Vater Alexander Mens Erbe in der modernen russischen Orthodoxie
Der Name Alexander Men ist einer der bekanntesten und widersprüchlichsten in der Geschichte der Russischen Kirche des 20 Jahrhunderts. Fast alle russischen Christen kennen ihn und auch viele außerhalb Russlands. Aber so viele Menschen, so viele Meinungen… Am 9. September ist der 20. Jahrestag seines Dahinscheidens. Zu diesem traurigen Anlass beschäftigen wir uns im Folgenden mit dem Erbe von Vater Alexander.
„Mich in Tränen ergießend, fragte ich alle, die IHN je gesehen haben, nach Gott:
die wahrhaft weisen Propheten, Apostel und Väter…
Unter Tränen und großem Herzenskummer habe ich sie angefleht, mir zu sagen,
wo, oder an welcher Stelle, oder wie und auf welche Weise sie IHN gesehen haben?“[1]
Hl.Simeon der Neue Theologe
In der Geschichte der russischen Kirche des 20. Jahrhunderts ist der Name Alexander Men einer der bekanntesten und widersprüchlichsten. Fast alle russischen Christen kennen ihn und auch viele außerhalb Russlands. Für seine Schüler ist er einer der herausragendsten Prediger, Hirten und eventuell Theologen unserer Zeit. Sein Tod war zweifellos der eines Märtyrers. Auch für die Gegner von Vater Alexander sind seine Werke ein prägendes Ereignis des kirchlichen Lebens der 1970er und 1980er Jahre; allerdings bewerten sie dieses Erbe negativ. Für sie war Vater Alexander zwar ein bedeutender Prediger, habe aber die Menschen nicht in die Kirche, sondern in einen weit abgelegenen „nebenkirchlichen Raum“ oder gar einen „interkirchlichen Raum“ geführt, was die negative Sicht auf die ökumenische Positionen von Vater Alexander zeigt.
Die Anhänger dieser beiden Lager haben noch keinen gemeinsamen Nenner gefunden. Die Mehrzahl der großen Menge an Büchern und Artikeln, die Vater Alexander gewidmet ist, ist entweder „Pro“ oder „Contra“, oder, in anderen Worten, „Akathist“ oder „Anti-Akathist“. Dies spricht nicht nur dafür, dass der „Weg zum Dialog“ immer schwer ist, sondern auch für die außerordentliche Komplexität des Phänomens der Persönlichkeit von Vater Alexander selbst und seiner Werke.
Die Frage nach dem Erben von Vater Alexander stellt sich besonders in Verbindung mit dem weiteren Schicksal des „kirchlichen Liberalismus“ und ist in erster Linie in Verbindung mit seiner möglichen Heiligsprechung besonders aktuell. Der Tod von Vater Alexander ist – ungeachtet der persönlichen Einstellung zu seiner Person – der Tod eines Märtyrers, da er als orthodoxer Priester ermordet wurde, was seinen Mördern auch bekannt gewesen sein dürfte. Die Verehrung von Vater Alexander als Heiligen ist unter seinen geistlichen Kindern schon seit Jahren weit verbreitet. Dies reicht allerdings für die vollwertige kirchliche Anerkennung seiner Heiligkeit nicht aus, da sich auch die Frage nach seinem Erbe stellt.
Hier können es zweierlei Antworten geben: entweder werden das Erbe und die gesamte Tätigkeit eines heilig zu sprechenden Menschen als vollkommen orthodox anerkannt, oder es werden die fragwürdigen Momente entsprechend kommentiert. So war es bei der Heiligsprechung des Zaren [Nikolaus II.] als Märtyrer ausgemacht, dass es weniger seine Regierung sondern vielmehr sein Tod selbst und dessen Umstände waren, die den Ausschlag gaben. Auch viele Kirchenväter hatten teilweise etwas gelehrt, was vom Glauben der Kirche abwich. Manchmal wurde es auch bis zu empfindlichen Grenzen gebracht. So können wir heute kaum entscheiden, ob Pseudo-Dionysius der Areopagit ein Orthodoxer oder eher Monophysit war. Die mehrdeutigen Stellen seiner Schriftwerke wurden jedoch vom Hl. Maximus dem Bekenner im orthodoxen Sinne ausgelegt, und dieser Kommentar machte das Corpus Areopagiticum für die orthodoxe Welt voll akzeptabel, und die Heiligkeit seines Autors unanfechtbar. Falls es mit dem Erbe von Vater Alexander Men ein Problem geben sollte, wäre es die Pflicht seiner geistlichen Kinder und Anhänger, dies zu bekennen, zu erforschen und es letztendlich für das authentische christliche Bewusstsein akzeptabel zu machen.
Mir scheint es, dass ein Problem mit dem Erbe Vater Alexanders und seiner Betrachtungsweise der Welt und des christlichen Glaubens am Ehesten die Frage nach seiner Ekklesiologie darstellt. Diese Frage ist für jeden Christen und jede christliche Gemeinde prinzipiell. Der größeren Klarheit zuliebe werde ich diese oder jene Aspekte der Ekklesiologie Vater Alexanders mit der Betrachtungsweise eines der bedeutendsten, originellsten und anerkanntesten orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts – Vater Alexander Schmemann – vergleichen.
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Die Lebenswege von Vater Alexander Men (1935-1990) und Vater Alexander Schmemann (1921-1983) haben viele gemeinsame Züge. Beide gehörten etwa zu gleichen Generation, schrieben in der gleichen Sprache und dienten derselben Kirche, wobei Vater Alexander Men sein ganzes Leben in der Sowjetunion verbrachte, Vater Alexander Schmemann dagegen in Frankreich und den Vereinigten Staaten lebte. Aber das Wichtigste war anscheinend die Tatsache, dass beide (so wie viele Menschen ihrer Generation) Christus und seine Kirche für sich neu entdeckten. Vater Alexander Men ist in einer Epoche aufgewachsen, in der in Russland das Wissen von Christus und der Kirche nicht mehr „in der Luft“ lag wie zuvor. Im Gegenteil musste es sich gegen die gesamte umgebende sowjetische Kultur behaupten. Das auf diese widrige Weise gewonnene Christentum wurde als etwas Neues wahrgenommen, das nicht mit den Generationen weitergegeben, sondern frisch erworben worden war. Dies wurde auch durch die jüdische Herkunft von Vater Alexander bedingt: auch wenn er in seiner Kindheit zusammen mit seiner Mutter getauft worden war, war seine Wahl des Christentums und später auch die der Priesterschaft auf jeden Fall eine grundlegende Entscheidung.
