Orthodoxe theologische Ausbildung in Europa – Einheit in der Vielfalt

Orthodoxe theologische Ausbildung in Europa – Einheit in der Vielfalt

 

Am 16. Juni 2011 tagte in Kiew die Internationale Wissenschaftliche Konferenz „Orthodoxie als Zivilisationskern der slawischen Welt“, die von der Kiewer Geistlichen Akademie zusammen mit dem Institut für Archäologie, der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, der Ukrainischen Gesellschaft zum Schutz von Denkmälern der Geschichte und der Kultur und dem Nationalen Historisch-Kulturellen Schutzgebiet des Kiewer Höhlenklosters veranstaltet wurde. Der folgende Text ist die Schriftfassung eines Vortrags des Rektors der Kiewer Geistlichen Akademie und Erzbischof von Borispol, Antonij, der auf der Plenarsitzung der Konferenz gehalten wurde.

Heute ist die systematische theologische Ausbildung unverzichtbare Aufgabe jeder orthodoxen Landeskirche. Die Vorbereitung zukünftiger Geistlicher und theologisch ausgebildeter Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen ist für jede Kirche die wichtigste Aufgabe. Deshalb gibt es in den europäischen Ländern mit Orthodoxen Landeskirchen entsprechende theologische Ausbildungseinrichtungen. Auch wenn sie alle eine gemeinsame Aufgabe lösen, sind die Systeme der theologischen Ausbildung in den verschiedenen Ländern unterschiedlich. Dies ist sowohl durch die historischen Traditionen der jeweiligen Länder als auch durch die Besonderheiten der Ausbildungssysteme bedingt.

Die ersten Schritte auf dem Wege zur Schaffung eines Systems der orthodoxen theologischen Ausbildung wurden bereits Ende des 16. Jahrhunderts getan. Sie entsprangen der komplizierten konfessionellen Situation, die damals in Polen-Litauen herrschte. Als Antwort auf die aktive römisch-katholische und protestantische Propaganda in den litauischen, weißrussischen und ukrainischen Ländern entstanden Bruderschaftsschulen, die Elementarschulbildung mit theologischen Elementen anboten. Anfang der 1830er Jahren entstand auf Betreiben des Hl. Erleuchters Petro Mohyla in Kiew ein Kollegium (seit 1701 Akademie), das den Status einer vollwertigen Hochschule beanspruchte.    

Faktisch war die Kiew-Mohyla-Akademie die erste theologische Hochschule in der orthodoxen Welt. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sie auf die Entwicklung der theologischen Ausbildung nicht nur in der Ukraine, Russland und Weißrussland, sondern auch in anderen slawischen Ländern entscheidenden Einfluss hatte. 1733 schickte der Kiewer Metropolit Rafael Zaborowsky von Karlowitz auf Ersuchen des Metropoliten Vikentije   Jovanovic eine Gruppe Kiewer Lehrer nach Serbien, die in Karlowitz eine Schule gründeten. Ihr Rektor wurde Manuil Kosatschinskij (der spätere Archimandrit Michael).[1] Außerdem kamen Studenten vom Balkan nach Kiew, um eine Ausbildung an der Mohyla-Schule zu absolvieren. Professor Petrow zählte achtundzwanzig serbische Studenten, die von 1721 bis 1762 in Kiew studierten.[2]

In den Listen der Studenten der Kiewer Akademie des 18. Jahrhunderts finden sich auch Griechen, Moldawier, Walachen und Ungarn (Einwohner des modernen Transkarpatiens).[3] Absolventen der Akademie spielten dann eine wichtige Rolle im kirchlichen Leben ihrer Heimatländer. So wurden zum Beispiel Bischof Dionisie   (Novakovic) und Archimandrit Jovan Rajić zu den bekanntesten serbischen kirchlichen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[4]

Absolventen der Kiewer Akademie hatten auch entscheidenden Einfluss auf die ersten Etappen des Werdeganges des Ausbildungssystems Russland. Sie, die im 18. Jahrhundert die meisten Bischöfskathedren auf dem Territorium des modernen Russlands bekleideten, eröffneten in ihren Diözesen Schulen nach dem Muster der Kiewer Akademie und förderten damit die Entwicklung der Ausbildung nicht nur in den Hauptstädten, sondern auch in den entfernten Provinzen.

