Kirche und Staat. Geschichtlicher Überblick und heutige Situation
Text eines Vortrags von Erzpriester Maxim Kozlov, erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Bildungskomitees der ROK des Moskauer Patriarchats und Professors an der Moskauer Geistlichen Akademie, gehalten im Rahmen der internationalen wissenschaftlichen Konferenz der Staatlichen Universität Moskau „Vom Alten Russland zur Russischen Föderation: Geschichte der Russischen Staatlichkeit“ («От древней Руси к Российской Федерации: История Российской государственности») (Moskau, 28./29, September 2012).
Das Problem der Beziehungen zwischen Kirche und Staat bzw. Kirche und Gesellschaft erweckt in Russland großes Interesse, sowohl in kirchlichen Kreisen als auch im Rest der Gesellschaft. Vermutlich ist dies in erster Linie durch die gesellschaftlichen Umbrüche bedingt, die Russland zurzeit erlebt. Wie wird es weiter gehen? Welchen Einfluss auf das Leben der Gesellschaft und ihre sozialen Strukturen, auf die Aktivitäten der Organe der Staatsmacht und auf die Inner- und Außerpolitik des Staates werden die orthodoxen Christen nehmen in ihren Eigenschaften als Träger der traditionellen geistig-spirituellen Werte einer Gemeinschaft, die gleichen Glaubens und (so sollte es wenigstens sein) von gleicher Weltanschauung sind? Welche Wege der inneren Selbstbestimmung sind in der heutigen politischen Lage für jeden von uns orthodoxen Russinnen und Russen zulässig und nützlich? Wie können unsere Hierarchen die Heilung der Geschwüre unserer kranken Zeit ins Werk setzen? Wo liegen die Grenzen für soziale Aktivitäten der Kirche und ihrer effektiven Teilnahme am Leben der Volksmassen? Wir sind zutiefst überzeugt, dass es unmöglich ist, all diese Fragen zu beantworten, ohne sich der praktischen historischen Erfahrung zuzuwenden.
Die Heilige Schrift und die Lehre der Heiligen Väter besagen, dass die Kirche von Gott selbst begründet ist. Doch auch der Staat soll seinen Ursprung in den Plänen der Göttlichen Vorsehung für die Welt haben. Beides sind göttliche Einrichtungen. Ihr Ziel ist das vorübergehende und ewige Wohl des Menschen. Gott ist Schöpfer nicht nur des Menschen, sondern auch der Gesellschaft. Er legte in der Natur des Menschen das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Leben an und pflanzte ihm das Streben nach Gemeinschaft mit anderen Menschen ein. Die Kirche selbst, als der Leib Christi, ist berufen, die Bedürfnisse nicht nur von einzelnen Personen zu befriedigen, sondern auch von Gemeinden, Völker und Staaten, der ganzen Menschheit also – wie wir während der Liturgie singen: „ einen jeden und eine jede“ zu retten. Nicht zufällig existiert die Orthodoxie in der Geschichte eben als die Einheit verschiedener Landeskirchen. Diese sind in ihrem Wesen national-historische Kirchen, die ihre reale und konkrete Verkörperung im jeweiligen Volk, im Staat, in der Regierung, und im Militär finden.
Die Errichtung des Prinzips der staatlichen Macht durch Gott wird in der Heiligen Schrift mehrmals bezeugt (Dan 4,14; 5,21; Spr 8,15f; Sir 17,14f; Joh 19,10f). Christus, der Herr des Himmels und der Erde, unterwirft sich der Gewalt des Pilatus, indem er anerkennt, dass die Gewalt, die Pilatus ausübt, von Gott gegeben ist. Du hättest keinerlei Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre (Joh 19,11), sagte Christus zu Pilatus, nachdem dieser ihn auf seine Gewalt hingewiesen hatte.
Die Idee über die Natur der Gewalt entwickelte in seinen Sendschreiben der Große Apostel der Heiden – Paulus. Erinnern wir uns hier nur an den Beginn des 13. Kapitels des Sendschreibens an die Römer: „ Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes.“ (Röm 13,1f) Obwohl darüber schon viel geschrieben wurde, lohnt es sich, hier die patristische Auslegung dieses Textes aufzuführen.
Der Hl. Hierarch Johannes Chrysostomos (Homilie 23,1 auf Röm 13) sagt, dass der Apostel an dieser Stelle nicht die Macht jedes Obersten, sondern das Obrigkeitsprinzip selbst meint: „Was sagst du da? Jede obrigkeitliche Person ist also von Gott eingesetzt? So meine ich das nicht, will der Apostel sagen; ich spreche jetzt nicht von jeder einzelnen obrigkeitlichen Person, sondern von der Obrigkeit im allgemeinen; dass es überhaupt obrigkeitliche Personen, dass es Herrscher und Untertanen gibt, dass nicht alles drunter und drüber geht, dass die Völker nicht wie Meereswogen hin- und hergetrieben werden, das, sag’ ich, ist ein Werk der Weisheit Gottes. Darum sagt er nicht: ‚Denn es gibt keine obrigkeitliche Person außer von Gott‘, sondern von der Einrichtung spricht er, wenn er sagt: ‚Denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott.‘“ In diesem Sinne legt auch der Hl. Isidor von Pelusium (Sendschreiben an Dionysios) die Worte des Apostels Paulus aus. Und der Hl. Augustinus sagt dezidiert, dass alle irdischen Reiche durch die Vorsehung Gottes eingerichtet sind (Vom Gottesstaat, V, 1). Aus all diesen Auslegungen folgt deutlich, dass die Heiligen Väter die hier angeführte Lehre des Paulus als gegen die Anarchie gerichtet verstanden, welche die Bedeutung des Obrigkeitsprinzips selbst betont. Die Bedeutsamkeit dieser Lehre der Heiligen Schrift des Neuen Testaments wird insbesondere dadurch hervorgehoben, dass die staatliche Obrigkeit, von welcher der Apostel Paulus sprach, nicht christlich, sondern heidnisch war. Sie verfolgte jeden, der die heidnischen Götter nicht verehren wollte. Doch erkennt die Heilige Schrift an, dass auch diese Obrigkeit von Gott ist, und lehrt die Christen, sich ihr zu unterwerfen. Das Prinzip des Gehorsams gegenüber der staatlichen Obrigkeit hat also allgemeine Bedeutung. Wenn Christen Machthabern, die ihren Glauben nicht teilen oder sogar verfolgen, den, Gehorsam verweigern, darf dies nicht als Norm angesehen werden. Wenn die staatliche Obrigkeit nicht in Übereinstimmung mit den sittlichen Anforderungen handelt, ist die Kirche verpflichtet und berechtigt, zu protestieren und die staatliche Obrigkeit dazu zu bewegen, ihren verderblichen Kurs einzustellen. Doch kann die staatliche Obrigkeit den Einfluss der Kirche sowohl annehmen als auch verwerfen und völlig selbstständig agieren. Dabei soll die Kirche sich damit abfinden, ihre Pflicht getan zu haben, und dann auch solche Gesetze, welche die ewige Wahrheit verletzen, geduldig ertragen, solange ein solcher Zustand im Staat andauert (ob drei Jahrhunderte im alten Reich oder sieben Jahrzehnte in jüngster Zeit).