Wegen dieser Empfindung der Neuigkeit des Christentums war die Einstellung, die Vater Alexander zu ihm hatte, sehr persönlich. Er wählte es eben selbst, er kam zu ihm auf eigenen Wegen (über die Religionsphilosophen, die Menschen aus der Katakombenkirche, die Kultur), er bestimmte seinen Weg selbst. In gewissem Sinne verähnlichte er sich dem Apostel Paulus, der „mit Fleisch und Blut zu Rate nicht ging und auch nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, nicht hinauf ging“ (1. Gal.1:16-17). Für das zeitgenössische kulturelle und ideologische Umfeld war die Wahl Vater Alexanders fremd und feindlich. Vater Alexander, der keineswegs ein Dissident war, stand dennoch sein ganzes Leben lang dem Zeitgeist entgegen. Aber eben in diesem Umfeld, das Christus nicht kannte, war der „missionarische Imperativ“ des Christentums am deutlichsten zu sehen: „Gehet [nun] hin und machet alle Nationen zu Jüngern, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt. 28:19-20).
In der freien und missionarischen Wahrnehmung des Christentums, die Vater Alexander Men prägte, richtete sich der Glaube, so wie es ihm auch ansteht, nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das Christentum müsse nicht der Welt und der Kultur entgegenstehen, sondern in sie eine neue Dimension hineinbringen, die ihnen als solchen fehlt. Und so wie in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte würde das Christentum sicherlich gewinnen, „ denn die Götzen fielen, da sie Deine Stärke, Du unser Erlöser, nicht ertrugen“[2]. Und diesen Sieg konnte Vater Alexander noch selbst miterleben – die Tausende von Menschen, die ins Gotteshaus kamen, die Möglichkeit der offenen Predigt und den Beginn der freien Wiedererrichtung des kirchlichen Lebens. Der Tod Vater Alexanders war der Tod eines Siegers, der sein Ziel erreicht und seine Treue mit dem eigenen Blut bezeugt hatte.
Vater Alexander Schmemann stammte aus einer adligen russischen Familie mit deutschen Wurzeln, die aber bei seiner Geburt 1921 bereits in Frankreich im Exil lebte, wo er seine ersten 30 Lebensjahre verbrachte. Nach dem Krieg zog er wie viele russische Vertriebene nach Amerika. Vater Alexander Schmemann, der nach der russischen Kultur und Orthodoxie, aber schon in der westlichen Welt erzogen worden war, konnte sich schnell darüber Gewissheit verschaffen, dass „das Christentum kein System von Ideen und jedenfalls keine Ideologie ist. Es ist Erfahrung und die Bekenntnis dieser Erfahrung, die durch die Kirche unablässig weitergegeben wird“.[3] Die Umwelt schien von der christlichen Evangelisation unglaublich weit entfernt zu sein und sich immer weiter von ihr zu entfernen. Doch war es eben diese Getrenntheit von Welt und Christentum (ebenso wie in der Erfahrung von Vater Alexander Men), die es erforderte, sich an das Christentum als Mission zu erinnern. Sein ganzes Leben lang überbrachte Vater Alexander Schmemann die Botschaft der christlichen Betrachtungsweise der Welt und der Kultur, von Verklärung und Rettung. Er tat dies durch seinen Dienst als Priester, durch seine Bücher, Unterricht, Vorlesungen und Predigten. Sein Leben kann als Erfolgsgeschichte angesehen werden: seine Bücher wurden noch während seines Lebens in viele verschiedene Sprachen übersetzt, unter seinem Einfluss sind viele Menschen zum Glauben und in die Kirche gekommen, es wurde eine der vorzüglichsten theologischen Schulen (das St.-Wladimir-Seminar in New-York) gegründet, und unter Beteiligung von Vater Alexander Schmemann entstand eine neue autokephale Kirche – die Orthodoxe Kirche in Amerika. Trotz seines frühen Dahinscheidens war Vater Alexander Schmemann einer der bedeutendsten Theologien und Christen des vergangenen Jahrhunderts.