Dennoch können die Schulen, die im 18. Jahrhundert existierten, noch nicht als vollwertiges System der theologischen Ausbildungen angesehen werden. Sie hatten weder unifizierte Lehrprogramme noch eine zentralisierte Leitung noch zuverlässige Finanzierung. Außerdem fehlte im Russischen Reich des 18. Jahrhunderts noch ein System wissenschaftlich-theologischer Attestation. 

Das eigentliche System der theologischen (oder, genauer gesagt, geistlichen) Ausbildung formte sich im Russischen Reich erst Anfang des 19. Jahrhunderts als Ergebnis der Ausbildungsreform von Alexander I. Die Satzung der geistlichen Schulen, 1808 erarbeitet und 1814 endgültig festgelegt, setzte voraus, dass junge Menschen die elementare geistliche Ausbildung in geistlichen Schulen, die mittlere in geistlichen Seminaren und die Hochschulausbildung in geistlichen Akademien bekamen. Das ganze Territorium des Reiches wurde in vier geistliche Ausbildungsbezirke unterteilt, die jeweils durch eine Akademie geleitet wurden. In jedem Gouvernementszentrum gab es zwingend ein Seminar, und in jedem Kreis eine Schule. Der Personaletat all dieser Schulen wurde von der obersten Kirchenleitung bestimmt. Die allgemeine Leitung des Systems der geistlichen Ausbildung wurde durch den Ausschuss der geistlichen Schulen in St. Petersburg ausgeübt.

Auch wenn das System der geistlichen Ausbildung im Russischen Reich sich mehrfach veränderte, blieb ihr wichtigstes Fundamentalprinzip nach wie vor dasselbe: ein innerkirchliches Ausbildungssystem, das parallel zum säkularen System existierte. Die theologische Hochschulbildung sowie auch wissenschaftliche theologische Grade (Dr. theol., Magister theol. und Prof. theol.) konnten nur in geistlichen Akademien erworben werden. Andere Typen theologischer Hochschulen gab es in Russland vor der Revolution nicht. Obwohl in Universitäten sowohl Theologie als auch Kirchengeschichte und kanonisches Recht unterrichtet wurden, gab es im vorrevolutionären Russland keine theologischen Fakultäten. Das war ein prinzipieller Unterschied zwischen Russland und anderen Ländern.

Im Westeuropa wurden die theologische Hochschulbildung und die wissenschaftlich-theologische Attestation traditionell im Rahmen der Universität angeboten. Die ältesten Universitäten Europas hatten immer theologische Fakultäten, die, auch wenn sie über innere Autonomie verfügten, von verschiedenen kirchlichen Strukturen betreut wurden. Im 18. Jahrhundert, in den Jahren der Regierung Katharinas II., gab es in Russland zwar das Projekt der Transformation der Kiewer Akademie zu einer Universität mit vier Fakultäten, doch wurde dies nicht verwirklicht.[5] Auch im 19. Jahrhundert gab es Vorschläge, geistliche Akademien in Form von theologischen Fakultäten in das System der Universitäten einzugliedern.[6] Dennoch blieb es in Russland bis zur Revolution beim traditionellen System der geistlichen Ausbildung. Auch wenn dieses als innenkirchlich galt, wurde es vom Staat vollständig anerkannt. Wenn Lehrer beispielsweise von geistlichen Akademien zu Universitäten wechselten, wurden ihre wissenschaftlichen Grade anerkannt. Deshalb gibt es viele bekannte Fälle, in denen Akademienzöglinge Universitätskathedren bekleideten und Karrieren als säkulare Professoren machten.

