Liebe Brüder und Schwestern,
der größte Teil des Kirchenjahres definiert sich formal und auch faktisch als Nachgang des Pfingstfestes. So begehen wir heute den neunten Herrentag nach Pfingsten; am Ende kann es, je nach Oster- bzw. Pfingsttermin, maximal bis zum 37. Herrentag nach Pfingsten gehen. Pfingsten ist das Gründungsfest der Kirche, an dem wir der Niedersendung des Heiligen Geistes gedenken. Aber um zu verstehen, was sich für uns Menschen durch die Salbung mit dem Heiligen Geist (s. 1 Joh. 2:27) grundlegend geändert hat, wollen wir uns heute in die Worte des heiligen Apostels aus dem ersten Korintherbrief vertiefen: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr“ (1 Kor. 3:16-17).
Vor der Auferstehung Christi und vor der Ausgießung des Heiligen Geistes „über alles Fleisch“ (Apg. 2:17; vgl. Joel 3:1) hätten solche Worte niemals ausgesprochen werden können. Die antike Kultur betrachtete den menschlichen Leib als etwas Minderwertiges, als eine Art Gefängnis, aus dem es sich zu befreien galt. Aber jetzt ist Christus auferstanden – und wir werden es mit Ihm tun, denn alle Menschen werden mit ihrem durch Christus erneuerten Leib auferstehen. Doch dann wird es darauf ankommen, was sie aus ihrem Leben im Fleisch gemacht haben, ob sie ihr Leben auf dem Grund aufgebaut haben, der von den Aposteln gelegt wurde (s. 1 Kor. 3:10). „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt“ (1 Kor. 3:11-13). Vom Zusammenhang her geht es dem Apostel darum, dass er, Paulus, bei der Verkündung auf dem „Ackerfeld Gottes“ (gemeint sind hier die zum Glauben gekommenen Korinther) „gepflanzt“ und Apollos „begossen“ hat, aber am Ende nur Der etwas bedeutet, „Der wachsen lässt“ – Gott. Für die „Mitarbeiter“ gibt es am Ende einen Lohn, welcher der aufgewendeten Mühe entspricht (s. 1 Kor. 3:5-8). Auch jeder von uns ist aufgefordert, auf dem gelegten Grund weiterzubauen. Und dieses Weiterbauen wird entscheidend sein an „jenem Tag“, dem Tage des Herrn.
Der Apostel verwendet also die Metapher des Tempels in Bezug auf unsere Leiber. Der alttestamentliche Gottesdienst bestand aus vielerlei Opfern, dem sich ebenso viele private bzw. freiwillige Opfer anschlossen. Sie alle bildeten im Voraus das Opfer Christi des Erlösers ab, mit dem die Schuld des Menschen getilgt werden sollte. Darüber hinaus gab es im alten Bund schon Andeutungen dafür, dass Gott nicht blutige Tieropfer und materielle Darbringungen erwartet (s. Jes. 1:11; Hos. 8:13; Am. 5:23), sondern geistliche Opfer, welche die rituellen Darbringungen überhaupt zu solchen machen oder diese gar ersetzen und überflüssig machen (s. Ps. 50:17-21;140:2). Das Blut der Opfertiere deutete lediglich auf den blutigen Opfertod des Sohnes Gottes hin. Im Neuen Testament will Gott aber „im Geist und in der Wahrheit“ (Joh. 4:23) angebetet werden, was einzig Seinem überhimmlischen Wesen entspricht, denn „Gott ist Geist“ (Joh. 4:24). Deshalb dürfte kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass die würdige Teilnahme am Mysterium der Eucharistie – der Danksagung – das vornehmste Opfer ist, das Menschen Gott darbringen können. Aber auch hier ist, wie im Falle der Brandopfer im Tempelkult, nicht die äußere Form entscheidend, sondern der Zustand der sich an Gott wendenden Seele. Wie im Alten Bund nicht die Häufigkeit, die Menge oder die Beschaffenheit der Opfergaben an sich entscheidend waren, so ist auch bei der Heiligen Kommunion nicht die Anzahl der Teilnahmen oder der äußere Rahmen ausschlaggebend für Gottes Huld. Und selbstverständlich ist es eine von Gott besonders wohlwollend aufgenommene Gabe, wenn jemand nach dem Vorbild Christi sein Leben für seine Brüder und Schwestern im Glauben hergibt (Joh. 15:13; 1 Joh. 3:16). Doch auch in Zeiten, in denen es nicht die Gelegenheit zum blutigen Martyrium gab, bestand immer die Möglichkeit, Gott durch unblutiges Martyrium zu dienen: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre Gottesdienst“ (Röm. 12:1). Es ist wohl aus gegebenem Anlass nicht verkehrt, gleich hinzuzufügen, was damit in diesem Zusammenhang gemeint ist: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was Ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm. 12:2). Ganz auf einer Linie ist hier der heilige Maximus Confessor (+662), dem zufolge der Verstand des Menschen der Rüsttisch, das Herz der Altar und der Leib des Menschen der Tempel ist. Das alles sollte ausreichend Beleg dafür sein, dass ein kirchlich gesegnetes Leben in Christus, basierend auf den Mysterien des Heiligen Geistes (die ja alle der Heiligung von Leib und Seele dienen), die Erfüllung der Worte Christi dahingehend sind, dass Gott nicht mehr an einer bestimmten Stätte, auch nicht (im Tempel) zu Jerusalem, angebetet werden wird, sondern im Geist und in der Wahrheit (s. Joh. 4:21,23,24). Damit ist gemeint, dass der wahre Gottesdienst in unseren Leibern, in unseren Herzen stattfinden muss. „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen“ (1 Petr. 2:4-5). Amen.