Mehr noch: Paulus ermahnt die Christen, auch für die heidnischen Kaiser zu beten und Gott für sie zu danken (1 Tim 2,1f). Wie dürfen wir, die wir sowohl die Geschichte der Juden- und Christenverfolgung im Römischen Reich als auch die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts kennen, diese Worte des Apostels verstehen? Eine profunde Erklärung finden wir bei einem hervorragenden Theologen unserer Kirche des 19. Jahrhunderts, dem Hl. Metropoliten Philaret (Drozdow) von Moskau . „Wie kann es sein“, fragt er, „dass Verfolger und Verfolgung Gegenstand der Dankbarkeit sein können?“
Die Ratlosigkeit kann beseitigt werden, wenn wir uns bewusst machen, dass der Apostel nicht einfach ein Lehrmeister, sondern ein von Gott inspirierter Lehrmeister ist. Paulus sieht die moderne Finsternis der heidnischen Reiche, und der ihm innewohnende Geist Gottes sieht das zukünftige Licht der christlichen Reiche. Sein von Gott inspirierter Blick dringt in zukünftige Zeitalter; er begegnet Konstantin, der die Kirche befriedet und sein Reich durch den Glauben weiht. Er sieht Theodosios und Justinian, die die Kirche vor Häresien beschützen. Ferner sieht er Wladimir, Alexander Newski und andere Verbreiter des Glaubens, Beschützer der Kirche und Verteidiger der Orthodoxie. Daher ist nicht erstaunlich, dass der Hl. Paulus schreibt: „I ch ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind“ (1 Tim 2,1f), denn „es wird nicht nur solche Könige und Obrigkeiten geben, für die man mit Trauer beten, (…) sondern auch solche, für die man mit Freude, als für eine wertvolle Gabe Gottes danken soll“ («Христ. Учение о царской власти из проповедей Филарета, митрополита Московского». М., 1901, S. 34f).
So brachte unsere Kirche – sicherlich nicht ohne Trauer – ihr Gebet für die Obrigkeit in der Zuversicht empor, dass die Zeiten der Prüfungen und Versuchungen zu Ende gehen würden. Nun sehen wir, wie fundiert diese Zuversicht war.
Wenden wir uns nun einigen Deutungen aus der Kirchengeschichte zu. Wie aus dem oben gesagten folgt, bestätigte die Apostolische Kirche, so wie auch ihre alttestamentliche Vorgängerin, die Kirche des Gesetzes und der Propheten den soteriologischen Dienst des Staates für die obersten Ziele des Reiches Gottes.
Sogar der dreihundert Jahre währende antichristliche Widerstand des heidnischen Reiches der Verfolgungsepoche hat die Kirchenväter und -lehrer nicht verunsichert oder erschüttert. Er hinderte sie nicht, den Römischen Staat in den Schoß der Kirche aufzunehmen, nachdem er den Wahnsinn der Verfolgung beendet hatte. Der Bund mit dem christianisierten, d.h. von innen erhellten, in seinem Geiste orthodoxen Staat war ein denkwürdiger Triumph der Kirche und ihr größtes Fest. Es war für sie selbstverständlich und führte zu keinerlei theoretischen Disputen und Häresien, da es consensus patrum (gemeinsame katholische Meinung aller Väter) gewesen war. Sie sahen die Religion nicht als eine private, persönliche Angelegenheit, sondern als mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden; anders als nun manche Kirchenhistoriker behaupten, die das Christentum vor dem „Verderb“ oder der „Verzerrung“ bewahren wollen, die es durch Berührung mit staatlichen Interessen angeblich erleide. Die Aufgabe, die sich in Byzanz zur Zeit von Konstantin dem Großen und später zur Zeit des Heiligen Fürsten Wladimir von Russland stellte, war die Herstellung der heiligen Persönlichkeit, der erhellten Volksseele und der geweihten Staatlichkeit.
Kirche und Staat dürfen einander nicht feindselig gegenüberstehen. Das Kaiserliche und das Göttliche sollen miteinander nicht im Konflikt, sondern in vollkommener Harmonie und absolutem Einverständnis sein. Sie sollen ihre Tätigkeit gemeinsam entwickeln, ohne die eigene Freiheit und Unabhängigkeit im jeweiligen autonomen Bereich aufzugeben. In Byzanz, und später auch in Russland, entwickelten sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat prinzipiell harmonisch. Dieses Prinzip wurde am deutlichsten durch den Hl. Kaiser Justinian dem Großen im Vorwort zur 6. Novelle (vom 1. März 535) formuliert. Dieser Text wurde Teil des Slawischen Pedalions . Laut Justinian sind Kirche und Staat (in seiner Terminologie: „Priesterschaft und Reich“) zwei Gaben der Gnade des Höchsten an die Menschheit. Sie sind also zwei Ordnungen der Dinge, die aus einer gemeinsamen Quelle herstammen – dem errichtenden Willen Gottes. Deshalb sollen sie im Namen des Gehorsams gegenüber diesem Willen in vollkommener Übereinstimmung („Symphonie“) miteinander sein. Die Kirche ist für die göttlichen, himmlischen Angelegenheiten zuständig; der Staat für menschliche und irdische Belange. Zugleich leitet die Priesterschaft im Bund mit der säkularen Obrigkeit das gesellschaftliche Leben auf Wegen, die gottgewollt sind, während der Staat sich um die Bewahrung der kirchlichen Dogmen und der Ehre der Priesterschaft kümmert. Wir wollen daran erinnern, dass bereits Konstantin der Große sich als Bischof für auswärtige Angelegenheiten bestimmt hatte. Dabei schränkte er diese Bischofswürde auf die Pflichten eines Verwalters ein, der die finanziellen und administrativen Angelegenheiten der Gemeinde regelt. Diese Lage des „Auswärtigen Bischofs“ ermöglichte es dem Kaiser, in der Kirche möglichst umfassend zu wirken, bis zur Einberufung und den Vorsitz der Ökumenischen Konzile, was sowohl im Osten als auch im Westen keinerlei Irritationen auslöste. In mehreren Fällen ermöglichte es nur die für die Untergebenen allgemeingültige Autorität der byzantinischen Kaiser, ihre feste und allgemeinverbindliche oberste Macht, dass die Konzilsitzungen zu einem glücklichen Ende kamen, was z.B. beim 3. Ökumenischen Konzil wegen der Häretiker und den von ihnen angestifteten Wirren keineswegs selbstverständlich war.
