Die Heilige Schrift über den missionarischen Dienst: zur Frage über die orthodoxe Mission in China
Im Vortrag von Vladimir Kolesov wird die ersträngige Wichtigkeit der Vorsehung Gottes auf dem Feld des missionarischen Dienstes unterstrichen. Der Autor betont das Potential und die Sonderrolle des Fernostzentrums bei der Moskauer Geistlichen Akademie im Werk der christlichen Erleuchtung in China. Das Material wurde auf der Tagung „Die Orthodoxie in China“ vorgetragen, die in der Moskauer Geistlichen Akademie am 9. Dezember 2011 stattfand.
Einführung
Vor über fünfzig Jahren beendete die Pekinger Geistliche Mission ihre Existenz, und an ihrer Stelle wurde die Chinesischen Autonome Orthodoxe Kirche gegründet. Dieses Ereignis wurde zum wesentlichen Markstein in der Geschichte der chinesischen Orthodoxie. Damals wurden chinesische Bischöfe Basil (Schuang) undSimeon (Du) geweiht. Leider wurde das Wachstum der Chinesischen Kirche durch die Ereignisse gestört, die mit der sogenannten „Kulturrevolution“ verbunden waren. Die Mission der Orthodoxe auf der den Chinesen verständlichen Sprache hörte auf, und die missionarische Tätigkeit wurde für viele Jahre beendet. Doch durch die Gnade Gottes erleben wir jetzt eine andere Zeit, wenn wir die Möglichkeit haben, über die Orthodoxie vor der chinesischen Gesellschaft zu zeugen. Zu zeugen über die Wahrheiten der Heiligen Schrift, die von der Kirche von Generation zur Generation überliefert wurde. Zu zeugen über die Geschichte der Orthodoxen Kirche im Reich der Mitte. Das Fernostzentrum bei der Moskauer Geistlichen Akademie ist bereits zehn Jahre lang tätig. Und das Thema Mission ist hier immer schon eine der aktuellen Prioritäten gewesen und wird so bleiben. Die Vorbereitung von Missionaren, die chinesisch können, ist eine der wichtigen Aufgaben im Werk der Wiedererrichtung der Chinesischen Autonomen Orthodoxen Kirche. Doch, meiner Ansicht nach, ist für den Missionar neben den Sprachkenntnissen auch die Kenntnisse der Heiligen Schrift und seiner Lehre über den missionarischen Dienst äußerst wichtig. Im Rahmen dieses Vortrags möchte ich eben, in Anlehnung auf konkrete Schriften der Heiligen Schrift, meine Überlegungen über diesen nicht einfachen Dienst teilen.
Charismazität eines Missionars
In der Apostelgeschichte gibt es eine sehr interessante Erzählung über die Umstände der ersten missionarischen Reise des Apostels Paulus. Buchstäblich steht es da folgendes geschrieben: „Es waren aber in Antiochien, in der dortigen Versammlung, Propheten und Lehrer: Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene, und Manaen, der mit Herodes, dem Vierfürsten, auferzogen war, und Saulus. Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werke aus, zu welchem ich sie berufen habe. Da fasteten und beteten sie; und als sie ihnen die Hände aufgelegt hatten, entließen sie sie. Sie nun, ausgesandt von dem Heiligen Geiste, gingen hinab nach Seleucia, und von dannen segelten sie nach Cypern. Und als sie in Salamis waren, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Sie hatten aber auch Johannes zum Diener“ (Apg 13,1-5). Die Apostelgeschichte wird als historisches Buch des Neuen Testaments angesehen. Die Geschichte, die im obigen Abschnitt beschrieben ist, ermöglicht wichtige Schlüsse betreffs des missionarischen Dienstes in der Kirche. Erstens ist hier gesagt, dass der Mission Barnabas und Saulus der besondere Wille Gottes vorausging. Die Mission wurde für sie ein Werk, zu dem der Heilige Geist sie berufen hatte. Von den anderen Stellen der Schrift wissen wir, dass der Apostel Paulus über die Gabe der Sprachkenntnisse verfügte, das für den missionarischen Dienst so notwendig war. So im ersten Sendschreiben an Korinther sagt er: „Ich danke Gott, ich rede mehr in einer Sprache als ihr alle“ (1 Kor 14,18). Die Gabe der Sprachkenntnisse ist für Mission notwendig, doch schreibt der Apostel in eben diesem Sendschreiben: „Wenn ich mit den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber nicht Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel“ (1 Kor 13,1). Die Liebe ist eine christliche Tugend, und die Predigt des Christentums ist eine Predigt der Liebe Gottes an die Menschheit, die Predigt der selbstopfernden Liebe des Sohnes Gottes. Die Predigt wird nur in dem Fall wirksam, wenn der Missionar in seinem Leben als Vorbild der selbstopfernden christlichen Liebe aufscheint. Die Geschichte der orthodoxen Mission kennt Beispiele, wenn Missionare über ein besonderes Charisma für den missionarischen Dienst verfügten. Dazu zählten die Heiligen Apostelgleichen Brüder Kyrill und Method, der Heilige Innozenz von Moskau, der Heilige Nikolai von Japan und viele andere. Doch sind die Worte des Heilands „die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige“ für alle Zeiten und Völker aktuell. Meiner Ansicht nach, wartet China auf so einen orthodoxen Missionar, der in seinerCharismazität diesen großen Männern nicht nachstehen würden. Und in dieser Hinsicht trägt der Fernostzentrum vor der Geschichte bestimmte Verantwortung. Wir haben keine andere „Schmiede der Arbeitskräfte“ für die Mission in China. Es ist sehr wichtig, dass in den Studenten, die hier studieren, die Gelehrtheit und die Spiritualität sich vereinen.
Mission ist ein Werk der besonderen Vorsehung Gottes
Wenn es um die Vorsehung Gottes im Kontext der orthodoxen Missiologie geht, sollten wir daran denken, dass die Heilige Schrift immer über die Vorsehung Gottes in Bezug auf konkrete Menschen spricht, die sich durch Diener Christi erscheint. So im Buch der Apostelgeschichte gibt es eine Geschichte über die Taufe des Kämmerers, eines Gewaltigen der Königin der Äthiopier (Apg 8,26-40). Selbst das Treffen des Apostel Philippus und des Kämmerers hatte vom Anfang am einen übernatürlichen vorsehenden Charakter, da Philippus war auf den Weg, auf dem der Eunuch gefahren war, gekommen, indem er dem Wort eines Engels gefolgt hatte: „Ein Engel des Herrn aber redete zu Philippus und sprach: Stehe auf und geh gegen Süden auf den Weg, der von Jerusalem nach Gaza hinabführt; derselbe ist öde. Und er stand auf und ging hin. Und siehe ein Äthiopier, ein Kämmerer, ein Gewaltiger der Kandace, der Königin der Äthiopier, der über ihren ganzen Schatz gesetzt war, war gekommen, um zu Jerusalem anzubeten“ (Apg 8,26-27). Der Grund, auf dem der Dialog zwischen Philippus und dem Kämmerer aufgebaut wurde, war die Prophezeiung Jesajas über den Messias. Im Ergebnis, als sein Wagen zum Wasser kam, bat der Kämmerer Philippus, ihn zu taufen. Nach der Taufe kam auf den Kämmerer der Heilige Geist hernieder, und den Philippus „entrückte der Geist des Herrn… und der Kämmerer sah ihn nicht mehr, denn er zog seinen Weg mit Freuden. Philippus aber wurde zu Asdod gefunden; und indem er hindurchzog, verkündigte er das Evangelium allen Städten, bis er nach Cäsarea kam“ (Apg 8,39-49).
Es ist offensichtlich, dass der Eunuch sich als derartgen Vorsehung Gottes über ihn als würdig erwies, da er zur Annahme des Glaubens an Christus empfänglich gewesen war. Der Eunuch verstand, dass ihm ein heiliger Text vorlag und auf die Frage Philippus, ob er versteht, was er liest, antwortete er: „Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet? Und er bat den Philippus, daß er aufsteige und sich zu ihm setze“ (Apg 8 31). Aus dem Text ist sichtbart, dass der Eunuch ein religiöser Mensch war, er hatte Jerusalem zum Anbeten besucht. Und seine Religiosität ergab sich nach ihrem Geist dem Christentum sehr nah, da er nach dem Gespräch mit Philippus die Taufe empfang. In Buch der Apostelgeschichte ist noch ein bekannter Fall beschrieben. Im zehnten Kapitel wird es davon erzählt, wie über den Apostel Petrus der Kornelius von der italischen Schar. Während des Gebets sah der Hauptmann einen Engel Gottes, der ihm befahl, in sein Haus „Simon, der Petrus zubenannt ist“ (Apg 10,5). Dabei erhielt Simon Petrus eine Offenbarung, über sie Gott ihn zur Predigt an Heiden berief (Apg 10, 10-16).
Kornelius war kein Jude, aber er betet, wie es aus den Worten des Engels „Deine Gebete und deine Almosen sind hinaufgestiegen zum Gedächtnis vor Gott“ (Apg 10,4). An welchen Gott Kornelius betete – das ist eine besondere frage, und sie bleibt offen. Eins ist klar: Kornelius war ein religiöser Mensch gewesen, und diese Religiosität hatte sich als solche erwiesen, die dem Christentum nah gestanden hatte. Nachdem der Apostel Petrus Kornelius angehört hatte, sagte er folgende Worte: „ In Wahrheit begreife ich, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jeder Nation, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, ist ihm angenehm“ (Apg 10, 34-35). Während dieser Rede kam der Heilige Geist auf alle, die dem Wort des Apostels zuhörten, und „er befahl, dass sie getauft würden in dem Namen des Herrn“ (Apg 10,48).
Die oben erwähnten Geschichten mit dem äthiopischen Kämmerer und dem Hauptmann Kornelius sind Bespiele für die positive Vorsehung Gottes in der Mission. In den beiden Fällen findet das Wort Gottes eine positive Reaktion bei den Heiden, und sie empfangen das Sakrament der Taufe. Diese Fakten stehen auch im Einklang mit den Worten des Heilands: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater, der mich gesandt hat, ihn ziehe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tage. Es steht in den Propheten geschrieben: "Und sie werden alle von Gott gelehrt sein". Jeder, der von dem Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir“ (Joh 6,44-45). Aus diesen Worten ist sichtbar, dass es nicht jedem Menschen gewährt ist, Christ zu sein, sondern nur denjenigen, den Gott Selbst zum Glauben bringt. Gott bringt den Menschen im Laufe seines Lebens mittels verschiedenen Umständen zum Glauben, und wenn dieser Mensch den Glauben erlangt, ist das quasi die logische Folge seines ganzen Lebens.
Doch gibt es im Buch der Apostelgeschichte auch eine Beschreibung der negativen Vorsehung Gottes in Bezug auf die missionarischen Werke des Apostel Paulus. So im sechzehnten Kapitel steht es über die Apostel Paulus und Silas folgendes geschrieben: „Sie durchzogen aber Phrygien und die galatische Landschaft, nachdem sie von dem Heiligen Geiste verhindert worden waren, das Wort in Asien zu reden; als sie aber gegen Mysien hin kamen, versuchten sie nach Bithynien zu reisen, und der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht“ (Apg 16,6-7). Dies weist darauf hin, dass die Mission in der Orthodoxen Kirche ein Werk der besonderen Vorsehung Gottes ist, und um missionarische Werke in diesem oder jedem Lande zu beginnen, sollte es geprüft werden, ob dafür der Willen Gottes vorliegt.
