Predigt zum Hohen und Heiligen Mittwoch (Mt. 26:6-16) (08.04.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
am Mittwoch der Großen Woche lesen wir den Abschnitt über die Salbung in Bethanien. Die Evangelisten Matthäus und Markus berichten nahezu wortgleich über dieses Geschehen „im Hause Simons des Aussätzigen“ (Mt. 26:6-16; Mk. 14:3-9), womit der Vater von Martha, Maria und Lazarus gemeint sein dürfte. Dieser selbst war da entweder nicht mehr am Leben oder ist zu diesem Zeitpunkt schon von unserem Herrn vom Aussatz geheilt worden. Die beiden Evangelisten erwähnen eine namentlich nicht genannte Frau, die dem Herrn das Haupt mit kostbarem Nardenöl salbt und sich dadurch den Unwillen der Jünger einhandelt. Wenn wir den in wesentlichen Punkten übereinstimmenden Bericht aus dem Johannes-Evangelium (s. Joh. 12: 1-11) hinzuziehen, wird eindeutig, dass es Maria, die Schwester des Lazarus war, die dem Herrn auf diese Weise ihre Dankbarkeit für die Auferweckung ihres Bruders zum Ausdruck brachte. Ein ähnliches Ereignis schildert der Evangelist Lukas (s. Lk. 7:36-50), das sich aber in einigen Punkten von den Berichten der drei anderen Evangelisten unterscheidet. Auch wenn der Hausherr, ein Pharisäer, Simon heißt (ein sehr verbreiteter Name unter den Juden), dürfte es sich um eine andere Person handeln als um den Vater der drei uns bekannten Geschwister, mit denen unser Herr Jesus Christus eng befreundet war. Die namentlich ebenfalls nicht genannte Frau im Hause des Pharisäers war nach Darstellung des Evangelisten Lukas eine Sünderin, die in der Stadt lebte (s. Lk. 7:37). Aus dem Zusammenhang lässt sich auch nicht erkennen, dass diese Stadt Bethanien nahe Jerusalem gewesen sein könnte, zumal Bethanien bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein Dorf war (vgl. Lk. 10:38-39). Es war wohl eher eine Stadt in Galiläa, worauf auch die zeitliche Abfolge bei Lukas schließen lässt, denn die Salbung im Hause des Pharisäers steht in keinem Zusammenhang mit dem letzten Aufenthalt des Herrn in Jerusalem. Die bei Lukas erwähnte Sünderin salbt zudem die Füße des Herrn, nicht das Haupt, womit sie ihre Bekehrung zu einem tugendhaften Leben bezeugt und dadurch vom Herrn den Erlass ihrer Sünden geschenkt bekommt (s. Lk. 7:47-49). Die andere Frau, Maria, war hoch angesehen und keine stadtbekannte Sünderin. Doch selbst wenn es sich wohl faktisch um zwei verschiedene Ereignisse an zwei verschiedenen Orten handelte, verschmelzen die beiden Frauen in den kirchlichen Hymnen des Hohen Mittwochs zu einer Person. Vorrangig ist hier nicht die detailgetreue Wiedergabe des Geschehens, sondern die geistliche Lehre, die wir aus dem Ereignis ziehen. In beiden mutmaßlich unterschiedlichen Ereignissen erkennen wir nämlich den Gegensatz zwischen der Liebe zu unserem Herrn, auf die es letztlich ankommt, und der bloß nominellen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Gottes. Maria, die ja schon vorher vom Herrn dafür gelobt worden war, dass sie „das Bessere gewählt“ hatte (Lk. 10:42), darf nun für alle Zeiten weltweiten Ruhm dafür ernten, dass sie den Leib des Herrn im Voraus für Dessen Begräbnis gesalbt hat (s. Mt. 26:12-13; Mk. 14:8-9). Judas und der Pharisäer Simon gehören zu den jeweiligen Zeitpunkten formal dem Kreis der Diener Gottes an, lassen aber beide die Liebe zu unserem Herrn vermissen. Nicht so die Frau mit dem Alabastergefäß. Hier ein paar Kostproben der byzantinischen Hymnographie, aus dem Herzen der orthodoxen Spiritualität (Aposticha im Orthros):
„Heute kommt Christus in das Haus des Pharisäers, und eine Frau, eine Sünderin, trat herzu und warf sich zu Seinen Füßen und rief: ´Siehe mich an, die in Sünde Gefallene, die ob ihrer Taten Verzweifelnde, die von Deiner Güte nicht Verabscheute; gib mir, Herr, die Vergebung meiner Sünden und erlöse mich!`“
„Die Buhlerin breitete Dir, dem Gebieter, ihre Haare aus; Judas breitete seine Hände den Frevlern aus: Jene, um die Vergebung zu empfangen, dieser, um Silberlinge zu empfangen. Deshalb rufen wir Dir zu, dem Verkauften und unserem Befreier: ´Herr, Ehre sei Dir!`“
„Es trat zu Dir die Frau im üblen Geruch der Sünde. Mit Tränen benetzte sie, Erlöser, Deine Füße, ihre Leidenschaft bekennend. Wie soll ich zu Dir aufblicken, Gebieter? Doch Du Selbst bist gekommen, die Buhlerin zu erlösen. ´Wecke mich, die Tote, auf, wie Du Lazarus, der bereits vier Tage tot war, wieder erweckt hast. Nimm mich, die Verlorene, auf und erlöse mich!`“.
„Die ob ihres Lebens Verzweifelnde, ob ihres Strebens Erkorene, trug das Salböl, kam zu dir und rief: ´Verwirf mich nicht, die Buhlerin, Du, der aus einer Jungfrau geboren bist, verachte nicht meine Tränen, Du Freude der Engel; doch nimm mich Reuige auf, die Du in ihren Sünden nicht von Dir gestoßen hast, Herr, ob Deines großen Erbarmens!`“
Jeder von uns muss nun nach vierzigtägiger Zeit der Reinigung mit sich selbst ausmachen, zu welchem der beiden Lager er hinzugezählt werden möchte: Zum Apostel und Verräter bzw. dem kaltherzigen und scheinheiligen Pharisäer oder zu Maria bzw. der Sünderin im Hause Simons, für welche beide die Liebe zu unserem Herrn über allen Dingen steht.
Heute sprechen wir zum letzten Mal das Gebet des heiligen Ephraim und prüfen uns selbst: Habe ich mich in dieser Zeit selbst angeklagt oder meinen Nächsten gerichtet? Habe ich meine Schwatzhaftigkeit und meine Herrschsucht wenigstens etwas heruntergefahren? Bin ich langmütiger geworden oder ist meine Reizbarkeit in neue, unbekannte Höhen geklettert? Und vor allem: Habe ich mich wenigstens ein paar Millimeter in Richtung Liebe zu unserem Herrn und zu meinen Brüdern und Schwestern bewegen können? - Wenn nicht, dann habe ich umsonst auf Beefsteak und Bratwurst verzichtet und müsste eigentlich auf dem Absatz kehrtmachen und wieder ganz von vorne anfangen. Amen.