Bei solch einer idealen Symphonie werden Staat und Kirche als zwei verschiedene Funktionen des einen Organismus gedacht. In der Epanagoge, einem gesetzgeberischen Kompendium vom Ende des 19. Jahrhunderts, die anscheinend vom Hl. Patriarchen Photios zusammengestellt wurde, wird die Einheit der säkularen Obrigkeit und der Priesterschaft mit der Einheit des Menschen verglichen, der aus Leib und Seele besteht. Jedem Wesen entspricht die es verwaltende Obrigkeit – die des Kaisers verwaltet den Leib, die des Patriarchen die Seele. Laut Anton Kartaschow («Воссоздание Святой Руси». Париж, 1956. С. 72) bestätigen eine solche Sprache und solche Bilder die Irrationalität und Unbestimmbarkeit der Grenzlinie zwischen Kirche und Staat, ebenso wie auch die einfache, aber mystische Tatsache der einen und zugleich zweigliedrigen Natur des Menschen. Die Antinomie der Verbindung zwischen dem „Reich von dieser Welt“, also dem Staat, und dem Reichen Gottes, das „nicht von dieser Welt“ ist, gilt in der religiösen Erfahrung der Orthodoxie weder als absurd noch als Paradox, sondern als konsequentes Postulat des Glaubens an die Menschwerdung Gottes, die“ unvermischt und unteilbar“ ist, also eine irrationale, aber im höchsten Maß reale Verbindung zweier Eckpunkte des Daseins. Diese Formel erklärt auch die Norm der Verhältnisse von Kirche und Staat bzw. Kirche und gesellschaftlichen Strukturen.
Nun möchte ich auf die Frage der monarchischen Staatlichkeit und des Sinnes der Krönungsordnung eingehen. Es gibt mehrere Fassungen der Zarenkrönungsordnung. Eine von ihnen wurde anlässlich der Krönung seiner Majestät Zar Paul I. erlassen, eine andere steht im Buch über die Wahl Michael Romanows zum Zaren und Großfürsten Russlands. Eine weitere Krönungsordnung ist Teil der Gebetshymnen der Orthodoxen Katholischen Kirche, die in Berlin im 19. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Ungeachtet manchmal vorkommender textueller Schwierigkeiten sind alle drei Varianten erstens ihrem Sinne nach einheitlich und, zweitens beruhen auf einem einheitlichen byzantinischen Muster. Der Sinn dieses Sakraments besteht darin, dass der Zar von Gott nicht nur als Oberhaupt der staatlichen oder der zivilen Administration gesegnet wird, sondern auch und vor allem als Träger des theokratischen, des kirchlichen Dienstes, als Statthalter Gottes auf Erden.
Dies geht vor allem aus dem Schlüsselgebet der Ordnung hervor, im Gebet „ Herr, unser Gott, König der Könige und Herrscher der Herrschenden“, wo es heißt: „Der König ist über Dein Volk gesetzt“, also weder über eine Nation noch über einen Staat, sondern über das Volk Gottes, über die Kirche.
Das erweckt eventuell Unverständnis und Feindseligkeit von zwei Seiten. Einerseits besteht der Klerikalismus der römisch-katholischen Richtung auf die strenge Unterscheidung zwischen Staat und Kirche. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass in unserer Zeit der Katholizismus das Prinzip der Trennung zwischen Kirche und Staat als Norm betrachtet. Der mittelalterliche-Katholizismus bestand auf dem Primat der Geistlichen nicht nur in der Kirche, sondern auch im Staat. Auch in der russischen Geschichte gab es einen kirchlichen Prominenten dieser Richtung, nämlich Patriarch Nikon. Andererseits waren manche Andersgläubige ratlos (und noch ratloser sind Eiferer der religiösen Freiheit dieses Jahrhunderts), warum die russische Nationalhymne ein Gebet für den orthodoxen Zaren war. Diese verstanden nicht (oder verstanden im Gegenteil ganz gut), dass ein orthodoxer Zar die beste Garantie für die Freiheit aller religiösen Konfessionen war.
In einem mehr oder weniger unitaristischen Staat hatten auch nicht-orthodoxe Konfessionen tatsächlich weitreichende innere religiös-kulturelle Rechte, manchmal sogar gerichtliche und gesetzgeberische Autonomie. Muslime lebten nach ihren eigenen Gesetzen, prozessierten bei ihren eigenen Richtern und bewahrten das System kirchlichen Besitzes. Jüdische Gemeinden wurden lange Zeit durch Chelliahs verwaltet. Es darf nicht vergessen werden, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts in jeder Gouvernementsstadt eine römisch-katholische Kirche gab. In einer russischen Stadt wie Saratow gab es ein römisch-katholisches geistliches Seminar. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, was aus all den nicht-orthodoxen Glaubenslehren Russlands nach dem Fall des orthodoxen Reiches wurde. Es ist also nicht erstaunlich, dass der Zar als oberster Patron der Orthodoxen Kirche auch der Hüter geistig-spiritueller Traditionen anderer religiösen Gemeinden gewesen war.
Es stellt sich die Frage, ob das theokratische Verständnis der Zarenobrigkeit in der Zarenkrönungsordnung dem kirchlichen Bewusstsein entspricht oder der Kirche durch staatliche Gewalt aufgezwungen ist.
Vermutlich kann es hier keine zwei Antworten geben. Schauen wir uns die Ordnung der Bischofs-Cheirotonie an, von der niemand sagen würde, sie sei unter staatlichem Einfluss entstanden. Im Weihegebet dieser Ordnung lesen wir: „Stärke diesen, wie Du Deine Heiligen Apostel und Propheten gestärkt hast, wie Du Könige gesalbt hast, wie Du Erzbischöfe geweiht hast.“
Also stehen die Zaren in einer Reihe mit den Propheten und Erzbischöfen. Die Präsenz der Apostel am Anfang dieser Reihe spricht dafür, dass die Autoren der Ordnung nicht nur die alttestamentliche, sondern auch und in erster Linie die neutestamentliche Periode meinten.
Besehen wir uns einige Hauptmeilensteine der Kirchengeschichte, so wird klar, dass die Frage, ob die Kirche die monarchische Staatlichkeit als vorwiegend von Gott errichtet betrachtete, nur im 20. Jahrhundert entstehen konnte.
Der Apostel Paulus rief bereits dazu auf, in Dankbarkeit für den Kaiser zu beten, als die Kaiser die Kirche Christi noch verfolgen ließen. Der heilige apostelgleiche Kaiser Konstantin der Große nannte sich „Bischof für auswärtige Angelegenheiten“. Keines der sieben Ökumenischen Konzile wurde gegen den Willen und ohne unmittelbare leitende Teilnahme byzantinischer Bischöfe berufen. In der Periode von der Regierung Kaiser Justinians bis zum Patriarchentum des Hl. Hierarchen Photios I. wurde im Kirchenrecht die Theorie der Symphonie geformt und ausführlich festgelegt. Darunter wurde die Zusammenarbeit von Priesterschaft und Reichsregierung verstanden, und zwar im Werk der Seelsorge nicht nur an einzelnen Personen, sondern auch ganzen Gemeinden im Werk der Vorbereitung der Seele des Volkes, wie sie sich in seinem Heer und seiner Obrigkeit widerspiegelt, für die Wahrnehmung des Reiches Gottes. Wenn wir uns die Geschichte Russlands vergegenwärtigen, müssen wir daran erinnern, dass die Zarenkrönung von Iwan dem Schrecklichen sowohl von diesem selbst als auch von unserem ganzen Volk nicht nur als staatlicher Akt, sondern vor allem als Aufnahme der vorwiegenden Sorge um die Ökumenische Orthodoxie in der Nachfolge des orthodoxen byzantinischen Basileus.
Wenn wir uns schließlich an das Erbe des Hierarchen erinnern, den seine Zeitgenossen den All-Russischen Patriarchen nannten, an das Erbe des Hl. Erleuchters Metropolit Philaret (Drosdow) von Moskau und Kolomna also, werden wir in seinen Worten zur Zarenzeit eine elaborierte Theorie des Heiligen Reiches sehen, das er zweifellos mit der russischen kaiserlichen Staatlichkeit gleichgesetzt hätte.
Ein kurzer Abschnitt aus seinen Worten am Tag der Geburt des Zaren Nikolaus I. Pawlowitsch 1851 lautet: “Fürchtet Gott; ehret den König (1 Petr 2,17). Möge der Bund dieser zwei Gebote, herrlich und wohltuend, untrennbar sein. Ein Volk, das Gott wohlgefällig ist, ist würdig, einen von Gott gesegneten Zaren zu haben. Ein Volk, das den Zaren ehrt, macht sich dadurch Gott wohlgefällig, da der Zar eine Einrichtung Gottes ist. So wie der Himmel zweifellos besser als die Erde ist, und das Himmlische besser als das Irdische, so soll zweifellos auf Erden jenes das Beste sein, was nach dem Bild des Himmlischen errichtet ist, wie es Gott den Gottesseher Moses gelehrt hatte: und sieh zu, dass du sie nach ihrem Muster machest, welches dir auf dem Berge gezeigt worden ist (Ex 25,40), also auf der Höhe der Gottesschau. In Übereinstimmung damit errichtete Gott auf Erden nach dem Bilde Seiner himmlischen Einzelleitung den Zaren, also nach dem Bilde Seiner Allmacht – den alleinherrschenden Zaren, nach dem Bild Seines Reiches, das unvergänglich ist und von Ewigkeit zu Ewigkeit andauert – den erbschaftlichen Zaren. O, wenn doch alle irdischen Zaren auf die himmlische Würde achteten und dem ihren Zügen zustehenden himmlischen Bild die erforderliche gottähnliche Gerechtigkeit und Güte, himmlische Wachsamkeit, Gedankenreinheit und Heiligkeit von Absichten und Taten richtig hinzufügen würden. O, wenn doch alle Völker die himmlische Würde des Zaren und die Errichtung des irdischen Reiches nach dem himmlischen Bild richtig verstünden und sich mit dessen Zügen versähen, nämlich der Ehrfurcht und der Liebe zum Zaren, demütigem Gehorsam gegenüber seinen gesetzlichen Befehlen, gegenseitiger Zustimmung und Einmütigkeit, und von sich alles, wofür es im Himmel kein Bild gibt, entfernten, nämlich Selbstüberhebung, Zwist, Eigenwilligkeit, Eigennutz und jegliche boshafte Absicht und Handlung. Alles, was nach dem himmlischen Bild wohl errichtet ist, wäre selig. Alle irdischen Reiche wären ein würdiges Vorfeld des himmlischen Reiches.“
Nach der Lehre des hl. Erleuchters Philaret ist der Zar Träger der Macht Gottes. Diese auf Erden existierende Macht ist eine Widerspiegelung der Himmlischen Allmacht Gottes. Das irdische Reich ist ein Bild und ein Vorfeld des Himmlischen Reiches. Deshalb folgt aus dieser Lehre sicherlich die Tatsache, dass nur die irdische Gesellschaft segensreich ist und den Samen der Gnade Gottes enthält, der diese Gesellschaft durchgeistigt und weiht, deren Oberhaupt der oberste Machtträger und Gesalbte, der Zar ist. Selbst der Begriff der Gesellschaft enthält den Gedanken an ein Zentrum, um welches Viele sich vereinen. Neben der tiefen Weisheit, die in diesen Worten der Ersthierarchen Moskaus liegt, sind in ihnen auch große Gefühlstiefe und Aufrichtigkeit des Herzens erkennbar, welche den eigentlichen Geist des Machtgesetzes durchdringen. Sie prägen sich durch Respekt und Unterordnung gegenüber dieser Obrigkeit - weder wegen ihrer Macht (niemandem von uns würde es einfallen, die Kriecherei des Hierarchen Philaret zu wiederholen) noch wegen der Notwendigkeit, sich einem bestehenden Regime zu unterwerfen, sondern im Namen der obersten Prinzipien, Respekt und Unterordnung, da diese Obrigkeit von Gott gesetzt ist, da in ihr die Kraft Gottes lebt und wirkt, und da der Segen nur auf demjenigen ruhen kann, der sich aus freiem Willen dieser Macht unterordnet.