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In den Lebenswegen und Sichtweisen von Vater Alexander Men und Vater Alexander Schmemann findet sich tatsächlich viel Gemeinsames. Außer dem reinen christlichen Glauben glichen sie einander in ihrer Liebe zu dieser von Gott geschaffenen Welt, zu ihrem Leben und Kultur in ihrer ganzen Vielfalt und der Liebe zur westlichen Zivilisation. Doch gab es auch deutliche Unterschiede, auf die ich eingehen möchte. Der Vergleich der Sichtweisen dieser zwei Kirchenmenschen wird eben dadurch möglich, dass sie in vielen Hinsichten einander ähnlich und damit vergleichbar sind. Diese Nähe konnte sich sogar in ganz unerwarteten Dingen äußern. So berichtete Nikita Struve: „Im Arbeitszimmer von Vater Alexander Men hing eine Reproduktion der Ikone vom Apostel und Evangelist Johannes im Schweigen, die auch von Vater Alexander Schmemann extra bestellt worden war und in seinem Arbeitszimmer im St.-Wladimir-Seminar hing…“[4] Der Unterschied zwischen beiden ist in dem postmortalen Schicksal ihres Erbes besonders deutlich. Bei aller Uneindeutigkeit einiger Texte und Meinungen Vater Alexander Schmemanns ist sein Erbe von der Kirche akzeptiert. Viele seine Bücher wurden noch zu seinen Lebzeiten in fast alle Sprachen übersetzt, die heute in orthodoxen Gemeinden gesprochen werden, so auch Finnisch und Japanisch. Für die Orthodoxe Kirche in Amerika (und auch für einige Orthodoxe in Frankreich) ist Vater Alexander Schmemann eine ihrer „Säulen“. Sein Freund und Mitstreiter Nikita Struve sagte über ihn auf einer Gedenkveranstaltung: „Viele, die hier anwesend sind, kannten Vater Alexander, einige gut, andere nur oberflächlich. Viele erinnern sich an Vater Alexander als humorvollen Gesprächspartner, der gerne scherzte, manchmal auch jemanden verspottete, eine Mundstückzigarette nach der anderen rauchte, Baseball-Spiele im Fernsehen schaute, das Leben in seiner ganzen Vielfalt und Reichhaltigkeit liebte. Und wir können jetzt schon mit Sicherheit sagen, dass dieser unserer Zeitgenosse, früher oder später, so wie auch Chomjakow, ein wahrer Kirchenlehrer genannt und erkannt wird“[5]. Was aber das Erbe von Vater Alexander Men betrifft, kann keine Rede davon sein, dass es von der Kirche wahrgenommen worden wäre, auch wenn es unter seinen geistlichen Kindern und vielen Heterodoxen weit bekannt ist und auch verehrt wird. Doch ist diese Anerkennung im einen und ihr Fehlen im anderen Fall eher ein Symptom anderer, tieferer Unterschiede.
Am deutlichsten zeigen sich diese Unterschiede in der Einstellung zur Frage „Orthodoxie-Heterodoxie“. Vater Alexander Men beendete sein Buch „Auf der Schwelle des Neuen Testaments“ («На пороге Нового Завета») – und damit sein sechsbändiges Gesamtwerk – mit einem kleinen Nachwort, das sein vielleicht bekanntester und prägnantester Text wurde: „Der Wunsch, das vaterländische Erbe aufzubewahren, wird nicht selten zu Feindseligkeit gegenüber allem Fremden führen. Man wird dazu neigen, nur eine der irdischen Verkörperungen des Christentums für wahrhaft zu halten – also die eigene. Streitigkeiten, Wettbewerbe und Schismata werden entstehen, die für die Vielfalt der Kirchen zerstörerisch sein werden. Die umgekehrte, nivellierende Tendenz dagegen wird zum Versuch führen, die jeweils einzigartigen Schönheiten der verschiedenen historisch entstandenen Bilder der einen Kirche einzuebnen. In Wirklichkeit aber ähnelt das ökumenische Christentum einem Berg, der von Wäldern, Gebüsch, Wiesen und Gletschern umgeben ist, die alle zusammen erst das ganze Bild ausmachen. Es darf nicht erwartet werden, dass das Licht des Evangeliums sich immer gleich brechen wird. Auf seinem Weg durch die unterschiedlichen Völker wird es immer neue Landschaften der Spiritualität erschaffen“[6].
Bereits dieser Text zeigt, dass Vater Alexander Men alle „irdischen Verkörperungen des Christentums“, einschließlich Hunderter christlicher Konfessionen, die heute existieren, lediglich als „immer neue Landschaften der Spiritualität“ ansah, die durch die verschiedenen Völker erschaffen würden. Etwas vergröbernd kann gesagt werden, dass er damit die gesamte Vielfalt von allem, was Christentum genannt wird, bzw. die heutige Zersplitterung der christlichen Welt akzeptiert habe. Vater Alexander Men war kein Befürworter einer organisatorischen Vereinigung aller Konfessionen in einer „Superkonfession“, und seine Einstellung zu den verschiedenen Richtungen des Christentums als Zweigen eines Baums wird im zitierten Abschnitt deutlich.
Die Stellung Vater Alexander Schmemanns unterscheidet sich betreffs dieser Frage radikal. Wenn man die ganze Breite seiner Ansichten, sein umfassendes Wissen und Offenheit nicht kennt, könnten man sie als Enge und Intoleranz bezeichnen; „ich werde immer überzeugter“, schrieb er z.B. in einem seinen Briefe, „dass nur die Orthodoxie als Wahrheit über Gott, den Menschen und die Welt und als allgemeine Lehre über das All, die Geschichte, die Eschatologie und die Kultur heute der Verwesung und dem Sterben der Welt entgegengesetzt werden kann – dieser Welt, die durch das Christentum erschaffen wurde, es in ihrem Wahnsinn aber inzwischen verleugnet hat. Damit diese Entgegensetzung aber wirksam werden kann, ist es notwendig, dass die Orthodoxie wieder zur Göttlichen Einfachheit, zur Frohen Botschaft in ihrer reinen Form, zu Freude, Frieden und Wahrheit im Heiligen Geiste findet“[7]. Aus allen „irdischen Verkörperungen“ des Christentums wählte Vater Alexander Schmemann nur eine aus – nämlich die Orthodoxie als Kraft, die dem allgemeinen Untergang entgegengesetzt werden kann. Bedeutet dies nun kulturelle und menschliche Enge? Kaum. Dies würde dem ganzen Leben Vater Alexanders allzu sehr widersprechen, der auf Englisch die Liturgie zelebrierte, unterrichtete und schrieb, und Frankreich als seine kulturelle Heimat ansah. Allerdings war für ihn die Orthodoxe Kirche weder „die russische Verkörperung“ des Christentums noch ein Emigrantenghetto, sondern die wahre Kirche, die am Pfingsttag geboren wurde.
