Predigt zum 24. Sonntag nach Pfingsten über die Nächstenliebe und die Liebe zu Gott (Lk 10, 25-37), 23.11.2025
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Liebe Brüder und Schwestern,
im heutigen Evangelium erfahren wir, was wir tun müssen, um das ewige Leben zu ererben. Die Antwort darauf gibt uns der Jüngling:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Verstande und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Nun, wenn wir das Ganze rückwärts lesen, dann kommen wir der heutigen Herangehensweise in unserer Gesellschaft sehr nahe.
„Wie Dich selbst“ – das wird uns in allen Medien, in der Werbung, von sogenannten Psychologen, Coaches, Experten usw. eingetrichtert. Und das seit frühester Kindheit. Du bist der Mittelpunkt Deines Lebens, alle anderen sind nur peripher. Siehe zu, dass es Dir gut geht. Und Punkt.
Nun, letzteres hat schon etwas für sich. Es sollte uns gut gehen, damit wir auch in der Lage sind, etwas zu leisten. Doch was heißt das, dass es uns gut gehen soll, dass wir glücklich sind? Was ist Glück? Und: Was macht uns glücklich?
1954 führte der nordamerikanische Wissenschaftler und Psychologe James Olds ein bahnbrechendes Experiment an der McGill University in Kanada aus. Er implantierte Elektroden in das sogenannte Belohnungssystem des Gehirnes von Ratten. Im Käfig der Versuchstiere war ein Knopf bzw. ein Hebel angebracht. Dieser diente dazu, dass wenn er betätigt würde, das Tier einen kleinen Impuls über die Elektrode ins Gehirn zur Ausschüttung von Glücksgefühlen bekam.
Was passierte nun?
Die Tiere waren wie verrückt darauf, den Knopf zu betätigen. Das taten sie alle Sekunden mehrere tausende Male, um diesen – wie man später feststellte – Dopaminstoß als Neurotransmitter zu bekommen. Sie waren also nur noch damit beschäftigt, diesen Knopf möglichst oft zu betätigen – das tat ja so gut. Damit vergaßen sie aber zu Essen, zu Trinken und zu Schlafen. Was letztendlich einen vorzeitigen Tod der Tiere bedeutete.
Wenn wir das auf uns übertragen, dann ist dieser Dopaminstoß heute durch viele verschiedenste Vergnügungen zu erreichen. Ob man raucht, Alkohol trinkt oder irgendwelche andere Rauschmittel konsumiert, ob man exzessiv irgendwelchen Hobbys, sich an einem Bungee-Seil die Tiefe hinabstürzt oder anderem nachgeht.
Oder gar, ob man die Volksdroge konsumiert, die uns in Form unserer elektronischen Gadgets insbesondere den Smartphones dargereicht wird: Die sogenannten sozialen Netze und anderen Apps, die uns mit ihren roten Pünktchen immer wieder auffordern, den Touch-Knopf zu drücken und uns möglichst häufig unseren Dopaminstoß abzuholen.
Auch daraus können Abhängigkeiten entstehen, die einerseits dazu führen, dass wir unser eigentliches reales Leben vernachlässigen und andererseits uns von der Kommunikation mit Gott und den uns Nahestehenden und der Fürsorge für sie abhalten. Das kann gar dazu führen, dass wir unser Leben und auch das anderer zerstören.
Dabei ist es inzwischen sogar wissenschaftlich erwiesen, dass reales Glück sich nicht auf diesen kurzfristigen Dopaminstößen aufbauen lässt, sondern nur durch langfristige gute soziale Beziehungen, durch Freundschaften,– und jetzt kommen wir wieder auf das heutige Evangelium zurück – durch die Unterstützung anderer, durch Hilfe, durch Barmherzigkeit, durch Liebe erzielen lässt.
Das ist dann auch die zweite Stelle des Satzes, den wir ja rückwärts lesen wollten:
„Liebe […] Deinen Nächsten.“
Ein altes Sprichwort besagt
„Geben ist seliger denn nehmen.“
Dies bewahrheitet sich hier voll und ganz. Wenn Menschen nur konsumieren, nur nehmen, dann ist es egal, wieviel finanzielle Mittel sie haben und für diese scheinbare Glückserfüllung aufwendeten. Es hilft nicht: In ihrem Herzen werden sie unglücklich sein. Das kann dann zu Depressionen und letzten Endes sogar in einigen Fällen zu Suiziden führen.
Dagegen ist das sich Aufopfern für andere, das Gute tun, etwas, was uns langfristig Erfüllung gibt. Natürlich ist es wie immer im Leben, es darf natürlich nicht zu einem Ausbrennen, einem Burn-Out führen. Wir können nur anderen helfen, wenn wir selbst dazu in der Lage sind, wenn unsere Kräfte dies hergeben.
Der Samariter in der heutigen Lesung handelte so. Er versorgte den Bedürftigen, ging dann aber weiter seinen Geschäften, seiner Tätigkeit nach und vergaß dabei aber nicht für den Bedürftigen vorzusorgen.
Wenn wir nun beim eingangs zitierten Satz am Anfang ankommen, dann stoßen wir auf das unmittelbar Primäre, das da lautet:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Verstande“
Damit sind wir am Kern angekommen: alle Selbstliebe, alle Liebe zu den Nächsten stehen zurück vor dieser Aussage, dass wir vor allem und über allem Gott lieben.
Dieser Punkt wird nur sehr gern in unserem heutigen Umfeld vergessen. Über die so hochgehaltene Selbstliebe sprachen wir ja schon. Das Andere unterstützt werden sollen und wir Nächstenliebe erweisen, ist in der Regel auch noch in der Gesellschaft akzeptiert. Aber nun Liebe zu Gott?
Doch es ist offensichtlich. Wenn wir Gott nicht lieben, was haben wir dann im Paradies, im himmlischen Königtum verloren? Wenn wir seine Nähe nicht brauchen, dann haben wir de facto dort nichts zu suchen. Und das ist genau der Punkt, der uns klarwerden sollte. Nur, wenn wir Gott lieben – und das für uns an erster Stelle steht – dann werden wir auch errettet werden.
Amen.