Predigt zum Herrentag zu Ehren des Heiligen Johannes Klimakos (Mk 9, 17-31) (30.03.2014)
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(Hebr. 6: 13-20; Eph. 5: 8-19; Mk. 9: 17-31; Mt. 4: 25 – 5: 12)
Liebe Brüder und Schwestern,
der vierte Sonntag der Großen Fastenzeit ist dem ehrenden Gedächtnis des heiligen Johannes Klimakos gewidmet, der als Jugendlicher in das Katharinenkloster am Berg Sinai eintrat, später vierzig Jahre als Einsiedler lebte und gegen Ende der ersten Hälfte des 7. Jhd. zeitweilig Abt dieses Klosters war. Für alle Zeiten bekannt wurde der hl. Johannes durch sein asketisches Werk „Die Himmelsleiter“, das in dreißig Stufen den mühsamen Aufstieg vom irdischen Dasein zur Herrlichkeit der Gemeinschaft Gottes beschreibt.
Manch einer wird sich fragen, ob das irdische Leben wirklich dazu da ist, damit „Fanatiker“ wie Johannes Klimakos oder Maria von Ägypten einen Großteil davon in der Wüste zubringen? Wozu diese „selbstbezogene“ Weltverachtung?..
Seit jeher kann der Mönch entweder den Weg der totalen Fokussierung auf geistliche Belange einschlagen, oder den der teilweisen Einbeziehung sozialer und karitativer Aspekte in die klösterliche Praxis. Der erste Weg findet jedenfalls seine Rechtfertigung in den vor einer Woche von uns vernommenen Worten des Herrn: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seiner Seele Schaden zufügt?“ (Mk. 8: 37). Demzufolge ist die Seele eines Menschen in Gottes Augen wertvoller, als die ganze sichtbare Welt, und zwar aus dem einen Grund, dass die Seele ewig, die Welt aber vergänglich ist. Und wenn einer den Weg des Heils erst einmal für sich selbst beschreitet, dann braucht er sich nicht darum zu sorgen, wie er andere daran teilhaben lassen kann, denn Gott wird schon einen Weg dafür finden. Die uns bekannten Mönchsväter konnten sich zum Zwecke der Selbstläuterung gar nicht weit genug in die Wüste „verkriechen“, ohne dass sie dort immer wieder von eifrigen Nachahmern ausfindig gemacht wurden. So entstanden einst auch die größten russischen Klöster nicht als riesige Gebäudekomplexe unter goldenen Kuppeln, sondern als armselige Einsiedeleien in der Abgeschiedenheit der Höhlen, in der kargen Einöde endloser Wälder oder in der Unzugänglichkeit entlegener Archipele am Polarkreis. Je zurückgezogener das Leben dort war, desto länger wurden die Pilgerströme aus den dichter bevölkerten Landesteilen.
Daraus erkennen wir, dass der Mensch von klein auf immer jemandem nachzueifern sucht. Heute sucht er sich Vorbilder unter den Großen dieser Welt, so dass Bücher von solchen oder über solche Menschen zu Bestsellern werden, nicht aber Bücher von Heiligen, die den Weg ins Himmelreich weisen.
Für unsere gläubigen Vorfahren waren aber Heilige die Richtschnur, nach der sie Gott nachzueifern trachteten: „O Gott, wie verehre ich Deine Liebenden, ihr Urbild ist zu höchster Macht gelangt“ (Ps. 138: 17).
Fakt ist: jeder kann sein Ziel der Gottesähnlichkeit erreichen, nicht nur Mönche. Andernfalls würde die Kirche das Beispiel des hl. Johannes Klimakos nicht anpreisen, und die „Himmelsleiter“ wäre dann ja nur etwas für Klosterbibliotheken. So aber schöpfen auch Laien ihre geistliche Kraft aus asketischer Literatur. Das Wesen und die Stärke der christlichen Glaubenslehre liegt ja gerade darin, dass man ewig gültige Grundsätze und Werte durch geistliches Denken und Handeln in jeder historischen Epoche und unter allen sozialpolitischen Umständen implementieren kann. Wir können heute z.B. nicht einfach alles stehen und liegen lassen und in die Wüste gehen, aber jeder von uns kann trotzdem sein Kreuz auf sich nehmen und, anstatt in Larmoyanz und Selbstmitleid aufzugehen, zu sich sagen: „Meine familiäre Situation mit ihren täglichen Prüfungen, meine schwierigen sozialen, schulischen, beruflichen und materiellen Lebensumstände, meine prekäre finanzielle Lage, mein schwächelnder Gesundheitszustand etc. etc. - all das ist mir von Gott gegeben, damit ich auf dem Weg des Heils voranschreiten kann“. Ebenso kann eine viel geplagte Ehefrau, anstatt zu verzweifeln oder den Ehemann zu verdammen, sagen: „Mein Mann ist für mich, so wie er ist,der beste der Welt. Er ist mir, mit all seinen Ecken und Kanten, von Gott gegeben, also ist er, gewissermaßen, maßgeschneidert für mich und für mein persönliches Heil“. Oder ein Krüppel kann sagen: „Ohne meine Krankheit oder Behinderung würde ich nur an irdische Vergnügungen und materielle Werte denken, so aber gab mir Gott die Möglichkeit, mein von Ihm geschenktes Schicksal anzunehmen und so gemeinsam mit Ihm das Kreuz bis zum Ende zu tragen“. Und am Ende steht die ewige Herrlichkeit Gottes! So sah es die blindgeborene und verkrüppelte heilige Matrona, so sah es Hiob. Sie lehren uns durch ihr ganzes Leben, dass ALLES, was uns zustößt, der Erlangung dieses einen Zieles dient. Auch Geronta Paisios empfiehlt uns allen, „positives Denken“ zu entwickeln, denn wahres Glücklichsein ist nicht abhängig von äußeren Faktoren, sondern von der Ausrichtung des Herzens. Mit der richtigen Einstellung werden nämlich sogar das Tragen des Kreuzes und das Martyrium zur Freudenquelle. Der Weg dazu führt aber über „Gebet und Fasten“ (Mk. 9: 23).