Für Vater Alexander Men waren die Spaltungen der Christen vor allem Aufteilungen nach Temperament, Kultur und psychologischer Konstitution. Davon sprach er in einem seiner Interviews: „Wie stehen Sie als Orthodoxer zu den anderen Bekenntnissen? – Meine Einstellung hat sich erst allmählich herausgebildet. Durch langes Nachdenken, Kontakte und Forschung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Kirche in ihrem Wesen eins ist und die Christen hauptsächlich durch ihre Eingeschränktheit, ihre Enge und ihre Sünden getrennt sind. Diese traurige Tatsache wurde zu einer der Hauptursachen der Krisen im Christentum. Nur auf dem Wege der brüderlichen Einigung und des Respekts zu vielfältigen Formen des kirchlichen Lebens können wir hoffen, die Kraft, den Frieden und den Segen Gottes wiederzuerlangen“[8]. Also sei die Aufteilung der Christen einfach eine Folge menschlicher Schwäche und menschlicher Unterschiede und durch gegenseitige Erkenntnis und gegenseitigen Respekt heilbar.
Bei Vater Alexander Schmemann gibt es einen Text, in dem es genau um diese „Schwächen und Unterschiede“ geht – wenn auch nicht allgemeinmenschlich, sondern persönlich. Und hier nimmt er wiederum eine andere Stellung ein: „Wenn die Kirche Christus selbst ist, dann besteht die ganze Bestimmung des Christentums darin, uns Christus ähnlich zu machen. Und die Selbst-Rechtfertigung dadurch, dass ich halt ‚eben so ein Mensch bin und so einen Charakter habe‘ ist bloß Psychologie. Wenn der Samen, also mein in die Erde gefallenes Ich, nicht sterben wird, wird es allein bleiben. Wenn aber mein Ich stirbt, dann ersteht es auf[9] - in Übereinstimmung mit dem Ganzen als Widerspiegelung der Übereinstimmung mit Christus, der in der Kirche lebt. In jedem Christen spiegelt sich die gesamte Erfahrung der Kirche wider, und das ist die Grundlage des Christentums. Die Erfahrung jedes einzelnen Menschen kann bis zu den Grenzen des katholischen Bewusstseins erweitert werden, und das ist die Grundlage unseres Weges.“[10] Ja, alle Menschen und alle Völker sind unterschiedlich; doch ist jede fähig, sich Christus in der vollen Fülle ähnlich zu machen. Das kann nicht nur der Weg der Slawen oder der Angelsachsen sein. In diesem Sinne erscheint die Stellung von Vater Alexander Schmemann katholischer und eher mit dem Geist der frühchristlichen Predigt übereinstimmend, welche dieselbe frohe Botschaft und dieselbe Kirche sowohl für Juden als auch für Griechen dargeboten hatte.
In Bezug auf den Unterschied zwischen den Konfessionen gemäß den psychologischen Besonderheiten unterschiedlicher Kulturen stellt sich auch die Frage: gehören bestimmte Gemeinschaften mit ähnlicher kulturell-psychologischer Konstitution tatsächlich der Orthodoxie zu, und andere zum Beispiel, dem Katholizismus? Kann in der heutigen offenen Welt behauptet werden, dass Ägypter, Syrer und Griechen sich in ihrer psychologischen Konstitution den Menschen in Walaam und Solowki mehr ähneln als denen von Spanien oder Italien? Dabei haben Asketen von Ägypten und Solowki eine Art von Erfahrung und Mystik und die spanischen und deutschen Mönche, nach der Spaltung der Kircheneine andere. Gibt es hier aber eine Einheit der psychologischen Konstitution? In der sowjetischen Zeit war dies in Russland eventuell nicht besonders spürbar, aber heute ist es offensichtlich. Deshalb kann man kaum eine Gliederung der Christen in Konfessionen nach bloß kulturell-psychologischen Merkmalen vornehmen, wie es Vater Alexander Men seinerzeit getan hat.
Im Lichte solcher Unterschiede der Sichtweisen dieser zwei Menschen der Kirche auf die „Weite und Tiefe“ wäre es interessant zu schauen, wie sie sich entwickelten und wer auf sie seinerzeit Einfluss ausübte. Oder eher – wen sie jeweils für ihre Lehrer hielten. Darüber sprachen beide gerne selbst. „Welche Theologen und Schriftsteller haben auf Sie den größten Einfluss ausgeübt?“, wurde Vater Alexander Men in einem Interview gefragt. „Als ersten muss ich Wladimir Solowjow nennen. Auch wenn ich viele seiner Ansichten nicht teilte, war er mein wahrer Lehrer. Und dann studierte ich, nach ihm, die Werke der russischen Religionsphilosophen. Ich verdanke auch Berdjajew, Florenski, Bulgakow, Frank, Lossky u.a. vieles. Unter den westlichen Philosophen war ich am Anfang meiner Studien meist von den europäischen Philosophen der vorkantischen Periode beeinflusst, so wie auch Bergson und C. Dawson. Später, als ich mich mit den Werken von Teilhard de Chardin bekannt gemacht hatte, entdeckte ich in seinen Ideen vieles, was mir nahe lag. Von den Kirchenvätern mag ich besonders die Apologeten, Clemens von Alexandrien und Gregor den Theologen“.[11]
Vater Alexander Schmemann sprach auch über die Menschen, die Einfluss auf ihn nahmen: „Ich hatte durch die Gnade Gottes die Gelegenheit, im Theologischen Institut zu Paris bei den letzten Vertretern, Teilnehmern und Inspiratoren der religiösen Wiedergeburt des Anfangs des 20. Jahrhunderts zu lernen und Zeuge ihres Feuers, ihres Glaubens und ihrer Treue zu Christus und seinem Reich zu werden. Und ich glaube fest, dass ihr Licht, ihre Predigt und ihre Visionen in der Finsternis der Welt, die sich von Gott immer weiter entfernt, triumphieren werden“[12].