Die Chinesische Autonome Orthodoxe Kirche entstand dank den missionarischen Werken vieler Hirten und Oberhirten der Kirche. Die Tatsache, dass jetzt die Interaktionen der Orthodoxen mit China sich erweitert, spricht über das Wohlwollen Gottes gegenüber den Orthodoxen in diesem Land. Ich bin überzeugt, dass es in der modernen China Menschen gibt, die dem Hauptmann Kornelius oder dem Kämmerer, von denen es in der Apostelgeschichte erzählt ist, ähnlich sind. Und solche Menschen müssen eine lebendige Predigt auf der ihnen verständlichen Sprache hören.
Altar für einen unbekannten Gott
Eins der prägenden Beispiele der christlichen Predigt unten Andersgläubigen ist die Rede des Heiligen Apostels Paulus im Areopag zu Athen (Apg 17,22-31). Trotz seiner Empörung über diese Stadt, die voll Idolen war, schaffte der Apostel, mit den Athenern eine gemeinsame Sprache zu finden, und seine Predigt war erfolgreich. Während der die Einwohner ansprach, erwähnte der Apostel den Altar für einen unbekannten Gott, um ihre Frommheit zu betonen. Andererseits erwies es sich aber als eine spirituelle Lücke, die Apostel mit der frohe Botschaft über den auferstandenen Christus auffüllte. Der Apostel sagt direkt, dass er den Gott predigt, den sie nicht kennen, aber doch verehren. Ein moderner Missionar muss mit dieser Methode bewaffnet werden. Dafür ist es aber notwendig, die spirituelle Kultur des Volkes, in dem das Wort Gottes gepredigt wird, zu kennen. Es ist notwendig, eine Lücke im religiösen Bewusstsein der Menschen aufzufinden und sie so aufzufüllen, wie der Apostel in der Areopag zu Athen getan hatte.
In China gibt es auch ein „ Altar für einen unbekannten Gott“, und um zu verstehen, welche Opfer auf diesem Altar dargebracht werden, muss man in die chinesische Umgebung einzusenken. In diesem Sinne muss der orthodoxe Missionar die moderne chinesische Kultur kennen und verstehen können, wo die Religiosität der Chinesen sich mit der Orthodoxie überschneidet. Ein gutes Beispiel zur Nachahmung ist der Erleuchter Nikolai von Japan, der die japanische Kultur sehr gut kannte und ein brillanter Missionar war.
Fazit
Als Fazit möchte ich nochmals davon erwähnen, dass die Apostel Paulus und Barnabas, die der Heilige Geist zum missionarischen Dienst berufen hatte, zu einer Sondergruppe der Gläubigen der Antiochischen Kirche gehört hatten, sie waren also Lehrer und Propheten. Es ermöglicht zu sagen, dass der missionarische Dienst in der Alten Kirche dem Prophetendienst sehr nah gewesen war. Außerdem muss der Missionar, so wie auch der Prophet, ein Mensch des heiligen Lebens sein, und sein ganzes Leben muss nach den Geboten Gottes im Einklang mit der Heiligen Geist zu verlaufen.
Das Fernostzentrum befindet sich in den Gebäuden der Moskauer Spirituellen Schulen, die den Menschen zum pastoralen und missionarischen Dienst unter den Gebetenobhut der Gottesmutter und des Hl. Mönches Sergius [von Radonesch] vorbereiten. Menschen, die die Kirche nach China zur Mission schicken werden, müssen durch diese Schule gehen und alle notwendigen Kenntnisse der kirchlichen Tradition und Fertigkeiten in ihrer praktischen Anwendung erhalten. Das Kenntnis der Heiligen Schrift und seiner Lehre über den missionarischen Dienst ist für den zukünftigen Missionar sehr wichtig. Die Vorbereitung unserer Zeitgenossen muss auf dem Studieren der missionarischen Erfahrung der ersten Christen und der ersten Missionare. Und wenn wir jetzt das Fernostzentrum, die Möglichkeit, die Sprache zu studieren und Studenten auf Taiwan zum Sprachelernen zu schicken – ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist Menschen beruft, missionarische Werke in Richtung China anzufangen?
Kolesov, Vladimir