So formte sich im Russischen Reich eine besondere Tradition der theologischen Ausbildung, die heute als einzigartiges nationales Erbe nicht nur Russlands, sondern auch der Ukraine und Weißrussland betrachtet werden sollte. Dagegen bildeten sich in anderen Ländern Europas mit vorwiegend orthodoxer Bevölkerung andere Ausbildungstraditionen.

Im Laufe der nationalen Befreiungskämpfe des 19. Jahrhunderts wurden auf dem Balkan mehrere Nationalstaaten gegründet, in denen autokephale Orthodoxe Kirchen (wieder)errichtet wurden. Griechenland,   Serbien, Bulgarien und Rumänien standen im 19. Jahrhundert vor der Herausforderung der qualitativen Vorbereitung von Priesterkandidaten und der Errichtung eines Systems der theologischen Hochschulbildung. Im Ergebnis folgten all diese Länder dem traditionellen europäischen Weg, indem sie theologische Fakultäten im Rahmen staatlicher Universitäten einführten.

Eine erste solche Fakultät wurde in Griechenland errichtet. Die Unabhängigkeit Griechenlands wurde von den meisten Staaten 1830 anerkannt. 1837 wurde in Athen eine Universität eröffnet, die aus vier Fakultäten bestand: Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Seit damals sind theologische Fakultäten ein unverzichtbarer Teil des griechischen Systems der Hochschulbildung. Die zweite theologische Fakultät Griechenlands wurde 1942 an der Universität Thessaloniki eröffnet.

Diesen Weg gingen auch andere Staaten auf dem Balkan. So existiert seit 1861 die theologische Fakultät der Universität Bukarest. Zwei weitere orthodoxe theologische Fakultäten (in Serbien und Bulgarien) wurden noch im 20. Jahrhundert eingerichtet. Die orthodoxe theologische Fakultät der Universität Belgrad wurde 1920 gegründet,[7] die theologische Fakultät der Universität Sofia begann ihre Arbeit im September 1923.[8]

Obwohl die orthodoxen Völker des Balkans bei der Errichtung von theologischen Hochschulen einen anderen Weg als Russland einschlugen, hatte das System der geistlichen Ausbildung der Russischen Kirche einen wesentlichen Einfluss auf die Orthodoxen Landeskirchen Europas.  Seit den 1840er Jahren wurden in den Geistlichen Akademien Russlands regelmäßig Mitglieder anderer Kirchen aufgenommen. Vor allem waren dies Serben, Bulgaren, Montenegriner, Griechen, Rumänen und Syrer. Einen besonders hohen Anteil von Ausländern in den geistlichen Schulen Russlands gab es in den 1880er und 1890er Jahren. Zum Beispiel studierten im Jahre 1887 an der Kiewer Geistlichen Akademie 25 ausländische Studenten (elf Serben, sieben Bulgaren, sechs Rumänen und ein Japaner). 1897 waren es 43 Ausländer (zehn Griechen, elf Bulgaren, 13 Serben, fünf Rumänen, zwei Montenegriner und zwei Syrer). In diesen Jahren studierten an der KGA zwischen 180 bis 190 Menschen; Ausländer machten also fast ein Viertel der Gesamtzahl der Akademiestudenten aus.[9]

Später kehrten die Ausländer, welche die geistlichen Akademien absolviert hatten, meist in ihre Heimatländer zurück und konnten dort oft ziemlich hohe Posten in ihren Kirchen bekleiden. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass zum Beispiel, als Anfang des 20. Jahrhunderts in Serbien die Perspektive der Errichtung einer theologischen Hochschule diskutiert wurde, mehrere Kirchentätige für die Errichtung einer geistlichen Akademie nach dem Vorbild der Russischen Kirche eintraten. Jedoch setzte sich im Laufe der intensiven öffentlichen Diskussion letztlich eine andere Sichtweise durch, und in Belgrad wurde die theologische Fakultät eröffnet.[10] 

