sich ja von Johannes im Jordan taufen, um „die Gerechtigkeit ganz zu erfüllen“ (Mt. 3:15), damit wir an ihr teilhaben können. Später wird Er allen zurufen: „Wer Durst hat, komme zu Mir, und es trinke, wer an Mich glaubt“ (Joh. 7:37). Nur solche, welche ihren geistlichen Durst durch die Gabe des Heiligen Geistes gestillt haben, werden Gott den Vater „im Geist und in der Wahrheit anbeten“ können (Joh. 4:24). Er Selbst ist die Wahrheit, und Er sagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch Mich“ (Joh. 14:6).

Er hätte auch mitten in der Stadt wie am Horeb eine Quelle entspringen lassen können, doch der Herr vollbringt keine Wunder um Seinetwillen (vgl. Mt. 26:52-54). Wenn Er Sich auch einige Male dem Zugriff der Feinde entzog, dann nur, weil Seine Zeit da noch nicht gekommen war. Und die Situation, in der Er Sich jetzt befindet – dürstend vor dem Brunnen ohne Schöpfutensil – dient in der Vorsehung Gottes der Begegnung mit einer Frau aus der Stadt. Sonst spricht der Herr zu Massen, jetzt ist Er allein mit der Frau. Aber in ihrer Person spricht Er zu uns allen. Ihre fünf Männer symbolisieren unsere fünf Sinne. Wir können, wenn wir wollen, Gott in Fresken und Ikonen sehen, Ihm vor allem in der Lesung des Evangeliums zuhören, im Weihrauch und duftendem Salböl Seine Anwesenheit riechen und uns durch den Geschmackssinn sogar mit Ihm vereinen, wodurch wir durch unsere Sinne Gott dienen – oder wir geben uns sinnlichen Vergnügungen hin, wie es die Frau aus Sychar mutmaßlich durch einen ausschweifenden Lebensstil getan hat. Wenn wir ihr darin nacheifern, wird die Sünde zur Norm und verschwindet aus unserem Bewusstsein, so wie wir es in unserer modernen Gesellschaft heute erleben. Das von Gott geschenkte Leben entsprechend der Natur des Menschen, welche die Harmonie von Schöpfer und Schöpfung voraussetzt, wird durch ein widernatürliches Leben gegen den Willen des Schöpfers ersetzt. Und dieser gefallene Zustand der Natur des Menschen entfremdet ihn von Gott.

Nun aber ist Christus zu uns gekommen – voll Liebe, Mitleid und Sanftmut gegenüber unserer sündhaften Unkenntnis. Er bietet uns Seine Hilfe in der Ausgießung des Heiligen Geistes „über alles Fleisch“ (Joel 3:1; vgl. Apg. 2:17) an. Zu uns spricht Er, wenn Er sagt: „Wenn du wüsstest, Wer zu dir sagt: ´Gib Mir zu trinken!`, dann hättest du Ihn gebeten, und Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Joh. 4:10). Viele von uns wissen auch, Wer zu ihnen spricht: „Kommt alle zu Mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt Mein Joch auf euch und lernt von Mir; denn Ich bin gütig und von Herzen demütig: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn Mein Joch drückt nicht und Meine Last ist leicht“ (Mt. 11:28-30) – und kommen nicht zu Ihm, gerade weil sie sich (angeblich) in diesem Leben plagen und schwere Lasten zu tragen haben. Christus zwingt auch niemanden. Für wen der regelmäßige Kirchgang und die Teilnahme an den Mysterien der Kirche nur eine lästige Pflichtübung ist, der freut sich, wenn er ein „Alibi“ für sein Fernbleiben von der Gemeinschaft mit Gott findet (Entfernung zu groß, Fahrkarten/Sprit zu teuer, Wetter schlecht, alte Frauen in der Kirche böse, die anderen sowieso alle Heuchler, die Priester Menschenfresser). Niemand will sie zu irgendetwas zwingen, sondern nur in Erinnerung rufen, dass „die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh. 4:23). Das Wasser des Taufbades und die Gnade des Heiligen Geistes werden in ihnen dann zur sprudelnden Quelle, „deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh. 4:14).

Gewiss gibt der Herr mit der Hervorhebung von Geist und Wahrheit zu verstehen, dass die Lokalität der Anbetung Gottes unerheblich ist. „Ich kann auch bei mir zu Hause beten“ – lautet die gängige Rechtfertigung der sonn- und feiertags Daheimgebliebenen. Nun, wenn wir davon ausgehen, dass sie die Zeit zu Hause wirklich im Gebet verbringen, ist das schon lobenswert. Aber noch mal, zur Wiederholung: Es ist nicht von Müssen die Rede, sondern von  Wollen. Es ist doch auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen so, dass wir im Falle einer notwendigen oder unausweichlichen räumlichen Trennung medialen Kontakt (früher per Post) zueinander halten – zu Familie, Freunden und Kollegen, aber nichts von alledem kann mir doch die lebendige Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht mit den geliebten Personen ersetzen. Natürlich beten auch regelmäßige Kirchgänger bei sich zu Hause, aber diese Gebete dienen für sie als Vorbereitung auf die vollkommene Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht mit unserem Herrn, Seiner heiligen Mutter, den Engeln und allen Heiligen inklusive uns Sündern. Diese vollkommene Gemeinschaft erleben wir zuvörderst im Mysterium der Heiligen Eucharistie. Wer an diese Gemeinschaft  glaubt, wird kommen und daran teilnehmen wollen, wer nicht glaubt, wird auch gar nicht gezwungen zu kommen. Ganz einfach. Aber an alle richten sich die Worte des Herrn: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an Mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Joh. 6:35). Glauben oder Nichtglauben ist hier die Frage. Amen.      

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch