Predigt zum 12. Samstag nach Pfingsten (1Kor 1,26–29; Mt 20,29–34) (30.08.2025)
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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amin.
Lieber Vater, liebe Gläubigen,
im heutigen Evangelium hörten wir von der Heilung der zwei Blinden von Jericho (Mt 20,29–34), der tiefstgelegendsten Stadt der Welt. Sie wurde schon 9.000 Jahre vor Christi Geburt gegründet und liegt im Jordantal 259 Meter unter dem Meeresspiegel. Außerdem war sie, geprägt von mildem Klima, eine Art Luxusstadt, wo die Reichen ihr Winterquartier bezogen.
Als Jesus auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem war, auf dem Weg hinein in das Leiden, saßen da am Stadtausgang die zwei Blinden, denen nichts anderes übrigblieb, als zu Betteln – das damals gewöhnliche Schicksal. Und diese Blinden schrien: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids.“ Dabei ist bemerkenswert, dass man nur Gott „Herr“ nannte. „Sohn Davids“ schrien sie, weil Christus der verheißene Messias war. Und „erbarme Dich unser!“ bedeutet: hab Mitleid mit uns, höre doch unsere Schreie, sieh doch unseren Schmerz, hilf uns doch mit all unseren Problemen, wenn du der Messias bist, auf den wir gewartet haben.
Interessanterweise schimpften die umstehenden Leute: Seid ruhig, stört uns nicht! Denn es war ihnen wohl unangenehm, Leid zu sehen. Die blinden Bettler sollen lieber ruhig sein, und uns unser Leben genießen lassen, uns nicht stören in unserer geliebten Ruhe und Routine. Aber die beiden Blinden lassen sich nicht einschüchtern, sondern schreien noch lauter: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ Sie wollen endlich sehen können. Ob sie von Geburt an blind waren oder es erst später wurden steht nicht geschrieben. Die Blindheit meint ja hier nicht nur die physische Blindheit, sondern auch die geistige; daher der Begriff „geistige Umnachtung“.
Wenn die Schafe ihren Hirten kommen hören, dann blöken sie und folgen ihm, denn sie kennen ihren Herrn. So rufen auch die zwei, denn sie wollen endlich von der Last der Sünden befreit werden, um auch geistig wieder zu sehen. Und Christus hört sie, wie Gott auch uns hört. Und Christus bleibt stehen, umringt von vielen Leuten, die ihn priesen und ihm schmeichelten; Er bringt die herrliche Prozession zum Stehen und nimmt sich jener Geringsten an. Er hat ihr Rufen gehört, ihren Schmerz gesehen und hilft. Gott hört, Gott sieht, Gott hilft! So steht es auch geschrieben: „Jesus aber, gerührt von Barmherzigkeit“. Es jammerte Christus. Das heißt, Er war innerlich tief bewegt und hatte Mitleid. Im Griechischen steht hier ein starkes Wort: es zerriss Ihm die Gedärme!
Dann berührte Er die Kranken und sogleich wurden ihnen die Augen aufgetan, sie konnten wieder sehen, ihre Sünden waren vergeben und im selben Augenblick wurden sie wieder sehend, das heißt, dass sich auch die geistige Umnachtung wieder löste und sie quasi erleuchtet wurden, zumal Christus die Heilung des ganzen Menschen möchte, d. i. die Lösung von Sünde, Tod und Teufel. Damit beruft Gott diese Geringen, wie wir es auch in der heutigen Epistel aus dem ersten Korinterbrief hörten: „das Törichte hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden macht“, und: „Das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt“ (1Kor 1,26–29). Demgemäß lädt Christus die beiden geringen, blinden Bettelbrüder ein, Ihm nachzufolgen, indem Er ihnen das Licht und Heil schenkt. Der Hl. Justin von Celije schrieb einmal: „Wenn die Menschen geistlich zu schauen beginnen, dann sehen sie mit den Augen des Glaubens in Christus Jesus immer ihren Gott und Retter. Und dann? – verlassen sie alles und folgen Ihm durch alle Zeit und durch die ganze Ewigkeit.“ Derjenige aber, der in seinem gemütlich eingerichteten Komfort verharrt und sich mit seiner irdisch-weltlichen Umnachtung zufriedengibt, und sogar behauptet, es gäbe keinen Gott, für denjenigen gibt es kein Richtig und Falsch, keine objektive Wahrheit, keine Moral und letztlich auch keine Vergebung, keine Rettung und keine Hoffnung.
