Predigt zum 20. Sonntag nach Pfingsten über Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (Lk 6, 31-36), 18.10.2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
das heutige Evangelium stammt aus der Beschreibung der Bergpredigt Christi durch den Evangelisten Lukas. Bei Lukas ist diese sehr kondensiert dargestellt, quasi der Extrakt, der Espresso. Aber ein Espresso kann bitter sein und so ist das, was der Evangelist hier niederschreibt, anfangs nun wirklich nicht leicht zu konsumieren. Doch der Reihe nach.
Im ersten Teil der Lesung erfahren wir von der sogenannten goldenen Regel, die Christi ausspricht:
„Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tuet auch ihr ihnen gleicherweise.“
Das ist sicherlich etwas, was eigentlich jeder Mensch für sich unterschreiben kann. „Wie Du mir, so ich Dir!“, um es kurz auf einen Nenner zu bringen.
Es ist praktisch die positive Formulierung des „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ des Alten Testamentes.
Doch, wenn wir ehrlich auf uns schauen, dann ist es oftmals für uns angenehmer, mehr zu bekommen, als wir selbst geben. Wer möchte nicht gerne einen Vorteil für sich bekommen, ohne sich darum zu kümmern, ob das nun gerecht ist oder nicht – schließlich haben wir ja das aus unserer Sicht nun mehr als verdient!
Das ist zumindest erst einmal ungerecht. Wenn wir Gerechtigkeit einfordern, dann gehen wir zumeist von dieser Regel aus, die dann Christus anfügte: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tuet auch ihr ihnen gleicherweise.“
Im Folgenden zündet Christus aber die zweite Stufe. Und das ist die, welche den Christen von der restlichen Menschheit abhebt. Das ist nämlich das Neuartige an der christlichen Religion, das ist etwas, was es in keiner anderen Religion und schon gar nicht in einer säkulären Gesellschaft gibt. Jesus spricht weiter:
„Und wenn ihr die liebet, die euch lieben, was für eine Gnade ist euch zuteil? Denn auch die Sünder lieben die, welche sie lieben. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, was für eine Gnade ist euch zuteil? Denn auch die Sünder tun dasselbe. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr zurückzubekommen hofft, was für eine Gnade ist euch zuteil? Denn auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. Indes, liebet eure Feinde, und tuet Gutes, und leihet, wobei ihr nichts zurückerhofft;“
Das muss man erst einmal verdauen:
Ich soll den lieben, der mir etwas Schlechtes getan hat? Wie soll das funktionieren? Wie soll ich denn dazu befähigt werden? Wie soll ich das schaffen? Und vor allem, warum?
Hier greift ein anderes Prinzip:
Die Trennung von Sünder und Sünde. Wenn wir es schaffen, den Sünder zu lieben, aber dessen Sünde zu hassen, dann sind wir schon auf dem richtigen Weg.
Möglicherweise ist es dem anderen selbst unangenehm, dass er etwas Schlechtes tut, aber er ist bislang nicht in der Lage, sich davon zu befreien.
Seien wir doch mal ehrlich zu uns: Wie oft fällt es uns selbst schwer, sich irgendwelcher schlechten Gewohnheiten zu entsagen. Manche dieser beichten wir jahr- oder gar jahrzehntelang und kommen doch nicht davon los. Sie kleben faktisch an uns, sie sind wie eingebrannt.
Aber von anderen fordern wir dieses?
Deswegen ist es ein langer Weg, ein geistlicher Weg, auf dem wir die Befähigung erlangen – erlangen müssen –, auch dem Sünder bzw. den Sündern zu vergeben.
Das, was wir nämlich hier über die Beziehung der Menschen untereinander diskutieren, das gilt ebenso mehr für die Beziehung zwischen Mensch und Gott.
Würde Gott nämlich aus reiner Gerechtigkeit handeln und nicht Barmherzigkeit walten lassen, dann wäre es ja wirklich um uns nicht gut bestellt. Schauen wir auf unser Leben und was wir da bislang alles getan haben, wo wir das eine oder andere Gebot – und sei es im Kleinen oder Kleinsten – mal links liegen gelassen haben, dann wäre Gottes Gerechtigkeit ziemlich fatal für uns, vor allem, wenn diese unbarmherzig wäre.
Wir können also nur auf Seine Barmherzigkeit hoffen. Und das ist eben genau das, was Christus hier uns aufträgt, also der zweite Teil der goldenen Regel:
Wenn wir von Gott Barmherzigkeit erwarten, dann sind wir verpflichtet, diese auch anderen gegenüber zu zeigen. Wenn er uns Sündern gegenüber barmherzig sein soll, dann müssen wir das letztendlich auch gegenüber anderen Sündern und seien es unsere Feinde sein.
Gott selbst hat uns ein Beispiel gegeben. Als Er am Kreuz hing, sprach er noch „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34). Sie brachten Ihn um und Er bat für sie um Vergebung! Was kann es Größeres geben!
Christus selbst sagt zum Schluss seiner Rede, was auch das letzte Stück aus dem heutigen Evangelium ist:
„Indes, liebet eure Feinde, und tuet Gutes, und leihet, wobei ihr nichts zurückerhofft; und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er selbst ist milde gegen die Ungnädigen und Bösen. Werdet also mitleidvoll, wie auch euer Vater mitleidvoll ist.
Er unterstreicht also damit, dass – wenn wir das vorgesagte beherzigen – und uns von Barmherzigkeit leiten lassen, wir dann auch Milde von Gott erwarten können. Was könnte uns Besseres geschehen?
Eigentlich ist nun die Handlungsaufforderung klar und offensichtlich. Wir müssen nur über unseren eigenen Schatten springen und das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ überwinden.
Die Kraft dafür ist natürlich von uns allein kaum aufzubringen. Hier hilft uns nur das Gebet und Gottes Beistand!
Amen.