Konfessionelle Besonderheiten der orthodoxen Diaspora in Mittelasien
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Konfessionelle Besonderheiten der orthodoxen Diaspora in Mittelasien
Diese Übersicht über die Zustände in der orthodoxen Diaspora auf dem Territorium der Diözese von Taschkent und Mittelasien wurde verfasst von Erzpriester Sergiy Statsenko, Prorektor für Lehre in der Abteilung für Aufklärung der Diözese zu Taschkent und Mittelasien der ROK. Der Autor behandelt vor allem die aktuellen pastoralen und missionarischen Probleme der Region und macht Lösungsvorschläge.
Diese Publikation ist eine soziologische Übersicht über den „äußeren“ und „innerlichen“ Zustand der orthodoxen Diaspora auf dem Territorium der Diözese von Taschkent und Mittelasien, und sie ist nicht die Erste ihrer Art. Es gibt mehrere Werke, in denen die Ergebnisse soziologischer Studien in den größeren territorialen Maßstäben präsentiert werden – als Übersicht[1] oder auch als kritisch orientierte Arbeit.[2] Diese Arbeit beschränkt sich auf eine bestimmte Region und bezweckt die Belichtung einzelner Aspekte des Lebens der orthodoxen Diaspora in den Republiken Mittelasiens am Anfang des 21. Jahrhunderts. Diese Studie ist auch als eigenständige religionswissenschaftliche Skizze gedacht. Die Übersicht beruht auf eigenen Beobachtungen des Autors und Gesprächen (Interviews) mit Gemeindeklerikern, welche mit ähnlichen Prozessen auf den Territorien anderer GUS-Länder verglichen wird.
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Für diese Übersicht hielt es der Autor nicht für notwendig, die Gläubigen nach Wohnorten und den politischen Grenzen zu differenzieren. Seiner Meinung nach haben die meisten sozialen Prozesse der Region praktisch überall den gleichen Charakter. Sie werden wenig vom politischen Regime, dem allgemeinen materiellen Wohlstand des Landes und anderen Faktoren beeinflusst. Deswegen ist das Material in thematische Teile gegliedert, die verschiedene konfessionell-soziologische Aspekte des Lebens in der mittelasiatischen orthodoxen Diaspora behandeln.
Der historische Aspekt
Historisch gesehen beginnt die orthodoxe Diaspora in Mittelasien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Vereinigung dieser Region mit Russland und die Bildung des Generalgouvernements Turkestan (1867) sowie dem Protektorat über die Territorien der Khanate Kokand, Buchara und Chiwa. In den 1880er und 1890er Jahren begann hier eine aktive Ansiedlungskampagne für landlose und landarme Bauern aus dem europäischen Teil Russlands. Im Jahr 1897 betrug die russisch-orthodoxe bzw. slawische Bevölkerung in der Turkestan-Region 9,79%.[3]
Die ersten Gotteshäuser wurden sowohl in den russischen Siedlungen und dann etwas später auch in den Städten gegründet. Vor der Revolution 1917 war das orthodoxe Christentum Staatsreligion, weswegen alle Stände der eingewanderten, von Geburt orthodoxen Bevölkerung automatisch zur Seelsorge an die Russische Orthodoxe Kirche verwiesen werden
In den revolutionären und postrevolutionären Jahren, nachdem die Verfolgung der Religion und Gläubigen begonnen hatte, wurden die meisten Gotteshäuser in Mittelasien zerstört.[4] Der prozentuale Anteil an Christen stieg dabei, einerseits durch die administrative Ansiedlung und andererseits durch zahlreiche Flucht „illoyaler“ Bevölkerungsteile aus Zentralrussland nach Mittelasien. Der Strom der Flüchtlinge vergrößerte sich mit dem Ausbruch der Hungernot in den zentralen und nördlichen Regionen der Sowjetunion in den Jahren 1922/1923 und 1932/1933. Für die Verwirklichung industrieller Projekte wurden auch zahlreiche Spezialisten verschiedener Berufe nach Mittelasien gesandt.
