Liebe Brüder und Schwestern,
das heutige Fest wollen wir zum Anlass nehmen, über Johannes als Wegbereiter zu sprechen (vgl. Joh. 1:29-31; 3:28). Als Prophet war er der Größte von allen (s. Mt. 11:9; Lk. 7:26; vgl. Lk. 1:76), da nur er den Herrn im Fleisch kommen sah und als Täufer im Jordan sogar seine Hand auf Dessen Haupt legen durfte. Und die Umstände seiner Geburt ließen schon vermuten, dass dieses Kind von Gott zu wirklich Großem berufen worden war, „denn es war deutlich, dass die Hand des Herrn mit ihm war“ (s. Lk. 1:66).
Wir erinnern uns daran, dass der Größte unter den von Frauen Geborenen (s. Mt. 11:11; Lk. 7:28) von Gott auserkoren war, vor der Welt das Herabsteigen des Heiligen Geistes auf den Sohn Gottes zu bezeugen: „Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf Ihm blieb. Auch ich kannte Ihn nicht; aber Er, Der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, Er hat mir gesagt: ´Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem Er bleibt, Der ist es, Der mit dem Heiligen Geist tauft`. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes“ (Joh. 1:32-34). Als Vorläufer Christi wurde er völlig zu unrecht verhaftet und ohne Urteil hingerichtet, womit er den Leidensweg Christi im voraus abbildete. Hier muss er auch die schrecklichste aller Qualen durchgemacht haben – die Gottverlassenheit (vgl. Mt. 27:46; Mk. 15:34), die jeder Mensch in seiner Todesstunde durchmachen muss. Es ist quasi schon die Hölle, denn nichts ist auch nur annähernd so schlimm wie das. Johannes ging unserem Herrn also mit der Seele in den Scheol voraus und verkündigte den dort gefangenen Seelen die nahende Errettung durch unseren Herrn. Er war und ist also Vorläufer Christi sowohl für die Lebenden als auch für die Toten.
Soweit alles klar?.. Wirklich?!.. Aus meiner Sicht bleibt aber noch die Frage, warum der Prophet und Täufer, der sich selbst als „Freund des Bräutigams“ bezeichnete, der „dabeisteht und ihn hört“ und sich „über die Stimme des Bräutigams“ freut, aus dem Kerker zwei seiner Jünger zu Christus schickt, um Ihn zu fragen: „Bist Du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt. 11:3; Lk. 7:19-20). Wie verträgt sich das mit den zuvor geäußerten Worten: „Diese Freude ist für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh. 3:29-30). Aufgrund dieser von Johannes getroffenen Aussage feiern wir die Geburt des Herrn übrigens am Tag der Wintersonnenwende, wenn das Licht wieder „zunimmt“, während das Geburtsfest des „Freundes des Bräutigams“ auf den Tag der Sommersonnenwende fällt, also wenn das Licht wieder „abnimmt“.*)
Es muss verwundern, warum der Täufer offensichtlich nach einer Bestätigung für die Wahrhaftigkeit des Gesalbten Gottes sucht. Sind ihm im Verlies des Königspalastes etwa Zweifel gekommen. Die heiligen Väter, allen voran der heilige Johannes Chrysostomos, liefern eine überaus plausible Erklärung dafür: Es ging dem Täufer darum, seine Jünger, die ihm ja auf menschliche Weise anhingen und für die Jesus so etwas wie ein Konkurrent ihres Meisters gewesen war, zu überzeugen (vgl. Joh. 3:26-28). Sie sollten es selbst aus dem Munde des Messias hören: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an Mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt. 11:4-6; Lk. 7:22-23). Dieses Gespräch der beiden Jünger ereignete sich kurz nachdem der Herr den Sohn der Witwe von Nain auferweckt (s. Lk. 7:11-17), danach viele Menschen von ihren Krankheiten und Leiden geheilt, andere von bösen Geistern befreit und vielen Blinden das Augenlicht geschenkt hatte (s. 7:21). Das alles mussten die Jünger mitbekommen oder z.T. auch mit eigenen Augen gesehen haben. Somit dürfte der „Plan“ des Täufers voll und ganz aufgegangen sein.
Es gibt aber noch eine andere Interpretation für die Entsendung der beiden Jünger zu Christus, eine „menschliche“ Erklärung. Auch die sollte man sich zumindest anhören. Demnach hatte Johannes womöglich aus dem Kerker nicht mitbekommen, welche Wunder der Herr in dieser Zeit nach seiner Gefangennahme vollbracht hatte. Als frommer Israelit, welcher fest an die Ankunft des Messias glaubte und die Ausrufung Seines Reiches erwartete, konnte er der Verzweiflung anheimgefallen sein ob des wahrnehmbaren Triumphs des Bösen in der Welt. Die Heiden herrschten immer noch über das Volk Gottes, soziale Ungleichheit und Missstände waren nicht beseitigt, der moralische Zustand der meisten Menschen war auf einem Tiefpunkt. Auch als Prophet sieht und weiß man nicht alles. Dass das Königtum Gottes nicht an äußeren Zeichen erkennbar sein wird, sondern im Inneren der Menschen Gestalt annehmen wird (s. Lk. 17:21) – und das trotz aller irdischer Betrübnis, kann er wahrscheinlich nicht gewusst haben. Denn „mit dem Königtum Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät: dann schläft er und steht wieder auf. Es wird Nacht und es wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht“ (Mk. 4:26-28). So auch hier? Ich persönlich tendiere aber zur ersten Version. Amen.
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*) Rein astronomisch hat sich das Datum der sommerlichen bzw. winterlichen Sonnenwende im Laufe der Jahrhunderte gemäß dem Julianischen Kalender um einige Tage verschoben, was auf eine Ungenauigkeit der alexandrinischen Astronomen in ersten Jahrhundert vor Christus zurückzuführen ist. Entscheidend ist hierbei aber der symbolische Aspekt dieser Konstellation, der in diesem Sinne zudem ja nur auf die nördliche Hemisphäre zutrifft. Auf der Südhalbkugel wird heute nämlich Weihnachten im Sommer und die Geburt des Täufers im Winter gefeiert. Diese Erwägung spielte für die „Ökumene“ (die bewohnte = zivilisierte, Welt) im Römischen Reich zu Anfang unseres Jahrtausends aber keine Rolle.