Hier ist anzumerken, dass aus dem obigen keinesfalls folgt, dass der Zar nicht das Recht hätte, seiner durch die heilige Krönung festgelegte Obrigkeit abzuschwören. Die byzantinische Geschichte ist reich an solchen Ereignissen. Abschwörung ging häufig mit der monastischen Weihe einher, was als Garantie ihrer Unumkehrbarkeit diente. Aber manchmal bewahrte der Abgedankte seine kaiserliche Würde. Hier ist an Andronikos II. Palaiologos zu erinnern. Hier kann eine Analogie zwischen dem Mysterium der Cheirotonie , der Trauung und der Kaiserkrönung gezogen werden. Setzt sich ein Bischof zur Ruhe, verliert er seine Würde nicht. So schworen in Konstantinopel Patriarchen ihrer Obrigkeit häufig ab und kehrten nach einer Weile doch auf die verlassene Kathedra zurück. Im Mysterium der Ehe gilt im Falle des Treuebruchs eines der Ehegatten der Andere als von einstigen Gelübden ledig – aber nicht vom Segen, den er während der kirchlichen Trauung empfang. In der Zeit der Abschwörung Seiner Majestät des Zaren Nikolaus II. geschah eben so ein Treuebruch der riesigen Mehrheit des russischen Volkes gegenüber demjenigen, der sein Vorsteher vor Gott war.
Die Abschwörung von Nikolaus II. geschah zu einer Zeit, als ganz unterschiedliche und breite Bevölkerungsschichten ihre Unzufriedenheit mit der kaiserlichen Regierung äußerte. Dutzende Millionen von Menschen waren vom Krieg müde und wollten Veränderungen. Böswillige Kräfte, die zur Abschwörung nötigten, hatten behauptet, dass Seine Majestät der Zar den Weg zu einem Ende des Krieges versperren würde. Vermutlich war es Nikolaus II. bewusst, dass sie Unrecht gehabt hatten. Doch musste er zwangsläufig berücksichtigen, dass die negative Einstellung ihm gegenüber Auslöser der Wirren sowohl in der russischen Gesellschaft als auch in der Armee und damit ein Hindernis zur erfolgreichen Kriegsführung gewesen war. Zwar zeigte die Geschichte bald, dass das Haupthindernis der weitverbreitete Antimonarchismus gewesen war - sowohl von der februar- als auch von der oktoberrevolutionären Richtung[1]. Seine Majestät der Zar hatte den Zustand der Gesundheit der russischen Gesellschaft überschätzt. Andererseits besteht kein Zweifel, dass seine aufrichtige Selbstopferung nicht nur abstraktem Patriotismus entsprang, sondern auch der Bewahrung des Autokratieprinzips dienen sollte.
Alle oben angeführten Tatsachen und Nachweise könnten nun wie interessante, doch mit dem heutigen kirchlichen Leben keineswegs verbundene kirchliche Ideologie erscheinen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass auf den tausendjährigen Wegen der Erfahrung der Ökumenischen Kirche nach wie vor universelle und objektive Aufgaben stehen. Reiche, Dynastien, Staaten, Grenzen, Klassen und Bestimmungen stürzten in sich zusammen. Die alten symphonischen Bedingungen sind verschwunden. Wir leben in einer Welt von höchst säkularisierter Kultur, von neuen Rechtsstaaten, die multinational und multikonfessionell sind und verschiedenerlei oder gar keine Staatsreligion haben. Doch bleibt die Kirche im 21. Jahrhundert, so wie auch vor tausend Jahren, die Seele der Welt und Werkzeug der göttlichen Weltverwaltung. Sie ist berufen, die Welt geistig-spirituell zu steuern und das Reich Christi sowohl auf Erden als auch im Himmel zu errichten. In diesem Sinne ist sie ontologisch theokratisch bzw. christokratisch. Deshalb geht es für Christen lediglich darum, durch welche Mittel und Methoden diese Teilnahme an den (unter anderem staatlichen und sozialen) Werken dieser Welt verkörpert und verwirklicht werden soll. Die Antwort auf diese Frage ist ungeachtet verschiedenster Bedingungen und zufälliger Umstände sehr einfach.
Es gibt zwei falsche Vorgehensweisen im Leben um uns herum, die viele annehmen, da sie denken, dies seien Muster dafür, wie orthodoxe Christen handeln müssten. Die eine, in der Umgebung von neophytischen ausgebildeten jungen Menschen weit verbreitet, ist, mit der Zeit Schritt zu halten und moderne Musik, moderne Mode und Geschmäcker und den gesamten Rhythmus des modernen Lebens zu akzeptieren. Der Sinn dieser allgemein umfassenden Versuchung, die heute in ihrer profanen Form Menschen offen und auch in religiösen Formen verborgen angreift, besteht in folgendem: lebe in den Tag hinein, habe Spaß, entspanne dich, fühle dich wohl. Als Symbol dieses sorglosen Weltbildes, das dem Vergnügen hinterherläuft und sich betrügt, könnte das amerikanische Disneyland dienen, dessen Äquivalente bereits in verschiedenen Städten Russlands errichtet wurden.
Dieser Weg bedeutet Unheil für das christliche Leben; es ist der Tod der Seele. Auch wenn es einige noch schaffen sollten, ein nach außen unanstößiges Leben nach dem „Zeitgeist“ zu führen, sind sie innerlich tot. Der Christ muss sich von der Welt unterscheiden, und dass soll eine der Hauptaufgaben sein, die er sich als Teil seiner christlichen Weltanschauung stellen soll. Ansonsten machte es einfach keinen Sinn, sich Christ zu nennen.