Eine Vielzahl von Flüchtlingen und Evakuierten kamen in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. In der Tadschikischen SSR z.B. betrug ihre Anzahl über 350.000 Menschen, ca. 10% der Gesamtbevölkerung. Mit der Zeit gingen die Anteile der Bevölkerung christlicher und moslemischer Herkunft prozentuell in eine Art dynamisches Gleichgewicht über und blieb in den Nachkriegsjahren ungefähr auf gleichem Niveau.[5]
Nachdem die Staaten Mittelasiens unabhängig wurden, haben mehrere Prozesse stattgefunden, die das statistische Gewicht der christlichen[6] Bevölkerung betreffen. Mit dem Zerfall der UdSSR haben in erste Linie die wirtschaftliche Rezession sowie auch die Zerstörung der industriellen Infrastruktur der Sowjetunion eine Rolle gespielt. Im Ergebnis wurden viele Berufe überflüssig, und der Großteil der sogenannten russischsprachigen[7] Bevölkerung ist in die alte Heimat gezogen.[8] Die verbliebene Diaspora war gezwungen, sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Im Laufe der vergangenen 18 Jahre hat sich die Kopfzahl in der russischen Diaspora der Region fast halbiert – Anfang 2007 betrug sie nur noch 5.5 bis 5.7 Mio. Menschen.[9]
Das moderne Leben der christlichen Bevölkerung ergibt folgendes Bild: Vertreter der russischsprachigen Bevölkerung sind in der regierenden politischen Elite äußerst selten. In großer Anzahl sind Russen und Russischsprachige dagegen in großen und vor allem mittleren Betrieben vertreten[10]. In den Republiken Mittelasiens, außer Turkmenistan, ist die Hochschulbildung in russischer Sprache üblich, was den Exodus der Jugend ins Ausland etwas abbremst.[11]
Die russischsprachige Bevölkerung hat nach der Zeit der wirtschaftlichen und politischen Transformationen ihre Nischen gefunden: Menschen jungen und mittleren Alters arbeiten vorwiegend im Dienstleistungsbereich (Hotels, Restaurants, Privatmedizin usw.), im EDV-Bereich und anderen Hi-Tech-Berufen, als Büroangestellte der unteren und mittleren Stufe, als technische Spezialisten in der Industrie, als Privatunternehmer, in russischen Militär- und Wirtschaftsbetrieben und im Einzelhandel.
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Die relativ große russischsprachige Diaspora führt weder ein abgeschottetes Leben nach Art der „China-Towns“, noch ist sie geographisch in Form z.B. der christlichen Stadtviertel im Libanon lokalisiert. Die kulturellen Traditionen werden gepflegt. und es gibt gewisse Formen der Selbstorganisierung, was im Allgemeinen staatlicherseits unterstützt wird. Dennoch zeigt sich, dass die orthodoxe Bevölkerung langsam, aber konsequent assimiliert wird. Solche Assimilationsvorgänge sind vor allem auf dem Lande und in Kleinstädten zu beobachten.
