Predigt zum 30. Herrentag nach Pfingsten / Herrentag der Väter (Hebr. 11:9-10, 17-23, 32-40; Mt. 1:1-25) (04.01.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
mit dem Herrentag vor der Geburt Christi wird die Schlussetappe auf unserem Weg zu Weihnachten eingeleitet. Wollen wir uns den Sinn und den Ursprung der nun hinter uns liegenden Adventszeit klarmachen. Die vierzigtägige Fastenzeit ist die seit Jahrhunderten bestens bewährte Einstimmung auf die Ankunft Gottes in dieser Welt, wobei vor allem die liturgische Ausrichtung für uns zur Vorbereitung auf die Geburt des Heilands dient. Enthaltsamkeit und Gebet sind immer die beste Voraussetzung für die wahre Freude zur gegebenen Zeit, wie die Teilnahme am Mysterium des Leibes und des Blutes Christi ohne das eucharistische Fasten und ohne die Gebete vor der Heiligen Kommunion undenkbar ist und ebenso z.B. die kirchlich gesegnete Eheschließung ohne vorherige Bewahrung der körperlichen Reinheit faktisch ihren Sinn verliert.
Unser Blick richtet sich auf Bethlehem. Im Hinblick auf Jerusalem, Sinnbild für das Königreich Gottes (s. Ez. 48:30-35; Offb. 21:9-22:5), pflegte man zu sagen: „Wir gehen hinauf nach Jerusalem“ (s. Mt. 10:17-18; Mk. 10:32-33; Lk. 18:31; vgl. dazu den „Stufengesang“ oder die „Aufstiegslieder“ im Buch der Psalmen, 18. Kathisma, Ps. 119-133). Auch das benachbarte Bethlehem ist auf einem Berg erbaut. Und so gehen wir in dieser „kleinen Quadragesima“ hinauf in das „Himmlische Bethlehem“, weil sich dort die Prophezeiung zuerst erfüllt: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden Sein Volk sein; und Er, Gott, wird bei ihnen sein“ (Offb. 21:3), denn zu Bethlehem erklang der Gesang der Engel: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen Seiner Gnade“ (Lk. 2:14).
Am heutigen Herrentag der Väter gedenken wir aller „leiblichen“ Vorfahren des Herrn. Der „Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (Mt. 1:1), mit dem das Neue Testament beginnt, ist eine Kurzversion der Menschheitsgeschichte, der Heilstaten Gottes. Die vierzigtägige Adventszeit kulminiert in der Ankunft Gottes auf Erden. Ihr erster Höhepunkt ist das Fest der Einführung der Gottesgebärerin in den Tempel, durch die „Gottes Wohlwollen vorgebildet“ und die „Errettung der Menschen verkündigt“ wird. Von diesem Tag richtet sich der Blick der Kirche auf die Geburt Christi. Der Kreis zieht sich immer enger zusammen: Wir gedenken zunächst einzeln der Propheten, welche die Ankunft des Messias angekündigt hatten, bevor ihnen und allen Gerechten des Alten Bundes ein liturgisches Denkmal am Herrentag der Vorväter gesetzt wird. Der nächste Schritt ist der Stammbaum Jesu Christi als Präludium der Geburt Gottes aus der Allerheiligsten (s. Mt. 1:1-17 und 18-25). Die vollkommene, selbst die Engel übertreffende Reinheit der jungfräulichen Mutter des Herrn ist dabei das Geschenk der Menschheit an Gott. Die Gaben der Sternendeuter aus dem Morgenland (s. Mt. 2:11), die sie dem auf Erden erschienen Gott des Himmels darbrachten, sind ein sichtbarer Hinweis auf dieses Geschenk, aber auch darauf, dass wir Menschen zuerst dem zu unserem Heil Geborenen dankbar unsere Huldigung erweisen sollen, bevor wir dann unsere Geschenke unter dem Weihnachtsbaum hervorholen. Christus gebührt unsere ganze Anbetung, und Seiner Mutter unsere größtmögliche Verehrung.
Am Herrentag der Väter steigert sich die Vorfreude und unsere Herzen schlagen höher. Von nun an sind es nur noch wenige Tage bis zur Begegnung mit dem Heiland. Das Geheimnis des Glaubens offenbart sich in der Erscheinung Gottes im Fleisch (s. 1 Tim. 3:16; vgl. Joh. 1:14). Die Menschheitsgeschichte erlebt ihren (vorläufigen) Höhepunkt im Eintritt Gottes in das Weltgeschehen, und zwar in Raum (s. Mt. 2:6; Mi. 5:1-3), Zeit (s. Dan. 9:24-25) und Materie (s. Mt. 1:23; Jes. 7:14), so dass wir nun voller Jubel rufen dürfen: „Gott ist mit uns!“ Wir alle und unsere frommen Vorfahren finden Platz in der kleinen Höhle zu Bethlehem in einer geistlichen Realität, die jegliche irdische Realität unendlich übersteigt. Wir betreiben nicht bloße Erinnerungskultur, sondern wir beteiligen uns wahren am Leben, das in Bethlehem seinen Anfang nimmt. In Christus beginnt das neue Leben für uns im Himmel, und zu Ihm richten sich unsere Herzen: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit“ (Kol. 3:1-4).
Wir fallen nieder vor der Krippe des Herrn am Tag der Geburt Christi, wobei die Ikone inmitten der Kirche unser „Fenster zur Ewigkeit“ ist. Durch den Eintritt Gottes in unsere Welt sind die Grenzen zwischen Himmel und Erde, zwischen der geistlichen und der materiellen Welt, zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit aufgehoben. Der Herr sprach vom Stammvater: „Euer Vater Abraham jubelte, weil Er Meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich“ (Joh. 8:56). Der Herr steht über der Zeit, Er ist gegenwärtig in Ewigkeit: „Amen, amen Ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin Ich“ (8:58). Und David sah die ewige Präsenz Christi ebenso voraus, indem er sprach: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: ´Sitze zu Meiner Rechten, bis Ich Dir Deine Feinde zum Schemel mache für Deine Füße`“ (Ps. 109:1; s. Mt. 22:44; Mk. 12:36; Lk. 20:42-43), denn Jesus Christus ist der Gott des Alten Testaments, „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Ex. 3:6). „Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden“ (Mt. 22:32; vgl. Mk. 12:27; Lk. 20:38a) „denn für Ihn sind alle lebendig“ (Lk. 20:38b). Somit feiern wir heute das Leben! Und deshalb wollen wir in der Realität Gottes leben, und nicht in der „Realität“ dieser Welt, für die es kein Leben nach dem Tode gibt. Amen.