Eine falsche Vorgehensweise im anderen Extrem ist das, was wir als “Illusion der Wiederherstellbarkeit“ bezeichnen könnten . Indem es sich von dem wahrhaft schrecklichen Leben in unserer Gesellschaft der letzten sieben Jahrzehnte (schrecklichen sowohl in ihren eigentlichen Grundlagen als auch im Alltag) distanziert, träumt ein Teil des kirchlichen Volkes von der automatischen Rückkehr der alten Form der politischen und kirchlichen Beziehungen. Es träumt davon, dass die Orthodoxe Kirche wieder eine Vorrangstellung erwerben werde und die alltägliche Ordnung von vor ein- oder dreihundert Jahren wiederhergestellt werden könnte. Eine gerechte Bewertung solcher Konstrukte gab Anton Kartaschow noch einige Jahre vor dem Fall der kommunistischen Regimes. In seinem Buch „Wiedererrichtung des Heiligen Russlands“ («Воссоздание Святой Руси», (Paris 1956, S. 67f) schrieb er: „Ein christlicher Staat kann nur von Christen aufgebaut werden. Im Altertum, als die Unterordnung unter den Glauben die Völker zu monolithischen Massen machte, war dies einfach. Nun ergab es sich aber, dass die Christen unter ihren Völkern in die Minderheit geraten sind. Jetzt ist es viel schwieriger, einen christlichen Staat aufzubauen. Sicherlich ist die christliche Minderheit berechtigt, Führer der unreligiösen Mehrheit zu sein. Doch wäre es eine verrückte Idee (und ein Merkmal blasphemischer Einstellung zu Objekten des christlichen Glaubens), diese Mehrheit in den Rahmen der kirchlichen Disziplin hineinzutreiben. Ein Beispiel dafür wäre eine staatliche verbindliche Anforderung, dass alle, pauschal, ob sie glauben oder nicht, die Gnade der Tauf-, Kommunions- und Ehetrauungsmysterien empfingen. Das würde bedeuten, nach den Worten des Evangeliums, das Heilige den Hunden zu geben. So war es schon einmal; doch wäre es unzulässig, die Kirche und die Mysterien weiter herabzuwürdigen. Kurz gesagt, ist ein neuer christlicher Staat in den altersschwachen verwesenden Trümmern weder zu verwirklichen noch auch nur zu denken. Der Würde des Glaubens und der Kirche entsprechen in unserer Zeit eher Formen des Rechtsstaates, welche komplette religiöse Freiheit garantieren.“
Auch die Kirche muss sich die Vorteile ihrer Lage optimistisch bewusst machen und nutzen. „Vom Staat getrennt“, hat sie auch heute die Möglichkeit, aktiv ins Leben der Gesellschaft einzugreifen, und das mit freien Händen. Deshalb wiederholen wir, dass wir weiterhin Bewahrer des Ideals der wahren Symphonie bleiben. Es sei vorweggenommen, dass es sicherlich nicht um Symphonie mit dem staatlichen Apparat geht, sondern um den Bund mit den lebendigen Kräften der Nation. Um den Geist der Kirche im Leben zu verwirklichen, müssen weniger Präsidenten und Parlamente, sondern freie, kulturelle Kräfte der Gesellschaft um Unterstützung gebeten werden. Zu den Priestern kommen ja viele Menschen, um ihre Ratlosigkeit angesichts der heutigen Staatsorganisation und den Vorstellungen über die große Nähe zwischen Kirchenleitung und gegenwärtigen Obrigkeit zu besprechen. Dazu ein Paar wesentliche Anmerkungen:
Was wir vor allem nicht vergessen dürfen, ist, dass keine staatliche Organisation uns das Paradies auf Erden garantieren kann. Nach einer nüchternen Anmerkung Berdjaews ist der Staat besser, der uns vor der Hölle auf Erden bewahrt, als der, der verspricht, ein Paradies zu errichten. Letzteres ist viel gefährlicher, und unsere jüngste Geschichte bestätigte dies zweifellos.
Das zweite ist die Relativität der Gründe für eventuelle Proteste. Sicherlich: „es gibt keine Wahrheit auf Erden“[2]. Wir finden zahlreiche Beispiele für inadäquates Verhalten von Beamten, Korruption staatlicher Strukturen und Ungerechtigkeiten, wie sie z.B. mit der Unmöglichkeit der Erhaltung der angemessenen medizinischen Hilfe einhergehen, gegen die unser Gewissen sich empört. Doch stellen wir uns die Frage, wo und wann ein Staat von solchen Mängeln frei war? Natürlich vermuten manche Menschen diese „schöne Ferne“[3] irgendwo in der Umgebung des Genfer Sees, in den Ebenen Neuseeland oder im sozialistischen Schweden, wo alle Probleme gelöst und alle Menschen gut gesinnt und zufrieden sind. In Klammern stellen wir aber doch die Frage, ob sie dort wirklich so glücklich sind. Die Filme von Bergman und Lars von Trier, die Suizidstatistik, der Zustand des kirchlichen Lebens usw. zeigen, dass es auch in diesen Gesellschaften große Probleme gibt. Außerdem ist offensichtlich, dass die Erfahrung dieser relativen Oasen im heutigen Dasein auf das riesige Territorium der Russischen Föderation nicht übertragbar ist. Aber auch solche Überlegungen sind nicht wesentlich.
Ich denke, ein Christ muss sich folgende Frage stellen: agiere ich (wenn auch nur gedanklich) in diesem oder jenem Protest als Christ oder als Mitglied einer Gesellschaft in einer bestimmten Etappe ihre Entwicklung? Es ist klar, dass es vom christlichen Standpunkt neutrale Dinge gibt, an denen wir berechtigt sind, teilzunehmen – allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze. Also was nun – darf der Christ nicht eine gerechtere Besoldung verlangen? Wieso sollte ein Christ nicht eine gerechtere und adäquatere Verteilung der oben erwähnten medizinischen Dienstleistungen fordern, wenn diese Gerechtigkeit offensichtlich verletzt wird? Und so weiter. Der christliche Glauben ist zwar nicht das Fundament für diese Forderungen, aber er beruft uns auch keinesfalls zu sozialer Passivität, in der wir die Teilnahme an jeglicher Form von Protestaktionen für unmöglich halten müssten.