Nach der Revolution von 1917 wurde das System der theologischen Ausbildung auf dem Territorium des ehemaligen Russischen Reiches komplett vernichtet. Ein Teil der Professoren der geistlichen Akademien befand sich im Exil. Dort spielten sie eine wichtige Rolle bei der Gründung theologischer Ausbildungseinrichtungen in den slawischen Bruderländern. So wirkten an den theologischen Fakultäten in Belgrad und Sofia die Professoren der St. Petersburger Geistlichen Akademie Nikolaj Glubokowskij und Erzpriester Alexander Roschdestvenskij, die Professoren der Kiewer Geistlichen Akademie Erzpriester Fjodor Titow und Michael Posnow und andere Vertreter theologischer Schulen des vorrevolutionären Russlands. Sie waren es auch, die die Grundlagen der einzigartigen theologischen und kirchlich-historischen Wissenschaft in Serbien und Bulgarien schufen. Auf diese Weise konnte das Erbe der geistlichen Akademien seine organische Fortführung im Rahmen einer anderen Form der theologischen Ausbildung finden, nämlich an den theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten.

Das System der theologischen Ausbildung wurde in der Russischen Orthodoxen Kirche erst in den 1940er Jahren wiedererrichtet. Auch wenn dieses System mehrere Besonderheiten hatte, folgte es dem vorrevolutionären Muster. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die theologische Ausbildung in der Russischen Kirche im Rahmen geistlicher Seminare und Akademien angeboten. Dabei erkannte der Staat jedoch weder Dokumente über die geistliche Ausbildung noch die in Akademien erhaltenen wissenschaftliche Grade und Titel an.

Die sowjetische Periode prägte auch die theologische Ausbildung in anderen Ländern. Nachdem die  Kommunisten 1949 in Rumänien an die Macht gekommen waren, wurde die theologische Fakultät von der Universität Bukarest abgetrennt und in ein selbstständiges Institut für Theologie transformiert. Ähnliche Entscheidungen wurden auch von den Regierungen in Bulgarien und Jugoslawien verabschiedet. 1951 wurde die theologische Fakultät  aus der Universität Sofia ausgegliedert und in die Geistliche Akademie zu Ehren von St. Kliment von Ohrid umgewidmet. Diese war eine kirchliche Hochschule und hatte keine staatliche Anerkennung.[11] 1952 wurde die theologische Fakultät in Belgrad ebenfalls aus der staatlichen Universität ausgegliedert und zu einer selbstständige Hochschule der Serbischen Orthodoxen Kirche. In der sozialistischen Periode existierten diese Hochschulen ausschließlich von kirchlichen Mitteln, und ihre Absolventen wurden in das allgemeine staatliche Lehrsystem nicht vollwertig integriert.

In dieser Periode entstanden in Europa noch zwei weitere orthodoxe theologische Hochschulen: 1950 wurde in Prešov (Slowakei) eine theologische Fakultät als selbstständige Hochschule der Tschechischen Orthodoxen Kirche errichtet,[12] und 1954 wurde in Warschau die interkonfessionelle Christliche Theologische Akademie eröffnet, in der es ursprünglich zwei Abteilungen gab, eine evangelische und eine altkatholische; seit 1957 gibt es dort auch eine Abteilung für orthodoxe Theologie.[13] Sowohl die theologische Fakultät in Prešov als auch die Akademie zu Warschau hatten seit ihrer Gründung die staatliche Anerkennung und wirkten im Rahmen der nationalen Gesetzgebung. Ihre Abschlüsse und die von ihnen verliehenen wissenschaftliche Grade und Titel wurden staatlich immer anerkannt. 

