Liebe Brüder und Schwestern,
ein großes Missverständnis beinhaltet die Meinung, dass sich Reichtum und die Möglichkeit der Errettung ausschließen. Häufig wird dann die Stelle aus der Bibel zitiert, die wir heute lasen:
„Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer eingehen in das Königtum der Himmel. Wiederum aber sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Königtum Gottes eingehe.“
Ähnliches könnte man auch vermuten, wenn man das Gleichnis von dem Reichen und dem Lazarus hernimmt, auch hier hatte der Reiche diese Möglichkeit nicht. Ist das aber wirklich so einfach?
Metropolit Antony von Sourozh erzählte in einer seiner Predigten einmal dazu die folgende Geschichte:
„Ein Mann sagte damals zu mir: ‚Verstehst du etwa nicht, dass du in dem Moment, in dem du eine Kupfermünze festhältst und nicht bereit bist, deine Hand zu öffnen, um diese fallen zu lassen, deine verkrampfte Hand verloren hast, ja deine ganze Hand und sogar deinen Körper? Denn du hast deine Aufmerksamkeit nur darauf gerichtet, diese Kupfermünze nicht zu verlieren und begreifst nicht, dass du alles andere dabei aus den Augen verlierst!‘“
Es ist also nicht der Reichtum an sich, der die Möglichkeit der Errettung verhindert, sondern unsere Einstellung zu diesem.
Denken wir an Hiob im Alten Testament, ein Beispiel dafür, dass ein Reicher die Errettung erlangen kann. Er hatte alles: Er und seine Familie waren gesund, besaßen Reichtum, Haus und Hof, eine glückliche Familie. So ein Leben war nach der Auffassung der damaligen Gesellschaft ein Zeugnis dafür, dass dieser Mensch einen gottgefälligen Lebenswandel führte. Plötzlich fiel eines nach dem anderen weg und der Teufel frohlockte schon, dass sich Hiob Gott entsagen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Hiob blieb treu, obwohl auch Familie, Verwandte und Freunde lästerten, dass er doch jetzt allen Grund hätte, Gott zu entsagen.
Gott belohnt die Treue Hiobs, der letztendlich von seiner Krankheit erlöst wird und einen großen Besitz erlangte. Also, weil Hiob nicht an den irdischen Dingen festhielt und Gott treu blieb, erlangte er letztendlich die Errettung.
Und das ist genau der Punkt des heutigen Evangeliums. Der Jüngling darin verhielt sich gesetzeskonform. All die Gebote hielt er ein:
„Du sollst nicht morden.“, „Du sollst nicht ehebrechen.“, „Du sollst nicht stehlen.“, „Du sollst nicht falsches Zeugnis geben.“, „Ehre den Vater und die Mutter.“, und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Auch wir treffen häufig die Meinung an, dass wir doch alles einhalten und damit eigentlich doch schon genug sei. Doch Christus erläuterte ihm und damit auch uns, dass das zur Vollkommenheit nicht reichen würde:
„Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach.“
Und hier kommen diejenigen, die nicht an Gott glauben und auch diejenigen, die dieses nur oberflächlich tun, an ihre Grenzen.
Jesus stellte den Jüngling auf die Probe. Würde er das so umsetzen oder nicht? Es war eine Gewissensprüfung, denn
„Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt hinweg; denn er hatte viele Besitztümer.“
Seine Hand war verschlossen. Er hielt die Kupfermünze weiter fest, er richtete sein ganzes Augenmerk auf sie.
Der heilige Kirchenvater Clemens von Alexandrien (150-215) schrieb in seinem Werk „Quis dives salvetur? Welcher Reiche wird gerettet werden?“ folgendes:
1. Daher muß man die Bezeichnung „die Reichen“ richtig auffassen, von denen es heißt, daß sie schwer in das Himmelreich kommen werden, nicht ungeschickt oder plump oder fleischlich; denn so ist es nicht gesagt. Auch beruht das Heil nicht auf den äußeren Dingen, nicht darauf, ob diese viel oder wenig, klein oder groß, ruhmvoll oder unrühmlich, angesehen oder unangesehen sind; vielmehr beruht es auf den Tugenden der Seele, Glaube, Hoffnung, Liebe, Güte, Erkenntnis, Sanftmut, Demut, Wahrheit: ihr Siegespreis ist das Heil.
[…]
5. So kann auch ein Mittelloser, dem es am Nötigsten zum Leben fehlt, als berauscht von seinen Leidenschaften erfunden werden, und einer, der an Schätzen reich ist, als nüchtern und arm an Lüsten, gläubig, verständig, rein, zuchtvoll.
[…]
7. Und wir wollen die Ursache für die Entscheidung nirgends mehr sonst suchen als in der Beschaffenheit der Seele und darin, wie es sich bei ihr mit dem Gehorsam gegen Gott und der Reinheit, mit der Übertretung der Gebote und der Häufung der Sünden verhält.
Jeder von uns ist auf seine Art reich. Das muss nicht unbedingt materieller Reichtum sein, das können auch Gaben, Fähigkeiten usw. sein. Sind wir bereit, anderen von diesen abzugeben? Zu helfen? Zu unterstützen? Liebe und Barmherzigkeit ihnen gegenüber zu zeigen?
Sind wir bereit, Gott zu opfern? Geben wir ein Zehntel unserer Ressourcen Gott, wie es im Alten Testament gefordert wurde? Das muss nicht zwingend auf den Prozentpunkt genau unser materielles Einkommen betreffen. Sondern das kann auch die Zeit sein, die wir in der Woche Gott spendieren. Wieviel bete ich, nehme ich an den Gottesdiensten in der Kirche teil? Wieviel Aufwand spendiere ich, anderen beizustehen, sie zu unterstützen?
Wenn wir diese Fragen ernsthaft beantworten, dann können wir der Frage „Wer kann dann errettet werden?“ positiv entgegensehen.
Denn
„Jesus aber blickte sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich; bei Gott aber ist alles möglich.“
Amen.