Liebe Brüder und Schwestern,
„was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“ (Lk. 6:31) – mit diesen Worten aus der Bergpredigt beginnt die heutige Lesung aus dem Evangelium. Diese „Goldene Regel“ würde wahrscheinlich jeder halbwegs anständige Mensch, egal ob gläubig oder nicht, unterschreiben und als Maßstab für jegliches zwischenmenschliche Handeln gelten lassen. Ist ja auch nicht allzu schwer zu erfüllen, - sollte man meinen. Doch schon bei der Umsetzung dieser elementarsten moralischen Norm bemerken wir, dass bei uns Theorie und Praxis manchmal meilenweit auseinandergehen. Wenn es mir schlecht geht, will ich, dass alle Menschen gefälligst ohne meine Hilferufe ihr Augenmerk auf meine schwierige Situation richten und mir aus der Patsche helfen. Was kostet es euch, mir in meiner Not ein klein wenig zu helfen?!.. Aber zeige ich die gleiche Empathie, wenn andere in die Bredouille geraten sind? Es ist fürwahr ein großer Schritt von der Theorie zur Praxis. Und wenn wir diese kleine, natürliche Norm nicht erfüllen, wie sollen wir dann das höchste Gebot der Liebe zu den Feinden (s. Lk. 6:27-30), diese übernatürliche Norm, die uns Gott nichtsdestotrotz abverlangt, erfüllen?! In der Theorie ist es ja sehr einfach, alle Menschen zu lieben, aber in der Praxis fällt es einem extrem schwer, auch nur einen konkreten Menschen zu lieben (vgl. Lk. 10:27-35). Liebe wird dann auch nur zu einer Worthülse, einer nichtssagenden Floskel.
Da wir aber schon dabei sind, wollen wir uns eingehend mit der aus menschlicher Sichtweise wohl berechtigten Frage auseinandersetzen, ob Liebe zu den Feinden überhaupt möglich ist, und wenn ja, wie?! Denn ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Klar, aus dem menschlichen Blickwinkel, aus dem des Sünders, kann man naturgemäß nur seine Angehörigen und Freunde lieben (s. Lk. 6:32-34), d.h. nach den Gesetzen der gefallenen Natur. Und wir befinden uns doch alle im gefallenen Zustand, oder?
Gut, dann lasst uns doch essen, trinken und fröhlich sein, das Leben in vollen Zügen genießen und nur die schweren Sünden vermeiden (vgl. Lk. 12:19)! Eine prima Lösung ist das! Aber haben wir in der Taufe und der Myronsalbung nicht die Befreiung von der Erbschuld der Ureltern erhalten, sind wir somit nicht in Christus getauft worden (s. Gal. 3:27)?!.. Und „wie können wir, die wir für die Sünde tot sind, noch in ihr leben?“ (Röm. 6:2)... Also gibt es keine Selbstrechtfertigung mehr für unsere Sünden. Und deshalb hat der Herr „das Recht“, von uns das zu erwarten, was der uns von Ihm verliehenen Gnadengabe entspricht: „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhofft. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch Er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk. 6:35-36). Unser Herr hat es vorgemacht, als Er ans Kreuz geschlagen wurde (s. Lk. 23:34). Und wenn wir auf Christus in Seinen Tod getauft und dadurch auch in der Auferstehung mit Ihm eins geworden sind, „sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm. 6:4c). Soll heißen, wir sollen und können unsere Feinde lieben. Ernsthaft.
Liebe ist in den Augen Gottes keine Emotion, sondern Tätigkeit. Tätige Liebe oder gar nichts! Es ist einfach, von Herzen die zu lieben, die dich lieben. Niemand erwartet, dass ich einen Übeltäter so in mein Herz schließe, wie ein süßes kleines Kind oder eine liebe alte Dame aus meiner Gemeinde. Doch wenn ich die „goldene Regel“ ernst nehme, dann darf ich in Bezug auf tätige Nächstenliebe keinen Unterschied machen zwischen einem liebenswerten Zeitgenossen und einem widerwärtigen Kerl. Sicherlich ist es vor Ausübung meiner Hilfsbereitschaft vom Gefühl her angenehmer, einem mir persönlich angenehmen Menschen Gutes zu tun, aber mit Gottes Beistand kann sich mein Herz nach (bzw. schon während) der erwiesenen Wohltat für den Gegenüber erwärmen – und, wer weiß, vielleicht auch sein Herz für mich? Für Gott ist doch alles möglich (s. Mt. 19:26; vgl. Lk. 1:37). Und so erweist sich, dass ich durch die konsequente und unbeirrte Befolgung der „goldenen Regel“ Gott in Seiner Barmherzigkeit nacheifere, nicht nur theoretisch und äußerlich, sondern auch praktisch und im Innersten meines Herzens. Wenn ich somit im Kleinen treu gewesen bin, kann ich es auch im Großen sein und dadurch in die Freude meines Herrn eingehen (s. Mt. 25:21,23). Und was gibt es Schöneres als das?! Die mir bis gerade eben noch lästigen und unangenehmen Mitmenschen sind der Schlüssel für mein Eingehen in die ewige Freude des Herrn!!! Ich müsste ihnen vor Dankbarkeit doch um den Hals fallen...
Trotz unserer natürlichen Schwachheit und Nutzlosigkeit können wir also Übernatürliches bewirken und das Paradies erlangen. In Christus wird Übermenschliches für Menschen möglich! Nur in Christus, denn ohne Ihn können wir nichts bewirken (s. Joh. 15:5). Bloß, warum wenden wir uns nicht an Christus in unserer geistlichen Not? Wir müssten doch jede sich uns bietende Gelegenheit nutzen, um Ihn um Hilfe anzuflehen und uns solche „netten“ Menschen schicken, an denen wir unsere tatkräftige Nächstenliebe beweisen können. Aber dazu sind wir einfach nicht in der Lage. Macht aber nichts. Selbst wenn ich keine Arme und Beine hätte und man mir die Zunge herausschneiden und die Augen ausstechen würde, – ich also keine aktiven guten Werke vollbringen könnte, – könnte ich mich im Herzen zu jeder Zeit freuen, dazu ohne Unterlass beten, dem Herrn für alles danken und so den Willen Christi erfüllen (s. 1 Thess. 5:16-18). Und das ist es, was der heilige Seraphim meint: „Erlange einen friedvollen Geist (= die Gnade des Heiligen Geistes), und tausende um dich herum werden gerettet“. So einfach ist das. Amen.