Die politischen Veränderungen gegen Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre hatten neue Transformationen im System der theologischen Ausbildung in den genannten Ländern zur Folge. Die theologischen Fakultäten in Belgrad, Bukarest und Sofia kehrten wieder unter die Dächer der staatlichen Universitäten zurück. Die orthodoxe theologische Fakultät in Prešov wurde Teil der dortigen Universität. Alle diskriminierenden Gesetze der sozialistischen Periode wurden außer Kraft gesetzt. Heute sind Absolventen der theologischen Fakultäten in ihren Rechten den Absolventen anderer Fakultäten gleichgesetzt. In Serbien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Polen und der Slowakei ist die orthodoxe Theologie heute organischer Teil des allgemeinen Wissenschaftssystems. Die wissenschaftlichen Grade im Bereich der Theologie werden vom Staat anerkannt. Pädagogen und Forscher, die in diesem Bereich wirken, genießen alle Rechte und Sozialgarantien, die der Staat seinen pädagogischen und wissenschaftlichen Mitarbeitern anbietet.

Die Lage in den GUS-Ländern ist völlig anders. In Russland, in der Ukraine und in Weißrussland werden die geistlichen Ausbildungseinrichtungen der Russischen Orthodoxen Kirche immer noch nicht staatlich anerkannt. Die staatlichen Organe dieser Länder verstehen das System der geistlichen Ausbildung immer noch als vom Staat getrennt. Obwohl Theologe in die Liste der Berufe, auf die in Hochschulen vorbereitet wird, sowie auch in die Nomenklatur des Staatlichen Ausschusses für die Anerkennung akademischer Grade aufgenommen wurde, bleibt die Prozedur der staatlichen Lizensierung und der Akkreditierung für die geistlichen Akademien und Seminare außerordentlich schwierig.

Zugleich erschienen in den 1990er und 2000er Jahren in den GUS-Ländern neben den traditionellen geistlichen Akademien und Seminaren Hochschulen eines neuen Typs: theologische Universitäten, Institute und Fakultäten, die sich um Integration in das staatliche Ausbildungssystem bemühen. Heute wird im Rahmen der Interkonziliären Versammlung der Russischen Orthodoxen Kirche das Problem der Interaktion zwischen verschiedenen Typen der theologischen Ausbildung aktiv diskutiert.

Wir wie sehen, gibt es trotz der Einheitlichkeit der Aufgaben, die die theologische Ausbildung den Orthodoxen Landeskirchen stellt, diesbezüglich in den verschiedenen Ländern wesentliche Unterschiede. In den Ländern Zentral- und Südeuropas ist die orthodoxe Theologie in die nationalen Systeme der Hochschulbildung völlig integriert und unterliegt deswegen den Anforderungen der entsprechenden nationalen Gesetze. Heute gelten in allen theologischen Hochschulen dieser Region die Normen des Bologna-Prozesses, auch wenn das Ausmaß der Integration in diesen Prozess unterschiedlich ist. Nichtsdestoweniger hat die orthodoxe theologische Ausbildung in Serbien, Griechenland, Rumänien, Bulgarien, Polen und der Slowakei jene dreistufige Struktur, die laut Bologna-Prozess vorgeschrieben ist. Die erste Stufe dieser Ausbildung ist das Bakkalaureat, die zweite die Magistratur, die dritte die Promotion (Doktorat). In verschiedenen Ländern kann die Dauer jeder dieser Stufen unterschiedlich sein, und ebenso können die Lehrpläne unterschiedlicher theologischer Hochschule sich unterscheiden; doch ist das allgemeine Prinzip der Organisation der Hochschulbildung hier gleich. Im Rahmen des Bologna-Prozesses gibt es auch einen regelmäßigen Studentenaustausch zwischen orthodoxen theologischen Hochschulen Europas. Studenten aus slawischen Ländern nehmen an den Ausbildungsprogrammen in Griechenland regen Anteil.