Man merkt, wie sehr sich diese beiden Antworten gleichen. Im Leben beider Väter nahm die russische religiöse Wiedergeburt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Stelle ein. Beide sind deren „Früchte“ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gewesen, der eine in Russland, der andere im Westen. Dabei empfing aber Vater Alexander Schmemann dieses Erbe in seiner „eher kirchlichen“ Form, die für die „russische“ Variante der westlichen Orthodoxie den Grundstein legte. Für Vater Alexander Men war diese Richtung zwar auch von Bedeutung, und seinen eigenen Worten nach hatte er ihr „viel zu verdanken“; doch stellte sich die initiale Variante der religiösen Wiedergeburt – nämlich die von Solowjow – als sein Weg heraus, der bei ihm aber nicht in die „Rückkehr zu den Vätern“ (so Erzpriester Georg Florovsky), sondern in Interesse an westlicher Religionsphilosophie – oft in ihren originellen Formen wie den Ideen von Teilhard de Chardin - überging. Hier geht es aber nicht nur um diese Lektüre. Vater Alexander Schmemann kannte die westliche Literatur eventuell besser als Vater Alexander Men –kraft seiner Dreisprachigkeit und seinem Leben im Westen (zweifellos kannte er sehr gut die französische Literatur, wo er kaum ein Buch verpasste), während Vater Alexander Men eventuell mehr von den russischen geistlichen Autoren des 19. Jahrhundert las. Es geht aber nicht um „das Ausbildungsniveau“, daran besteht ohnehin kein Zweifel, sondern um die Wahl der Richtlinien des spirituellen Weges und der Menschen, die Vater Alexander Men und Vater Alexander Schmemann jeweils für ihre Lehrer hielten. Vater Alexander Men wählte für sich oft Philosophen oder Theologen, die der Wissenschaft und dem Fortschritt nahestanden, von der orthodoxen Tradition aber häufig weit entfernt waren. Die Lehrer von Vater Alexander Schmemann waren „die letzten Vertreter der religiösen Wiedergeburt des Anfangs des 20. Jahrhunderts“ auf der Etappe ihrer vollen Eingliederung in die Orthodoxe Kirche, als sie sich bereits von „Philosophen“ zu „Theologen“ gewandelt hatten und die sogenannte „Pariser Theologieschule“ bildeten. Wenn wir darüber lesen, dass Vater Alexander Men seine spirituelle Genealogie auf Wladimir Solowjow zurückführt, müssen wir in Erinnerung behalten, dass, auch wenn dieser große Philosoph einmalig ist, über ihn auch solche Forschungsarbeiten wie z.B. „Solowjow und die Orthodoxie“ geschrieben wurden, was eine gewisse Distanz Solowjows zur Kirche ausdrückt, auch wenn Orthodoxe und Katholiken um ihn heute zuweilen, immer noch heftige Kämpfe ausfechten.
Im Falle von Vater Alexander Men musste die Wahl der Lehrer und, dementsprechend die Tatsache, dass er sich im gewissen Sinne außerhalb der Kirche, wenn aber zweifellos innerhalb des christlichen Glaubens und der christlichen Kultur sah, zu einer gewissen Revision der kirchlichen Vergangenheit führen. In den Texten und pastoralen Tätigkeiten von Vater Alexander Men wird der Verzicht auf einen signifikanten Teil des kirchlichen Erbes deutlich. Die Erinnerungen von vielen seiner geistlichen Kinder sprechen dafür, dass Vater Alexander die Lektüre der Kirchenväter weder selbst besonders mochte noch Anderen empfahl. „Manchmal beklagte ich mich“, erinnerte sich M. Sawalow, „dass ich unsere einheimischen Bücher über das spirituelle Leben nicht lesen konnte, obwohl ich wusste, dass sie notwendig waren. Er sagte dazu: Mir geht es genauso. Ich mag sie auch nicht lesen. Und dafür gibt es einen bestimmten Grund. Sie streben danach, eine eigene, vom Leben abgesonderte Umgebung zu erschaffen, in der man seine eigene Sprache spricht. Das ist Eskapismus. So schrieb Theophan der Klausner, ein Zeitgenosse von Puschkin, Gogol und Turgenjew, in einer unmöglich veralteten Sprache, die man nicht verstehen kann, trotz seiner spirituellen Erfahrung… Nehmen wir dagegen François de Sales, den westlichen Bischof und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts: Er schrieb Bücher über das spirituelle Leben, ohne hinter den zeitgenössischen profanen Schriftstellern literarisch zurückzubleiben…“[13].
Angemerkt sei, dass die Kirchenväter in verschiedener Genres und ganz unterschiedlichen Sprachen die ganzen zweitausend Jahre der Geschichte des Christentums schrieben, weshalb es nicht so einfach zu sein scheint, sie bloß aufgrund von Unzulänglichkeiten oder Anachronismen zu verwerfen. Es war ja sicherlich möglich, die unverständlich gewordenen Autoren der vergangenen Jahrhunderte, von denen auch meist nur alte Übersetzungen vorlagen, durch moderne orthodoxe Autoren zu ersetzen, deren Texte in Moskau als Samisdat-Veröffentlichungen zirkulierten und Vater Alexander Men zweifellos bekannt waren. Diese Ersetzung erfolgte manchmal aber in die andere Richtung. „Ich lese die dicke Biographie der hl. Teresa de Ávila, die Vater Alexander mir geschenkt hat,“ schrieb eines seiner geistlichen Kinder „und diese Lektüre wirkt auf mich unglaublich gedeihlich. Hl. Teresa, sei meine himmlische Freundin, Lehrerin und Vorsteherin!“[14] Oder auch weiter: „Heute las ich etwa zwei Stunden lang Ignatius von Layola, den mir Vater Alexander geschenkt hat. Ich möchte gerne diese spirituellen Übungen durchführen, solange er im Urlaub ist“.[15] Das heißt, dass der Verzicht auf die orthodoxe geistliche Literatur als Lektüre für die Gemeindemitglieder zugunsten katholischer Literatur erfolgte, die bei weitem nicht immer modern war[16]. Dies war nicht einfach eine Bevorzugung „des Fremden“ gegenüber „dem Eigenen“ oder des gut Geschriebenen gegenüber dem schlecht Geschriebenen, sondern eine ekklesiologische Wahl, auch wenn sie nicht den Übertritt von Vater Alexander Men und der Mehrheit seiner Gemeindemitglieder zum Katholizismus bewirkte. Betrachten wir die Prioritäten von Vater Alexander Schmemann bezüglich dieser Frage, reicht es, sich über die Arbeit des Verlags des St.-Wladimir-Seminars zu informieren, dessen Rektor er lange Zeit war. So befanden sich unter den veröffentlichten Büchern die den amerikanischen Lesern unbekannten Kirchenväter, russische geistliche Literatur, aber auch moderne orthodoxe Autoren. Diejenigen, die die Layola-Übungen machen bzw. Teresa de Ávila für ihre Lehrerin halten wollten, gerieten einfach in eine andere Konfession hinein. Dabei versteht sich, dass in der Literaturliste jedes Buches von Vater Alexander Schmemann die Werke vieler heterodoxer Theologen zu finden sind, was jedoch mehr seinem Ausbildungsniveau und der Wissenschaftlichkeit geschuldet ist und weniger seiner Wahl des spirituellen Weges.