Doch es gibt Grenzen. Wenn ein Protest gegen diese oder jene Form der Ungerechtigkeit zur Schwelle der Revolution hochkocht; wenn die Flammen des Revolutionsbrandes hinter der Forderung nach Berichtigung der unter jeder Staatsorganisation existierenden Mängel immer deutlicher zu sehen sind; wenn der eine Gesellschaftsteil dem anderen immer schärfer und bis zum Hass gegenübertritt, wie es vor dem Februar 1917 war; wenn am Tag vor dem Sonntag des Vergebens auf Versammlungen „Nicht vergessen! Nicht vergeben!“ geschrien wird; dann muss der Christ sich Gedanken machen, ob eine derartiges für ihn als Mitglied der Kirche Christi sittlich neutral ist. Erlaubt ihm sein christliches Gewissen, in einer Reihe mit Menschen zu stehen, die solche Ansichten äußern? Geschweige denn die Fälle allgemein politischer Proteste, bei denen nach dem Prinzip „wer nicht gegen uns ist, ist mit uns“ diejenigen sich versammeln, mit denen nicht nur Beieinanderzustehen unzulässig, sondern (mit Apostel Paulus) von denen es „schändlich selbst zu sagen“ wäre. Auch darüber, ob es mit unserem christlichen Gewissen vereinbar ist, sich gemeinsam mit Verfechtern der höheren Rechte von Schwulen und Lesben oder mit Niederwerfern und Zergliederern des heutigen Russlands (das im Vergleich mit dem historischen Russland nicht mehr ganz so groß ist) an den Händen zu halten, muss man sich Gedanken machen.
Nun zur Einstellung unserer Kirchenleitung zur heutigen Obrigkeit. Vor allem erinnere ich nochmals daran: der Kirche ist die revolutionäre Stimmung prinzipiell fremd. Schauen wir uns einmal den gesamten historischen Weg des Christentums an – die Kirche stand immer für evolutionäre Wege der Gesellschaftsentwicklung. Gewiss: oftmals wurde Protest laut durch Eiferer der Frömmigkeit. Erinnern wir uns an den hl. Erleuchter Philipp aus der Zeit Iwans des Schrecklichen. Erinnern wir uns auch an unsere Narren in Christo und byzantinische heilige Patriarchen, die die Heterodoxie bzw. das ungerechte Leben der byzantinischen Kaiser anprangerten. Es war dies aber ein persönlicher, moralischer Protest. Weder organisierte der hl. Erleuchter Philipp Demonstrationen gegen die Opritschnina, noch brachte er ein Team von Revolutionsären zusammen, um den Zar niederzuwerfen oder Maljuta Skuratow vom Zaren zu entfernen.
Darin liegt der prinzipielle Unterschied. Das Eine ist der persönliche, moralische Protest; das Andere sind Forderungen von Menschenmassen, die schwarz und weiß kaum zu unterscheiden vermögen und nach der Einstellung „entweder mit uns oder gegen uns“ und gegenüber ethischen Kriterien gleichgültig agieren. Mir fallen keine Beispiele ein, dass die Kirche derartige Handlungen gegen die existierende stabile Obrigkeit gutgeheißen hätte. Selbstverständlich fällt darunter nicht die Epoche der Zeit der Wirren mit ihrer Unbestimmtheit der staatlichen Organisation. Aber die Epoche der postrevolutionären Errichtung Russlands fällt sehr wohl darunter. Denn solange es nicht klar war, dass die Bolschewiki sich bedauerlicherweise auf lange Zeit und ernsthaft etablieren würden, war die Einstellung des Patriarchen Tichon und der Kirchenleitung gegenüber dieser Obrigkeit, die kurzfristig erschienen war, eindeutig sehr kritisch gewesen. Als aber klar geworden war, dass man auch weiter in einem atheistischen Staat zu leben hatte, wendete Patriarch Tichon das Kirchenschiff und bemühte sich um Einvernehmen mit dieser neuen Obrigkeit. Zweck war, das Wichtigste zu ermöglichen, wofür die Kirche existiert, nämlich die Möglichkeit der Rettung der Gläubigen innerhalb des Kirchengeheges durch die Teilhabe an den Mysterien; dass also die Pforten der Kirche, in welcher Form auch immer, für das Volk Gottes offen standen.
Welche Gründe hätte nun unsere jetzige Kirchenleitung, sich von der heutigen Obrigkeit zu distanzieren? Etwa soziale Ungerechtigkeit, Korruption oder fragwürdige Nationalpolitik, neben anderen offensichtlichen Fehler? Soll sie sich deswegen von einer Obrigkeit distanzieren, die im Augenblick die Bewahrung Russlands als Staat postuliert; die den Atheismus als mögliche Form staatlicher Ideologie verwirft; die der Kirche, wenn auch nicht bei allen, aber bei vielen Problemen ihres Daseins in diesem Staat entgegenkommt; die uns weder hindert, Gotteshäuser zu errichten, noch Lehranstalten (sowohl höhere als auch niedere, einschließlich Kindergärten) zu eröffnen, noch Bücher zu veröffentlichen, noch eigene Massenmedien zu betreiben, noch sich zum eigenen Glauben unbeschwert zu bekennen; wobei wir wissen, dass und für dieses Bekenntnis keine Nachteile erwachsen, wie es noch vor kurzem der Fall war?
Das bedeutet aber wiederum nicht, dass Menschen, auch diese oder jene Hierarchen, in gewissen Fällen nicht fehlerhaft wären. Es bedeutet nicht, dass das heutige kirchliche Leben von der Erscheinung frei ist, die mit dem unrichtigen und inadäquaten Begriff „Sergianismus“ bezeichnet wird, wobei es korrekter wäre, sie als Manifestation der Servilität zu betrachten.
Versuchen wir denjenigen, die den Begriff „Sergianismus“ reanimieren möchten, eine Antwort zu geben. Vor allem ist es für einen ins kirchliche Leben integrieren Menschen absolut inkorrekt, von „Sergianismus“ zu sprechen, da dabei eine negative Konnotation des Namens eines Vorstehers unserer Kirche, des Patriarchen Sergius, transportiert wird. Seine Handlungen mögen nicht-eindeutig gewesen sein, und seitens unserer Kirche besteht weder Bedarf noch Anregung, allen seinen Taten zuzustimmen. Doch zählt er sicherlich nicht zu den Kollaborateuren und Kompromisslern, hinter deren Positionen nichts anderes stand als die Suche nach dem eigenen Wohl und der eigenen Ruhe. Vermutlich können sogar die härtesten Kritiker des Patriarchen Sergius ihm solches nicht ankreiden. Diejenigen, die nach Nutzen und Ruhe suchten, stellten sich außerhalb der Patriarchenkirche. Mögen wir uns zumindest an seinen Kampf gegen die Erneuererbewegung erinnern , welche während eines langen historischen Zeitraums absoluter Liebling des totalitären Staates und einzige offiziell registrierte und den Bürgern anzubietende Form des kirchlichen Lebens war. Bereits dieser Kampf spricht für die Leitprinzipien seiner Heiligkeit Patriarch Sergius. Das bedeutet ebenfalls keine Fehlerlosigkeit in den Entscheidungen, die er traf, und keine Unvoreingenommenheit in seinen Beziehungen mit den Hierarchen, die seine Position nicht teilten - einschließlich derjenigen, die nun heiliggesprochen worden sind.
