Liebe Brüder und Schwestern,
jeder, der seit seiner Kindheit in die Kirche geht, kennt das Gleichnis vom reichen Mann und dem Bettler Lazarus. Der Reiche trug teure Kleidung und saß täglich mit seinen Freunden zu Tisch und feierte. Lazarus aber lag vor der Hofeinfahrt des Reichen und litt große Not. Der Herr zeigt uns diesen Kontrast zweier irdischer Zustände, der sich in der jenseitigen Welt ins totale Gegenteil wendet. Der Arme wird nach dem Tod von den Engeln in Abrahams Schoß getragen und darf an der Herrlichkeit Gottes teilhaben, während der Reiche nun als Lohn die ewige Verdammnis empfängt. Es bewahrheiten sich die Worte der neutestamentlichen Schrift, die der Apostel Paulus allen Lebemännern ins Stammbuch schreibt: „Täuscht euch nicht: Gott lässt keinen Spott mit Sich treiben. Was der Mensch sät, wird er ernten. Wer im Vertrauen auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten, wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun: denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Deshalb wollen wir, solange wir noch Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind“ (Gal. 6:7-10). Von wegen, „der Glaube allein rettet“. Der Name des Reichen wird (im Unterschied zum Bettler) von Christus wohl deshalb nicht erwähnt, weil er nicht in das „Buch des Lebens“ (s. Offb. 13:8) eingetragen worden ist. Er wird im ewigen Leben niemanden mehr interessieren, während „Lazarus“ stellvertretend für die Hoffnung auf die Auferstehung (s. Joh. 11) steht. Der anonyme Reiche war aller Wahrscheinlichkeit nach kein Gottesleugner, schließlich erkannte er Abraham aus der Ferne und nannte ihn „Vater“, was zumindest auf eine ideelle Verbindung zum Stammvater der Gottgläubigen schließen lässt. Er war vielleicht auch kein ausgesprochen böser Mensch, aber für einen wie er, der viel bekommen hat, war das bei weitem nicht genug, denn: „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen“ (Lk. 12:48). Da er bloß einen oberflächlichen und fruchtlosen Glauben hatte, sah er keine Veranlassung dafür, sein Leben nach den Geboten Gottes auszurichten. Als Angehöriger des Volkes Israel kannte er doch „Moses und die Propheten“ (Lk. 16:29,31), doch befolgte er die von ihnen offenbarten Anweisungen Gottes nicht, wo es u.a. heißt: „Ihr sollt auf Meine Gebote achten und sie befolgen; Ich bin der Herr. Ihr sollt Meinen heiligen Namen nicht entweihen, damit Ich inmitten der Israeliten geheiligt werde: Ich, der Herr, bin es, Der euch heiligt. Ich, Der euch aus Ägypten herausgeführt hat, um euer Gott zu sein, Ich bin der Herr“ (Lev. 22:31-33; vgl. 19:37). Und der Herr sorgte Sich von Anfang an um die Armen, indem Er u.a. im Gesetz des Moses spricht: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie den Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott“ (Lev. 19:9-10). Beim Propheten David steht zudem Folgendes geschrieben: „Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und alle seine Bewohner“ (Ps. 23:1). Passend zur heutigen Erzählung wird dieser Vers am Ende des Begräbnisritus gelesen, wenn der Sarg an der Grabstelle in die Erde herabgelassen worden ist und der Priester ein paar Erdkrümel auf diesen herabfallen lässt (und die Trauergemeinde nach ihm). Den Reichen und Sorglosen wird quasi auf den Weg gegeben, dass nicht sie die wahren Eigentümer der irdischen Güter sind, sondern Gott, Der jedem von uns in unterschiedlichen Maßen etwas von diesen Schätzen anvertraut hat – auf Zeit! Wenn wir aber heute sehen, dass in praktisch allen Ländern der Welt das Vermögen von 1% der Reichsten im Vergleich zu den restlichen 99% unvergleichlich größer ist, kann ich, ehrlich gesagt, nur noch Mitleid für diese armen Reichen empfinden. Lieber wäre ich wie der arme Bettler, der vielleicht auch nichts Gutes in seinem Leben getan hat, doch zum Unterschied zu dem Reichen auch nicht die Gelegenheit dazu hatte, weil ihm die finanziellen und körperlichen Mittel dazu fehlten. Gott allein weiß, was gewesen wäre, wenn er an Stelle des Reichen gewesen wäre. Ich glaube, rückwirkend, d.h. aus dem Blickwinkel von Abrahams Schoß betrachtet, wird er überglücklich gewesen sein, dass er als kranker armer Mann auf Erden lebte und nicht als gesunder Reicher, infolgedessen er gar nicht in die Verlegenheit kam, Bedürftigen etwas von seiner überreichen Habe geben zu können. Er verdiente sich den Platz im Paradies dadurch, dass er sich mit seinem Los abgefunden hatte.
Gott hat in dieser Welt alles so eingerichtet, dass für alle mehr als genug für ihren Lebensunterhalt vorhanden ist. Es hapert aber an der gerechten Verteilung, für die Gott nicht zuständig ist, sondern wir. Und doch geschieht das alles im Einklang mit der Vorsehung Gottes, weil Gott die Menschen so zum Heil führen will. Die überwiegende Mehrheit der Menschen auf unserem Planeten lebt heute im Elend, während verhältnismäßig wenige Glückliche, zu denen auch wir zählen, einen gewissen Wohlstand, dazu noch Frieden und Sicherheit genießen dürfen. Die Entwicklung scheint aber darauf hinauszulaufen, dass sich das globale Sozialgefüge in die entgegengesetzte Richtung neigt, dass reiche Industrieländer in wenigen Jahrzehnten in Chaos und Elend versinken, während die bislang armen, vom Westen gnadenlos ausgebeuteten Staaten zu neuer Blüte erwachen werden. So ändern sich möglicherweise die Vorzeichen für die Erlangung des Seelenheils zu unserem Vorteil. Gott sei Dank! Amen.