Und Gott kann, im Übrigen, nichts falsch machen. Wenn mir Arges widerfährt, dann nur aus zwei Gründen: entweder habe ich es nicht besser verdient – dann ist es nur gerecht, oder es geschieht ohne mein direktes oder indirektes Verschulden – das würde dann bedeuten, dass ich von Gott auserwählt bin und Ihm durch Geduld, Dankbarkeit und Demut meine Treue beweisen kann. Also habe ich die Chance, auf diesem Wege die mir individuell zugeschriebene Stufe der Heiligkeit zu erlangen. Dazu bedarf es aber des unerschütterlichen GLAUBENS, denn „alles kann, wer glaubt“ (Mk. 9: 23).
Fanatismus wäre das nur in dem Fall, wenn es keinen Gott und keine Auferstehung gäbe, aber dann wäre sowieso alles umsonst (vgl. 1. Kor. 15: 14, 17). Gleichwohl, Fanatismus gibt es unzweifelhaft in der Welt. Jedoch ist religiöser und politischer Extremismus immer nur eine Reaktion auf dunkle Machenschaften, deren Fäden heimlich im Hintergrund gezogen werden. Und sehr oft machen sich diese, hinter den Kulissen wirkenden Kräfte die Not der Menschen zunutze. Djihadistischen Selbstmordattentätern wird ja seitens der potenten Strippenzieher nicht nur das Paradies im Schnellverfahren versprochen, sondern auch die materielle Absicherung der Familie. So lässt sich quasi das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das wahre Ziel ist aber nicht das Reich Gottes, sondern die irdische Herrschaft derer, die mit dem Glauben der einfachen Leute manipulieren. Auch deshalb wollte Christus Sich nicht von politischen Ideen der religiösen Elite vereinnahmen lassen, und bevorzugte es, stattdessen unschuldig für die Sünden anderer zu sterben (s. Joh. 6: 15).
Auch wir müssen angesichts der sich ständig zuspitzenden weltpolitischen Lage aufpassen, dass die Emotionen in uns nicht hochkochen. Gewiss dürfen uns dreiste mediale Unwahrheiten und systematischer Betrug seitens politisch Verantwortlicher (von welcher Seite auch immer!) nicht unberührt lassen: „Zürnt, aber sündigt nicht“ (Ps. 4: 5; Eph. 4: 26). Auch der Herr vertrieb die Händler mit einer Peitsche aus dem Tempel und wurde zornig, als Er die verstockten Herzen der Pharisäer sah. Und wenn wir tatsächlich, wenigstens im Kleinen, die Not der Betroffenen lindern können, dann sind wir vom Standpunkt christlicher Ethik sogar dazu verpflichtet. Aber die ständige, letztendlich ohnmächtige Besorgnis um die politische Großwetterlage darf nicht die Sorge um unser Seelenheil überlagern. Wir sind geborgen in der Kirche, die zwar permanent wie ein Schiff auf stürmischer See von Wellen überflutet wird, in deren Mitte aber Christus liegt und „schläft“: „Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?“ (Mt. 8: 26; vgl. Mk. 4: 40 und Lk. 8: 25). Glauben wir etwa, das Geschehen um uns herum könnte Gottes Kontrolle „entgleiten“?!... Wir müssen nur Sorge dafür tragen, dass wir selbst nicht falsch reagieren, d.h. nicht gegen Gottes Willen handeln. Wenn wir uns hingegen der politischen Konjunktur hingeben, laufen wir zunehmend Gefahr, dass in unseren verwirrten Köpfen religiöse und politische Überzeugungen miteinander verschmelzen, so dass die Bereitschaft zu extremistischer Vorgehensweise kontinuierlich zunimmt. So verschwimmen dann die Grenzen zwischen Verteidigung eigener und Missachtung fremder Interessen.
Deshalb wollen wir abschließend eine klare Trennlinie zwischen einem Zeloten und einem Fanatiker ziehen, denn der kleine, aber feine Unterschied besteht darin, dass ein Zelot bereit ist, für seinen Glauben zu sterben, während ein Fanatiker bereit ist, für seinen Glauben zu töten.
Wollen wir also Augenmaß in allen Dingen bewahren und uns verstärkt dem geistlichen Leben zuwenden, denn diesen gerechten Eifer sollen wir ja gerade verspüren, damit die Gnade Gottes in uns beim Erklimmen der Himmelsleiter wirken kann. Amen.