2009 wurde auf Initiative Seiner Heiligkeit Patriarch Kyrill von Moskau und ganz Russland die Transformation des Systems der geistlichen Ausbildung der Russischen Orthodoxen Kirche begonnen. Zentrales Element dieser Transformation ist der Übergang zum europäischen dreistufigen Ausbildungssystem nach Bologna. In geistlichen Ausbildungseinrichtungen soll die erste Ausbildungsstufe (Bakkalaureat) vier Jahre dauern, die zweite (Magistratur) zwei weitere Jahre. Die Zeit, die schätzungsweise für das Schreiben einer Dissertation (für die Promotion) gegeben wird, ist drei Jahre. Am 22 März 2011 verabschiedete der Geweihte Synod der Russischen Orthodoxen Kirche das Konzept einer weiteren Reform des Systems der geistlichen Ausbildung sowie des Bakkalaureats- und des Magisterprogramms der geistlichen Ausbildungseinrichtungen, die Ordnung über Abschluss- und wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten (Dissertationen) und die Ordnung über die wissenschaftliche Grade und Etatstellen im System der geistlichen Ausbildung (Journal № 11). Heutzutage läuft die Approbation dieser Dokumente durch die geistlichen Ausbildungseinrichtungen.

Diese Transformationen werden unser traditionelles Ausbildungssystem verständlicher und „transparenter“ machen und hoffentlich die staatliche Anerkennung von Seminaren und Akademien etwas erleichtern. Außerdem werden geistliche Ausbildungseinrichtungen, ohne ihre Spezifität zu verlieren, sich auch in das allgemeineuropäische System der theologischen Ausbildung integrieren können, im dessen Rahmen andere orthodoxe theologische Hochschulen in Europa bereits seit Jahren zusammenarbeiten. 

Die Beschreibung unseres traditionellen Systems der geistlichen Ausbildung in europäischen Kategorien eröffnet die Perspektive einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit theologischen Schulen anderer Landeskirchen. Vor allem ermöglicht das reformierte Ausbildungssystem die Vergleichbarkeit von Abschlüssen über erworbene theologische Ausbildungen. Ziel muss es sein, die Diplome von russischen, ukrainischen und weißrussischen Seminaren den Bakkalaureats-Abschlüssen in Polen, der Slowakei, Rumänien, Griechenland, Serbien und Bulgarien anzugleichen. Dementsprechend wird der Bakkalaureus der theologischen Fakultäten dieser Länder unserem Seminardiplom äquivalent. Außerdem ermöglicht das reformierte System der geistlichen Ausbildung einen effektiven Studentenaustausch (insbesondere auf Ebene der Magisterprogramme). All dies wird helfen, die Zusammenarbeit zwischen den Landeskirchen im Bereich der Ausbildung zu intensivieren und zu harmonisieren, und so die Herausbildung eines gemeinsamen Raums orthodoxer theologischer Ausbildung in Europa fördern.

Die Kiewer Geistliche Akademie, die an dieser Reform aktiv teilnimmt, nimmt zur Zeit aktive Kontakte mit orthodoxen theologischen Zentren anderer Landeskirchen auf. 2010 besuchte der Prorektor der Kiewer Geistlichen Akademie für die wissenschaftlich-theologische Arbeit als Mitglied der Delegation des Ausbildungsausschusses der Russischen Orthodoxen Kirche die führenden orthodoxen theologischen Hochschulen Zentral- und Südeuropas. Ein Ergebnis dieses Besuchs war die Harmonisierung der Zusammenarbeit zwischen der KGA und den ausländischen orthodoxen theologischen Fakultäten. Im März 2011 wurde die Kiewer Akademie von einer Delegation der theologischen Fakultät der Universität Bukarest besucht. Auf unserer heutigen Tagung begrüßen wir Vertreter der orthodoxen theologischen Fakultät der Universität Belgrad. Im Sommer 2011 organisierte unsere Akademie gemeinsam mit dem Nationalen Pädagogischen Drahomanow-Institut  die theologische Sommerschule, wo der Besuch der Zentren der theologischen Ausbildung in Rumänien, Bulgarien, Serbien und Griechenland vorbereitet wird.