Auffällig ist die ziemlich negative Einstellung von Vater Alexander Men zum Mönchstum. Nicht zu unwürdigen Mönchen bzw. zu niedergegangenen Klöstern (dazu s. „Die Darbringung dem gegenwärtigen Mönchstum“ («Приношение современному монашеству») des Hl. Bischofs Ignatios Brjantschaninow), sondern zum Mönchstum als solchem. „Dereinst werden Christen der manichäischen Richtung auftauchen, die alles Irdische hassen und eher den selbstpeinigenden Brahmanen als den Schülern Christi ähneln werden. Der Dienst an Menschen wird ihnen als Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommnung erscheinen, selbst wenn ihnen das christliche Wort ‚Liebe‘ im Munde liegt. ‚Willst du die Liebe zu deinem Nächsten erreichen?‘, wird ein syrischer Mönch sagen. ‚Gehe hinweg von ihm, und in dir wird die Flamme der Liebe auflodern… Fliehe die Menschen und du wirst gerettet werden‘[17]. Das ist eine Metamorphose, die das Christentum zu einer anachoretischen Sekte machen wird“.[18] All das könnte als Kritik an den Überspitzungen des Mönchstums aufgefasst werden, wenn der von Vater Alexander zitierte Satz des syrischen Mönches nicht ein leicht abgeändertes Zitat des Hl. Isaak dem Syrer (7. Jh.) wäre, der eine der Zentralfiguren des östlichen Mönchstums gewesen war, welcher sogar um die Rettung der Dämonen gebeten hatte und nach wie vor, bis ins 21. Jahrhundert, durch die Ungewöhnlichkeit seiner Ansichten nicht nur praktizierende Christen, sondern auch säkulare Forscher fasziniert. Schauen wir uns dieses Zitat von Isaak in seiner authentischen Form an. „Willst du nach dem evangelischen Gebot in deiner Seele die Liebe zum Nächsten erreichen? Entferne dich von ihm, und dann wird in dir die Flamme der Liebe auflodern, und du wirst dich bei der Anschauung seines Gesichts wie bei der Anschauung eines Engels des Lichtes freuen. Willst du auch, dass sich diejenigen, die dich lieben, danach sehnen, dich anzuschauen? Dann komme mit ihnen nur an bestimmen Tagen zusammen. Erfahrung ist wahrhaft der Lehrer für alle.“[19] Der moderne russische Theologe Metropolit Ilarion (Alfejew) kommentiert dies wie folgt: „Es ist offensichtlich, dass Isaak hier keine Empfehlungen gibt, die sich auf alle Menschen generell beziehen… Es geht um die spezifische monastische Erfahrung der Liebe zu den Menschen als Ergebnis des zumindest zeitweiligen Verzichts auf Kommunikation mit diesen. Wer dem monastischen Leben fernsteht und es nur theoretisch aus Büchern kennt, kann solche Erfahrungen kaum nachvollziehen. Das Paradox dieser Erfahrung besteht darin, dass man Menschen dient, indem man vor ihnen flieht. Indem ein Einsiedler sich um das Heil der eigenen Seele fern von Menschen beschäftigt, trägt er zum Heil der Anderen bei. Zwölf Jahrhunderte nach Isaak dem Syrer äußerte ein anderer großer Mönch – der Hl. Seraphim von Sarow – etwas, was schon immer ein Axiom monastischen Tuns gewesen war: „Gewinne den friedlichen Geist, und Tausende um dich herum werden gerettet werden“.[20]
Bischof Kallistos Ware, ein moderner englischer Patrologe, erinnert sich an seine erste „Begegnung“ mit Isaak dem Syrer wie folgt: „Es gab nur ein einziges Thema, das mich bei meinen drei ersten Begegnungen mit Isaak beschäftigte, nämlich das Thema der Liebe… Mich überraschte es nicht nur sehr, dass Isaak die Liebe ins eigentliche Zentrum seines theologischen Systems gestellt hatte, sondern die Aufrichtigkeit, Einfachheit und Kraft, mit der er über die göttliche Oikonomia der Liebe schrieb. Nie zuvor, mit Ausnahme der Heiligen Schrift, bin ich jemandem begegnet, der so viel in so wenigen Worten sagen konnte“. [21] Erstaunlich ist, dass Vater Alexander Men dies in den Werken von Isaak dem Syrer nicht gesehen hatte. Dort, wo er das sich in die Tiefe und nicht in die Weite richtende Christentum nicht sehen konnte, hatte er den Geist „einer anachoretischen Sekte“ erblickt. Tatsächlich, die meisten monastischen Autoren hatten nicht über die Transformation der Welt, sondern über die Transformation der menschlichen Seele gesprochen. Doch ist das nicht eine ständige Erinnerung daran, dass „das Reich Gottes mitten unter euch“[22] ist, was das Mönchstum für die Kirche so notwendig gemacht hatte?