Die Begriffe „Servilität“ bzw. „Kollaboration“ passen eher zu den Positionen gewisser Hierarchen der sowjetischen Epoche. Hier gibt es ein weites Feld zum Nachdenken, und auch Probleme, die in der neuesten Geschichte unserer Kirche noch nicht aufgedeckt sind. Eines davon, das sich weitgehend auf die Tätigkeit des Patriarchen Alexios, Nachfolger von Patriarch Sergius, bezieht, ist erst seit kurzem artikuliert worden. Es geht um die große Anzahl der Erneuerer, die Ende des Zweiten Weltkriegs oder sofort danach in die Kirche zurückkehrten. Der Prozentsatz ehemaliger Erneuerer war unter den Geistlichen, einschließlich des Episkopats, sehr hoch. Es ist verständlich, dass diese Schicht, die hinsichtlich ihrer Treue zur Kirche bzw. ihrer Überzeugungen unzuverlässig war, das Klima des kirchlichen Lebens beeinflussen musste. Unter anderem spielte eben diese Schicht eine unwürdige Rolle während der Verfolgungen der Kirche Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre unter Chruschtschow . Diese Verfolgung war nicht so streng wie in den 1930er Jahren (obwohl unsere Zeitgenossen sich gerne an die „Tauwetter-Periode“ der 1960er Jahre erinnern). Die große Anzahl der Abschwörungen geistlicher Würden und Christum selbst war damals den ehemaligen Erneuerern zu verdanken. Das ist tatsächlich ein Problem des Kirchenlebens der damaligen Epoche. Wer würde aber sagen, dass es heute etwas Ähnliches wie diese Schande, diese Servilität gäbe?
Auch wenn es bei uns jetzt Parallelen zur Erneuerer-Bewegung gibt, liegen sie nicht auf der Ebene der Beziehungen zwischen Kirche und Staat, sondern ähneln eher der vorrevolutionären Erneuerer-Bewegung, die im übermäßigen Hunger nach kirchlich-kanonischen Reformen geglüht hatte. Diese wurden in der Erneuerer-Bewegung, angefangen in den 1920ern, teilweise verwirklicht. Dazu zählen die zweite Ehe von Geistlichen, Änderungen der Sprache der Gottesdienste usw. Kann aber behauptet werden, dass solche Kreise das kirchliche Volk und die Geistlichen in seiner Breite vertreten würden? Offensichtlich kaum.
Es lohnt sich zu erinnern, dass die Einstellung zum Patriarchen Sergius und seinen Nachfolgern, neben dem Ökumenismus, eines der Schlüsselthemen war, die bei der Suche nach Wegen zur Wiederherstellung der Einheit der Russischen Orthodoxie und der Vereinigung der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland mit der Russischen Orthodoxie in Russland ausführlich besprochen wurde. Damals fanden diese Argumente und Fakten, diese Einstellung zu den Neomärtyrern und die oben erwähnte heutige Position der Kirche gegenüber dem Staat großes Verständnis bei den Nachkommen russischer Aussiedler und Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. Die Missverständnisse wurden jedoch ausgeräumt und verhinderten nicht die Unterzeichnung des Dokuments über die Wiedervereinigung. Dabei möchten wir daran erinnern, dass ein gewisser Impuls zur Verschiebung der Gespräche aus dem theoretischen in den praktischen Bereich Ergebnis eines Treffens des stets hochverehrten Metropoliten Laurus mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, war. Mögen wir dies trotz all unserer Kritik an den heutigen Zuständen nicht vergessen.
Was die prinzipielle Position der Kirchenleitung zur Zusammenarbeit mit der Obrigkeit betrifft, können nicht einmal Kritiker Seiner Heiligkeit Patriarch Kyrill Servilität vorwerfen. Sie mögen nach irgendwelchen Anlässen aus der Vergangenheit suchen oder, wie es schon fast Tradition ist, an den fingierten Handel mit Wodka und Tabak oder Milliarden, die in uns unbekannten Banken liegen sollen, erinnern. Aber zu behaupten, dass der Patriarch die Obrigkeit nicht kritisieren bzw. dass er die heutigen Probleme der Beziehungen zwischen Staat und Kirche konsequent verschweigen würde, kann nur, wer keine Lust hat, zu hören, was nach wie vor laut, deutlich und mehrfach artikuliert wird. Erinnern wir uns zumindest an die „ Grundlagen der Sozialdoktrin“ , die von einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Metropolit Kyrill, unserem jetzigen Patriarchen, zusammengefasst wurden. Darin ist das Prinzip des zivilen Ungehorsams in Fällen, in denen die Obrigkeit von Kirche oder Gesellschaft etwas verlangt, was der christlichen Sittlichkeit und dem Evangelium widerspricht, unmissverständlich formuliert. Ein friedlicher christlicher Protest wäre dann möglich, wenn uns nicht bloß ein Hemd genommen, sondern etwas verlangt würde, was dem christlichen Gewissen und unserem Glauben zuwiderliefe. Wenn wir unser heutiges Leben mit dem Leben vor 25 Jahren vergleichen, muss all denjenigen, die sich an die damaligen Zeiten erinnern, der Unterschied offensichtlich sein.
[1] Im Ergebnis der Februarumsturzes 1917 wurde die Monarchie niedergeworfen; im Oktober 1917 ergriffen die Bolschewiki die Macht und schafften die Demokratie ab. (Anm. d. Ü.)
[2] Ein Zitat von Alexander Puschkin. (A.d.Ü.)
[3] Ein Zitat aus einem populären russischen Kinderlied. (A.d.Ü.)
Kozlov, Maxim, Erzpriester