Offensichtlich ist, dass die orthodoxe theologische Ausbildung in den verschiedenen Landeskirchen immer ihre Eigenheiten hatte. Jede Kirche betrachtet ihr System der theologischen Ausbildung als besondere nationale Errungenschaft, die der Bewahrung der schöpferischen Entwicklung dient. Das System der orthodoxen theologischen Ausbildung in den verschiedenen Ländern zeigt uns ein prägendes Bild von Einheit in der Vielfalt. Dabei steht uns heute eine schwierige Aufgabe bevor – unter Beibehaltung der jeweils eigenen Ausbildungstradition einen gemeinsamen Raum der orthodoxen theologischen Ausbildung zu formen, an dem alle theologischen Zentren Europas  gleichberechtigt teilnehmen und sich gegenseitig bereichern können. Hoffentlich wird dies auch die Überwindung vieler Stereotypen und Vorurteile befördern, die im postsowjetischen Raum immer noch bestehen und die vollständige Integration der geistlichen Einrichtungen in die nationalen Ausbildungssysteme unserer Länder immer noch behindern. 
 

[1] Петров Н. И . Воспитанники Киевской академии из сербов с начала синодального периода и до царствования Екатерины II (1721-1762) // Известия отделения русского языка и словесности Императорской Академии Наук. 1904. Т. 9. № 4. С. 5.

[2] Петров Н. И . Указ.соч. С. 8.

[3] S.: Шевченко Ф. П. Закарпатці — студенти Київської академії XVIII ст. // Український історичний журнал. 1965. № 6. С. 95-97.

[4] Vgl. dazu: Вукашиновић В. Српска барокна теологиja. Врњци — Трбиње, 2010.

[5]Титов Ф., проф., прот.  Императорская Киевская Духовная Академия в ее трехвековой жизни и деятельности (1615-1915 гг.): Историческая записка. К., 2003. С. 243-244.

[6] S., zum Beispiel: Казанский П. С. О соединении Духовных академий с университетами // Прибавления к Творениям св. отцов. 1872. Ч. 25. Кн. 1. С. 71-102.

[7] Vgl. dazu: Шиjаковић Б., Раковић А. Универзитет и српска теологиjа: Историjски и просветни контекст оснивања Православног богословског факултета у Београду. Београд, 2010.

[8] Богословкият факултет — минало, настояще и бъдеще. София, без года.

[9] S. die Berichte über den Zustand der KGA in den entsprechenden Jahren, die sowohl in den Anhängen zu den „Werken der Kiewer Geistlichen Akademie“ («Труды Киевской духовной академии») als auch als Einzelausgaben veröffentlicht wurden. S. auch:  ПутроО. І., ПутроА. О . Студенти-іноземці Київської Духовної Академії (XIX – початок XX ст.) // Вісник державної академії керівних кадрів культуриі мистецтв. 2010. № 1. С. 111-117; № 2. С. 113-118; № 3. С. 138-144; № 4. С. 127-136.

[10] ШиjаковићБ., РаковићА . Универзитет и српска теологиjа. С. 22-24, 125-127.

[11] Богословкият факултет — минало, настояще и бъдеще. С. 7.

[12] Aleš Pavel . Pravoslavná cirkev u nás: Pregľad dejinnej cesty. Prešov, 1998. S. 64-66;  Vopatrný Gorazd. Pravoslavná církev v Československu v letech 1945-1951. Brno, 1998. S. 57.

[13] 50 lat Chrześcijańskiej Frfdemii Teologicznej w Warszawie. Warszawa, 2005. S. 9-30.

 

Pakanich, Antony, Metropolit von Borispol

Jahr:
2011
Orignalsprache:
Russisch
Herausgegeben:
Wissenschftlich-Theologisches Portal Bogoslov.ru