Predigt zum 12. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor. 15:1-11; Mt. 19:16-26) (23.08.2026)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

wir begegnen heute einem jungen Mann (s. Mt. 19:20), der den Herrn mit der Frage aller Fragen konfrontiert: „Was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mt. 19:16). Immerhin deutet diese Fragestellung darauf, dass es ihm nicht um irdische Belange ging, sondern um himmlische, nicht um zeitliche Dinge, sondern um ewige. Das ist schon mal lobenswert. Ich bin seit beinahe dreißig Jahren Priester und nicht ein Mal kam zu mir jemand mit dieser Frage. Meistens kommen die Menschen mit irdischen Sorgen: „Welche Gebete gibt es für mich, damit ich oder meine Nächsten gesund werden?“ Oder besser: „Welche kirchlichen Riten helfen in dieser oder jener Notlage?“ - also in dem Sinne, dass ich bloß eine Fürbitte am Kerzentisch „bestellen“ kann, dann selbst aber gar nicht anwesend sein muss, wenn der Priester den „Auftrag“ ausführt. Was bei diesen fast täglich gestellten Fragen von Grund auf befremdlich ist, sind zwei Sachen: Erstens geht es den Menschen in den allermeisten Fällen nicht um das ewige Heil, sondern um das zeitliche Wohlergehen (vgl. Mt. 16:33; Lk. 12:31) und zweitens zeugt die so offenbarte Herangehensweise davon, dass die allermeisten Menschen nicht die Notwendigkeit sehen, etwas an sich selbst zu ändern (vgl. Mt. 7:3-5; Lk. 6:41-42). Sie suchen nach einfachen Lösungen, die von ihnen selbst den geringsten Aufwand erfordern (Gedenkzettel schreiben, Geld bezahlen und sich weiter den Dingen dieser Welt nach eigenem Gutdünken zuwenden). Ja, diesen Ablasshandel gibt es bei uns, wenn auch nicht kanonisch-dogmatisch legitimiert. Er beruht auf oberflächlicher Vorgehensweise, sprich, auf einem nur rudimentär vorhandenen Glauben. Und genau dasselbe beobachten wir bei den Menschen im Israel vor zweitausend Jahren, für die unser „reicher Jüngling“ stellvertretend ist. Auch wenn schon damals nicht alle zur gesellschaftlichen Oberschicht gehörten, verfügt doch jeder über etwas, das ihm lieb und teuer ist. Der frivole Lebensstil, die ausgefallenen Partys, die teuren Hobbys, das legere Outfit, das burschikose Auftreten u.v.m. Im digitalen Zeitalter sind die Variationsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt. Und wer dann doch noch ein kleines Kämmerlein im Herzen für Gott freihält, der sucht nach Möglichkeiten, dies alles zu bewahren und Gott irgendwie still zu stellen. „Was muss ich tun, um möglichst einfach in den Himmel zu kommen?“… „Alle suchen ihren Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi“ (Phil 2:21).

Dabei sollte uns allen klar sein, dass Gott nicht an Anstrengungen und Mühen an sich gelegen ist. Gott will das Herz des Menschen (s. Spr. 23:26). Aber das Herz kann man nur an jemanden verschenken, es demjenigen geben, den man liebt. Weder kann man es verkaufen noch kann es einem gewaltsam entrissen werden, außer im Märchen (s. „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff oder „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen). Rigides Fasten und  ausgiebige Gebetsregeln, überhaupt alle äußeren Vorschriften und Attribute sind völlig wertlos und sogar gefährlich, wenn man durch sie allein Gott für seine Sache milde stimmen will. So war es schon im Alten Bund, so ist es umso mehr heute (s. Mt. 9:13a). Solche „Deals“ braucht Gott nicht. Er gibt Seine Gnade völlig umsonst denen, die Ihn lieben, also denen, welche auch bereit sind, Seinem Willen zu folgen und Seine Urteile zu akzeptieren (s. Joh. 1:12-17). Die Probe aufs Exempel ist hierbei die Frage: Bist du bereit, deine irdischen Güter (materielle und ideelle) für Gott aufzugeben und Ihm kompromisslos nachzufolgen?!.. Noch meinen viele, Gott und dem Mammon dienen zu können (vgl. Mt. 6:24; Lk. 16:13), aber es kommt der Tag, an dem man sich entscheiden muss: Für Christus sterben oder Ihn verleugnen und dafür die trügerischen Vorzüge des Lebens genießen zu dürfen. Dann werden durch Christus viele „zu Fall kommen und viele durch Ihn aufgerichtet werden, und Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden“ (Lk. 2:34-35). Dieser Moment der Prüfung kommt für jeden Menschen unausweichlich, spätestens zu seiner Todesstunde.

Im Moment brauchen wir uns noch nicht von allen Gütern dieser Welt zu trennen, um Christus unsere bedingungslose Treue zu beweisen. Was wir aber jetzt schon tun können, ist so zu leben, dass wir Christus über alles stellen. „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil. 1:21), sagt der Apostel Paulus. Dies vollzieht sich im Herzen des Menschen. Und das Herz des Menschen wird gereinigt durch Gebet und Fasten, durch regelmäßiges Beichten und den Empfang der Heiligen Gaben. Aber immer ist das Innere über das Äußere zu stellen. Auch hier: „Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote!“ (Mt. 19:17b), sagt der Herr. So nennt der Herr an erster Stelle die Gebote der Nächstenliebe (s. 19:18-19), die natürlich die Grundvoraussetzung für ein gottgefälliges Leben darstellen. Aber Vollkommenheit (s. Mt. 19:21) – ein Synonym für Barmherzigkeit (vgl. Mt. 5:48 und Lk. 6:36) – setzt schon das Nachahmen des Wesens Gottes (s. Ps. 102:8) voraus, und „Gott ist Liebe“ (1 Joh. 4:16). Diese Liebe müssen wir zuerst in Bezug auf unseren Nächsten anwenden, wie es der Herr in der heutigen Unterhaltung vorgibt. Doch auch hier unterscheiden wir zwischen leiblicher Barmherzigkeit und geistlicher. Bedürftigen zu helfen ist ein Gebot der Nächstenliebe. Doch noch viel höhere Barmherzigkeit ist, wenn wir Verirrte auf den rechten Weg zurückführen, den geistlichen Hunger und Durst der Menschen stillen, ihnen zeigen, wie man sein Herz für Gott rein hält, wenn wir ihnen den Frieden Gottes bringen. Dann wird unser Lohn im Himmel groß sein, da wir in der Nachfolge Christi „einen bleibenden Schatz im Himmel haben“ werden (Mt. 19:21). Amen.

Jahr:
2026
Orignalsprache:
Deutsch