Vater Alexander Schmemann wird auch als „Kritiker“ des Mönchstums angesehen, doch hat er behauptet, dass „die breite monastische Bewegung, die im 4.Jh. in der Nachfolge der Anerkennung der Kirche durch die Kaisermacht und ihrer Erhaltung eines ‚Status‘ in dieser Welt nichts anderes als eine neue Manifestation des frühchristlichen Eschatologismus war, eine Behauptung der ontologischen Zugehörigkeit des Christentums zum Leben der ‘kommenden Welt‘ sowie ein Verzicht auf jegliche Behausung in der ‚Welt‘ und der Selbstverähnlichung mit ihr“.[23]
Vater Alexander Schmemann wählte für sich nicht den Mönchsweg, er lebte im dichtesten Gedränge des modernen Lebens, wusste dabei aber, dass „es möglich ist, das ganze Leben in der Wüste zu verbringen und doch für die Mission der Kirche mehr zu tun als ein Mensch, der sich auf diese Mission spezialisierte“.[24] Im christlichen Leben wählt jeder seinen eigenen Weg, aber die Richtigkeit dieses Weges wird eventuell dadurch geprüft, dass dieser Mensch die anderen Wege und Wohnungen jener Mehrheit, die es im Reichtum Gottes gibt, nicht ablehnt.[25] Vater Alexander Schmemann war kein Mönch, doch erkannte er die Richtigkeit des Mönchsweges an. Vater Alexander Men war ein sehr toleranter Mensch, doch lehnte er einen Teil des patristischen Erbes, der monastischen Tradition und der russischen geistlichen Literatur weitgehend ab.
Häufig kam es vor, dass Vater Alexander Men das historische Christentum als allzu historisch ansah. Diese Tendenz, vielen traditionellen Formen des monastischen Lebens die Anerkennung der echt christlichen Herkunft zu verweigern, war wohl weniger durch die ständige „Unwürdigkeit der Christen“, sondern eher durch die erniedrigte Lage der Kirche in der Sowjetunion begründet. Zeitgenössischen Besonderheiten formen manchmal die Wahrnehmung der gesamten christlichen Geschichte um. Manchmal griff er ganz unschuldige Dinge an, etwa Kompilationen von Kirchenregeln: „Ich bin der Meinung, dass der Nomokanon ein veraltetes und schädliches Buch ist. Es ist meine tiefe persönliche Überzeugung, dass er nicht vom Heiligen Geiste, sondern von mittelalterlichen (…) christlichen Talmudisten diktiert wurde. Er ist ein wirklicher Talmud! Liest man ihn, sieht man, dass er mit dem Evangelium nichts gemeinsam hat. Es waren eben die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Feinde Christi, die den Nomokanon und das Restliche zusammenstellten…“[26] Hierbei darf nicht verschwiegen werden, dass der Nomokanon als Sammlung der Kirchenregeln zu jeder Epoche ein wichtiges Denkmal byzantinisch-kanonischen Rechtes war. Sein Unterschied zum Evangelium ist durchaus verständlich, ebenso wie die gesetzgebenden Texte des Alten Testamentes sich in ihren Zielen und im Stil von den Schreiben der Propheten unterscheiden.
Beim Lesen des obigen Zitats von Vater Alexander Men müssen zwar die Situation des Interviews und die Besonderheit des Gesprächspartners berücksichtigt werden; aber lohnt es sich, eigens zu erwähnen, dass verschiedene Epochen der kirchlichen Geschichte Regeln erschufen, von denen viele tatsächlich veraltet sind, während andere auch heute noch gelten? Für Vater Alexander Men war es häufig wichtig, sich von der äußeren Hülle der kirchlichen Tradition zu distanzieren oder auch zu betonen, dass es unmöglich sei, etwas abzuändern. „Sich zu rechtfertigen“ dafür, dass wir innerhalb der Tradition, innerhalb der Heiligen Überlieferung leben, ist eine häufige Besonderheit vieler christlichen Autoren des 20. Jahrhunderts.
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Wie sieht also die Zukunft des Erbes von Vater Alexander Men aus? So wie auch im Falle von Vater Alexander Schmemann ist es maßgeblich in den Menschen enthalten, die es „in Christo gezeugt“[27] und in die Kirche gebracht hat, aber auch in den jeweiligen Büchern und Schriftwerken. Man könnte sagen, dass Vater Alexander Schmemann es geschafft hat, unter sein schriftliches Erbe „einen Strich zu ziehen“ - in Form seines Buches „Eucharistie. Das Mysterium des Reichtums“ («Евхаристия. Таинство Царства»), an dem er viele Jahre geschrieben hatte und das Ausdruck seiner gesamten Erfahrungen und Visionen geworden ist. Um etwas mehr Zeit zu seiner Vollendung zu haben, war Vater Alexander sogar bereit, sich einer schwierigen Therapie seiner unheilbaren Krebskrankheit zu unterziehen. Als ein symbolisches „Fazit“ könnte auch seine letzte Dankpredigt angesehen werden.
Der letzte Text von Vater Alexander Men war seine Vorlesung „Das Christentum“, gehalten am Tag vor seinem Tod, also am 8. September 1990. Es herrscht die Meinung vor, dass er es geschafft habe, praktisch alles geschrieben zu haben, was er sich vorgenommen hatte. Ist das wirklich so? Darf das hinterlassene Erbe als vollendet angesehen werden? Das irdische Leben von Vater Alexander ist zu plötzlich beendet worden – durch einen Mord, als er zur Sonntagsliturgie unterwegs war. Das stellt ihn in eine Reihe mit all den Menschen, die für Christus gestorben sind. Den Umständen seines Todes und den ihn begleitenden Geschehnissen nach könnte Vater Alexander als Heiliger angesehen werden. Vor der kirchlichen Anerkennung seiner Heiligkeit müssen aber erst noch die Probleme gelöst werden, die sein Erbe aufgeworfen hat.