Der Hl. Petros von Damaskos (☦ 13. Januar 715 oder um 750) beschreibt in seiner sechsten Darlegung die Rolle der Hoffnung im geistigen Streben und vergleicht sie mit dem Vertrauen der Kinder in die Eltern, die ihre Kinder lieben und sie – auch wenn sie es noch nicht einsehen – zum Guten leiten wollen: „Denn da die Kinder den Nutzen der Buchstaben und der übrigen Lehrgegenstände nicht kennen, fliehen sie davor. Doch weil die Eltern den Gewinn erfahren haben und ihre Kinder lieben, drängen und zwingen sie diese dazu. Ist aber die Zeit gekommen, machen auch die Kinder die Erfahrung und beginnen, diese Dinge und die sie zwingenden (Eltern) nicht nur zu lieben, sondern auch sie selbst nehmen mit Freuden Leid auf sich für die Kenntnisse, welche sie erlangten. Eben darum müssen auch wir zuerst im Glauben durch die Ausdauer laufen, ohne in den Bedrängnissen nachzulassen. Und wenn die Zeit gekommen ist, gelangen wir dazu, daß wir den Nutzen der Geschehnisse erkennen, und so arbeiten wir mit Freude und Frohsinn unermüdlich. Im Glauben wandeln wir, wie der Apostel sagt, und nicht im Schauen.“ Das heißt, dass die Kinder, auch wenn sie den zukünftigen Lohn nicht kennen, großen Nutzen haben werden, wenn sie ihren Eltern vertrauen und sich ihrer Liebe gewissermaßen auf Glauben hin unterwerfen.
Gott ward Mensch und Fleisch durch den Heiligen Geist und die immerwährende Jungfrau Maria und möchte uns ganz nahe sein. Christus ging mit den Menschen in Hautkontakt und möchte als Heilige Eucharistie wahrhaftig zu uns kommen. Christus steht an der Tür zu unserem Herzen, die man nur von innen öffnen kann. Somit klopft Er an und wartet, bis wir Ihm von ganzem Herzen öffnen. Dann kommt Er herein und möchte bleiben und wir werden im Lichte wandeln und haben Vergebung, Rettung und Hoffnung, bis zum Ende, sofern wir wollen, denn Christus nachzufolgen ist kein Zuckerschlecken.
Wollen wir denn in der Nähe Gottes sein, im Lichte wandeln? Denn bei Tageslicht sieht man auf einem weißen Hemd alle Flecken. In Christo erkennen wir unsere Sünden, Fehler und Verfehlungen und dies ist ein schmerzhafter unangenehmer Prozess, der unsere geliebte Ruhe und Routine stört. Cave, denn wir könnten erkennen, wie schlecht es vielleicht um uns steht. Tief in unserem Herzen können wir es fühlen, wie viele größere Backsteine oder kleinere Kieselsteine sich in unserem Rucksack angesammelt haben, den wir täglich mit uns herumschleppen. Dann brechen wir irgendwann einfach zusammen und erkennen dann, dass wir Hilfe benötigen. Oder wir erkennen es noch rechtzeitig, wie sehr wir eigentlich am Rockzipfel Christi hängen und Ihn brauchen, denn Christus sprach: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5). Wenn wir Gott vertrauen wollen, dann müssen wir heraus aus unserer Komfortzone.
Im menschlichen Körper gibt es kein größeres Wunder als die Augen. Der Hl. Justin schreibt dazu folgendes: „In ihnen ist gleichsam das ganze Geheimnis des menschlichen Wesens enthalten: sowohl das himmlisch-irdische Geheimnis des Körpers als auch das gottebenbildliche Geheimnis des Geistes. Mit Hilfe der Augen verweilt der Mensch stets im Herzen seines geheimnisvollen Wesens, ist er immer mit dem Ewigen und Gottmenschlichen, Unsterblichen und Unvergänglichen verbunden.“ Dies heiß, dass die Heilung von Blindheit, die Rettung von den Sünden bedeutet, die der Ursprung jeglicher Krankheiten sind. Der Hl. Justin nennt die zwei Blinden „unsere Lehrer im Gebet“, denn sie rufen: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ (V. 31). Von ihnen können wir das Beten lernen, zumal der Mensch vor Gott nicht viele Worte hat, außer: Herr, erbarme Dich!
Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir in unserem geistigen Leben voranschreiten wollen, müssen wir heraus aus der Komfortzone und uns in das Ungemütliche begeben, wie der Seemann viele Gefahren und Untiefen auf sich nimmt. Lassen wir uns dabei ganz vom Vorbild der zwei Blinden und dem immerwährenden Jesusgebet begleiten und darauf vertrauen, dass Gott uns sieht und hört: „Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders!“ Oder unter Menschen: „Herr, erbarme Dich unser!“
Lasst uns auch unseren schweren Rucksack, unsere geistige Umnachtung, Christus im Mysterium der Umkehr (Beichte) übergeben, um fortan mit Leichtigkeit und Licht unseren Lebensweg zu gehen, denn das Joch Christi ist mild und Seine Last ist leicht (Mt 11,30). Lasst uns abmühen im Erwerb der Tugenden auf den Glauben an das Künftige hin, wie der Bauer auch nicht sät, auf das Schauen hin, sondern in gläubiger Erwartung der zukünftigen Ernte. Lasst uns Gott unterwerfen, indem wir uns Seiner Liebe vertrauensvoll hingeben. Wie ein Kind seinen Eltern vertraut, so lasst uns auch unserem himmlischen Vater im Glauben und in der Hoffnung auf das Zukünftigen vertrauen und unseren Schutz bei der Allheiligen Gottesgebärerin suchen. Lasst uns versuchen, den Menschen zu vergeben und Gott jeden Tag für alles zu danken. Lasst uns verharren in der Ausdauer und Hoffnung auf die geheimnisvollen, künftigen Güter, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben.
Dank sei Dir, o Gott, für alles. Amin.