Predigt zum 7. Herrentag nach Pfingsten (Röm. 15:1-7; Mt. 9:27-35) (19.07.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
in der heutigen Lesung können wir thematisch da anknüpfen, wo wir letzte Woche aufgehört haben. Egal was unser Herr auch tut, es finden sich immer Widersacher, die Seine Liebe und Seine Wunderkraft kleinreden oder gar diffamieren. Gutes tun an einem Sabbat ist ein Frevel, Krankheiten zu heilen, nachdem der Mensch von der Sündenlast befreit wurde, ist Gotteslästerung, und wenn der Herr Dämonen ohne diese „Begleitumstände“ austreibt, tut Er dies nach Darstellung der Pharisäer mit Hilfe des Anführers der Dämonen (s. Mt. 9:34). Aber was hätte Er nach ihrer Ansicht denn tun sollen?!.. Mir fehlen einfach die Worte. So ist es auch mit unserer Kirche. Wenn sich der Klerus oder die Gläubigen um ihr Seelenheil kümmern, heißt es, sie verachteten die sie umgebenden Menschen und seien völlig teilnahmslos und gefühlskalt im Hinblick auf die Probleme dieser Welt („Egoisten sind das, die sich nur mit sich selbst beschäftigen“). Wenn sich Kirchenvertreter hingegen in gesellschaftlichen Dingen einbringen, werden sie der Usurpation ihnen nicht gebührender Zuständigkeiten bezichtigt („Sie sollen gefälligst in ihren Kirchen beten und sich nicht in die Angelegenheiten der weltlichen Ordnung einmischen!“). Der Herr weiß das, weshalb Er den Geheilten ein ums andere Mal befiehlt, Stillschweigen zu bewahren – doch praktisch immer umsonst, auch hier (s. Mt. 9:30-31).
Doch wollen wir uns heute nicht den äußeren Umständen der Heilungen unseres Herrn zuwenden, sondern vielmehr auf ihren inneren, allegorischen Gehalt eingehen. Der Herr heilt zunächst zwei Blinde, die Ihm den ganzen Weg bis ins Haus gefolgt waren, danach einen von einem stummen Dämon Besessenen. Geistliche Blindheit ist uns ein Begriff, darüber gleich mehr, aber gibt es auch eine geistliche Stummheit? Ja, die gibt es. Auch dazu in Kürze. Zunächst aber der Reihe nach. Woran erinnern uns die beiden Blinden? Sie glauben nach eigenem Bekunden daran, dass der Herr ihnen helfen kann und werden dank ihres Glaubens auch geheilt (s. Mt. 9:28-29). Aber sie halten sich nicht an die Absprache mit dem Herrn, verkünden von Ihm danach in der ganzen Gegend (s. 9:31), was sich letztlich negativ auf das Verkündigungswerk des Herrn auswirkt (vgl. Mk.1:44-45; Lk. 5:15-16). Als Folge davon werden immer mehr Leute kommen, um sich körperlich heilen zu lassen, doch nicht allein deshalb ist der Herr in die Welt gekommen. In Ihm erfüllte sich das Schriftwort: „Der Geist des Herrn ruht auf Mir; denn der Herr hat Mich gesalbt. Er hat Mich gesandt, damit Ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit Ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk. 4:18-19; vgl. Jes. 61:1-2). Seine Prioritäten sind klar abgesteckt (s. Joh. 18:37). Denn was nützt es einem Menschen, wenn er zwar in irdischen Dingen Hilfe bekommt, aber keinen Nutzen für die Seele erlangt? Wie damals gibt es auch heute Menschen zuhauf, die zwar selbst von sich behaupten, gläubig zu sein, dies aber durch keinerlei Fakten belegen. Wir wollen uns hier gar nicht mit Haarspaltereien aufhalten, denn für mich gibt es ein Kriterium, an dem sich festmachen lässt, ob der Betreffende wirklich im Sinne der kirchlichen Lehre gläubig ist: Wenn der Mensch nämlich keinen Bedarf für sich sieht, am Mysterium des Leibes und des Blutes Christi teilzunehmen, dann kann er sich zwar noch so oft als gläubig bezeichnen, aber das ist nur ein abstrakter, nichtssagender und oberflächlicher Glaube an irgendein höheres Wesen. Jesus Christus ist in so einem von weltlichen Vorstellungen und Selbsteinbildung geprägten Koordinatensystem, wenn Er überhaupt darin vorkommt, nur eine marginale Symbolfigur, die für das Heil (was immer man darunter verstehen mag) irrelevant ist. Das Seelenheil selbst verkommt zu einer unkonkreten Randnotiz, zu einer Kategorie von bestenfalls sekundärer Bedeutung. Und das ist geistliche Blindheit! Nichts anderes. Wer sich nicht als großen Sünder sieht, wird auch keinen großen Bedarf für die Teilnahme an der Eucharistie – der Gemeinschaft mit Christus – empfinden. Seine Sünden sieht ja nur der, welcher an sich arbeitet, vornehmlich durch häufiges und intensives Sündenbekenntnis (Beichte). Ein Putzlappen kann oberflächlich sauber aussehen, aber nach fünfzehnfachem Auswringen wird das Wasser im Eimer immer noch schmutzig sein. Ein wirklich reines Tuch hingegen wird schon dadurch geschändet, wenn ein Staubkorn auf dasselbe fällt. So geschieht es auch bei frommen Menschen, deren Verfehlungen sofort für alle sichtbar werden. Wir kennen das schon zur Genüge.
Doch wie sieht es mit der geistlichen Stummheit aus? Gott hat die (allermeisten) Menschen zu sprachbegabten Wesen gemacht (slaw. словесная таварь). Neben der Denkfähigkeit ist dies ein äußerliches Unterscheidungsmerkmal zu den übrigen beseelten Geschöpfen. Ein Affe kann Gott nicht durch Artikulation preisen, der Mensch hingegen ist dazu berufen (s. z.B. Ps. 134-135, 137, 145- 150). Wenn er dies nicht tut (und wie viel Prozent der Worte aus unserem Mund sind in der Realität unnütz, schädlich oder böse?!), ist er Gottes Berufung nicht gerecht geworden. Er hat dann das Ziel seines Daseins verfehlt, ist unwürdig vor Gott. Doch jeder Mensch hat die Möglichkeit, dies zu ändern, und zwar Gott aus ganzem Herzen seinen Willen zur Umkehr zu signalisieren – und sei es auch mit dem letzten Atemzug (s. Lk. 23:40-43; Apg. 2:21; Röm. 10:8-11).
In der Kirche haben wir die lebendige Gemeinschaft mit Christus. Wer sich Ihm nähert, wird zwangsläufig seine eigenen Unzulänglichkeiten und Verfehlungen sehen. Er wird gar nicht anders können, als vor Christus niederzufallen und Ihn um Erbarmen anzuflehen. Und darin liegt unser Heil. Amen.