Im Endeffekt stehen wir vor einer seltsame Tatsache: durch die Bücher von Vater Alexander Men kommt eine Menge Menschen zum Glauben, und seine Bücher werden noch lange die beste russischsprachige Einführung in die Bibel bleiben; dennoch gelten die Texte von Vater Alexander im „inner-christlichen Raum“ manchmal als fraglich. Anscheinend war ihm dies auch selbst bewusst, denn das Beste, was er je geschrieben hatte, endete mit Pfingsten: es ging dabei um die vorchristlichen Religionen, das Alte Testament und Christus. Spricht dies nicht dafür, dass es einem Menschen, nachdem er zu Christus und in die Kirche gekommen ist, schon zu wenig sein müsste, sich lediglich mit den Texten von Vater Alexander zu begnügen - einfach weil diese an diesem Punkt abbrechen? Möglicherweise ist dies so, weil Vater Alexander selbst aus der Tiefe seiner kirchlichen Erfahrung fühlte und wusste, dass es in der spirituellen Geographie keine „Kluft zwischen den Konfessionen“ geben sollte. Eine Ökumenische Kirche kann in Zukunft nicht existieren, ohne mit den Kirchen der Gegenwart, mit ihren Traditionen, Erfahrungen und zweitausendjährigen Geschichte verbunden zu sein. Ja, die geistlichen Kinder von Vater Alexander Men sind meist orthodox geblieben; doch ist es nicht so, dass dies häufig „nach dem Trägheitsgesetz“ oder „weil Gott uns in Russland auf die Welt gebracht hat“ so ist? Doch ist solche „Demut“ keine existentielle Wahl der Kirche, und ohne eine solche wird der Mensch, sobald die Umstände sich ändern, entweder in eine andere Konfession mit all ihren Einschränkungen übergehen, oder er wird „seine eigene“ Kirche aus den für ihn bequemen Elementen konstruieren. Aber dies hat kaum Zukunft, da die Kirche vom Heiland am Pfingsttag bereits erschaffen worden ist und sich darin für uns alle, mitsamt all unseren Besonderheiten und Unterschieden, eine Wohnung finden wird[28]. In diesem Falle wird das Erbe von Vater Alexander Men selbst im Leben seiner geistlichen Kinder „berichtigt“ werden, und es wird seiner Anerkennung durch die Kirche und der Heiligsprechung nichts im Wege stehen.
Wie bereits erwähnt, wissen wir nicht, ob der Autor des Corpus [Pseudo]Areopagiticum ein Orthodoxer, ein Monophysit oder sonst etwas war. Doch wurde der dazugehörige Kommentar des Hl. Maximus dem Bekenner zu einem der grundlegenden Texte der orthodoxen Tradition und sein Autor zu einem der meistverehrten Heiligen, da er die monophysitischen Tendenzen der Schriftwerke des Pseudo-Dionysius vernichtet hatte. Vielleicht sollten die geistlichen Kinder von Vater Alexander Men sein Corpus ebenso lesen.
[1] Symeon le Nouveau Theologien. Hymnes. Ed. J.Koder, J.Paramelle, L.Neyrand. Нymne 29, 81-115. T. II, SC 174. 1971.
[2] Akathistos an unseren gütigsten Herrn Jesus Christus. https://www.orthodoxia.de/AkafistSlad.htm (Anm.d.Ü.)
[3] Прот. Александр Шмеман. За жизнь мира. Нью-Йорк. 1983. С. 100-101.
[4] Никита Струве. Православие и Культура. М., 1992. С.176.
[5] Ebenda, С.168.
[6] Эммануил Светлов /о.А.Мень/. На пороге Нового Завета. Брюссель, 1983. С.667.
[7] Из письма о.А.Шмемана к Н.Струве. Никита Струве. Православие и Культура. М., 1992. С.166.
[8] о.А.Мень. Интервью на случай ареста / Культура и духовное восхождение. М., 1992. С.363.
[9] Vgl. Joh.12:24. (Anm.d.Ü.)
[10] о.А.Шмеман. Введение в богословие. М., 1993. С.39-40.
[11] о.А.Мень. Интервью на случай ареста / Культура и духовное восхождение. М., 1992. С.360.
[12] о.А.Шмеман. Водою и Духом. М., 1993. С.4.
[13] Veröffentlicht auf www.alexandrmen.ru.
[14] Зоя Масленникова. Александр Мень. Жизнь. М 2001. С. 267.
[15] Ebenda, С. 319.
[16] Ich möchte anmerken, dass wir bei uns zu Hause eine schöne französische Ausgabe der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen habe, die uns Vater Alexander Men geschenkt hat.
[17] Vgl. auch die Vita des Hl. Arsenios dem Großen. (Anm.d.Ü.)
[18] Эммануил Светлов /о.А.Мень/. На пороге Нового Завета. Брюссель, 1983. С.670.
[19] Иже во святых отца нашего аввы Исаака Сириянина Слова подвижнические. (Перевод с греческого С.Соболевского). Сергиев Посад, 1911. 23 (115-116) = В 41 (312-313).
[20] Иеромонах Иларион (Алфеев). Мир Исаака Сирина. М. 1998. С. 74-75.
[21] Цит. по Иеромонах Иларион (Алфеев). Мир Исаака Сирина. М. 1998. С. 9-10.
[22] Lk. 17:21 (Anm.d.Ü)
[23] Протопресвитер Александр Шмеман. Церковь. Мир. Миссия. М.1996. С.250.
[24] Прот. Александр Шмеман. За жизнь мира. Нью-Йорк. 1983. С. 102.
[25] Vgl. Joh. 14:2. (Anm.d.Ü)
[26] О.А.Мень. Богу нужна только правда // Истина и Жизнь. 9. 2001.
[27] Vgl. 1.Kor.4:15 (Anm.d.Ü)
[28] Vgl. Joh.14:2. (Anm.d.Ü.)
Zanemonez, Alexander, Diakon