Hier soll auch von den eigenartig raschen Prozessen der „Urbanisierung“ in der orthodoxen Diaspora gesprochen werden. Die ältere Generation der russischsprachigen Bevölkerung, oft industrielle Spezialisten, Pädagogen und Ärzte und zerstreut über alle Siedlungen Mittelasiens, hat infolge des wirtschaftlichen Absturzes in den 1990er Jahren mehrheitlich ihre qualifizierten Arbeitsplätze plötzlich verloren. Diese Situation hat zu einem drastischen Absinken des Lebensniveaus großer Teile der Diaspora geführt, und die Menschen waren (und sind oft noch heute) gezwungen, nach Russland oder in andere Länder zu ziehen oder andere Auswege zu suchen. In den „rasanten Neunzigern“ haben die Regierungen der Republiken Mittelasiens unter schwierigsten Bedingungen große Anstrengungen unternommen, damit die Wirtschaft wenigstens in den Hauptstadtbezirken aufrechterhalten werden konnte. Deswegen konnte bis vor kurzer Zeit (und kann teilweise bis heute) beobachtet werden, wie die russischsprachige Bevölkerung auf der Suche nach Arbeit in die Industrie- und Großstädte zieht. Heute lebt die überwiegende Mehrheit der christlichen Bevölkerung, die nicht ganz aus Mittelasien weggezogen ist, in Städten. Deswegen steht die Diözese Taschkent und Mittelasien der ROK in den letzten eineinhalb Jahrzehnten vor neuen Herausforderungen, die es erforderlich machen, die Prioritäten in der pastoralen Seelsorge und dem Bau der Gotteshäuser zu ändern. Während 1998, zum Zeitpunkt des tausendjährigen Jubiläums der Taufe Russlands, in Mittelasien die Wiederherstellung und der Neubau von Gotteshäusern für die Bedürfnisse der Orthodoxen fast in allen Siedlungen der Region noch Vorrang hatte, weisen heute einige Gotteshäuser auf dem Lande völligen Leerstand auf. Dagegen stellt sich die Frage nach dem Bau neuer Gotteshäuser in den Städten immer dringender.
In den Städten
Historisch war das Christentum eine Religion der Städte. Die ersten Gemeinden bildeten sich in Jerusalem, Antiochia, Rom, Alexandria, Athen und anderen Metropolen.[12] Dafür gibt es eine Reihe objektiver Gründe, die hier nicht weiter erörtert werden sollen. Aus den Städten verbreitete sich das Christentum erst allmählich in die ländlichen Regionen.
Während der ersten Christenverfolgungen[13] drang das Christentum rasch in die Dörfer ein[14], wo es sorgsam geschützt und sogar entwickelt wurde, um später wieder in die Städte zurückzukehren. Die Jahrzehnte des Kampfes gegen Gott und der Religionsverfolgungen[15] zeigen uns dasselbe Bild - der Glaube wurde zumeist durch die ältere Generation in den Dörfern bewahrt.
in den Städten dagegen kam es zu atheistischen Exzessen.
Mit dem Beginn der Befreiung vom atheistischen Druck und des Perestroika-Prozesses kehrte sich die Entwicklung um: die Dörfer verkamen zunehmend, sowohl materiell als auch sittlich[16] (durch Beschäftigungslosigkeit der jungen Menschen, Alkoholismus usw.), was mit dem allmählichen Verschwinden der älteren Generation besonders deutlich wird. Die Städte dagegen begannen sich wiederzubeleben. Das religiöse Bewusstsein der Menschen entwickelte sich geradezu explosionsartig. Die Mode der „Spiritualität“ war für eine Weile allumfassend, ließ dann aber auch schnell wieder nach.[17] Die Menschen verteilen sich, was ihre religiöse Aktivität betrifft, auf bestimmte Nischen: da gibt es die ständigen Mitglieder von Gotteshausgemeinden, also zu Menschen, die ins kirchliche Leben integriert sind, (4 bis 10 % der christlichen Bevölkerung); dann die Gruppe der „Gelegenheitsbesucher“, also solche, die das Gotteshaus nur manchmal aufsuchen (ca. 30 bis 40%); und diejenigen, die religiös interessiert sind und sich selbst mit dem Christentum identifizieren, aber nicht unbedingt an Gott glauben, (etwa 15 bis 35% ).[18] Die übrige „christliche“ Bevölkerung besteht aus religiös Indifferenten und Menschen, die die den unterschiedlichsten Sekten angehören. Trotz einer spürbaren Verminderung der christlichen Bevölkerung ist dieses soziologische Bild auch für die heutige Zeit charakteristisch.[19] Dieses Bild schließt nicht vorübergehend nachlassendes Interesse an die Kirche aus; wie die Praxis zeigt, sind solche Fluktuationen im Leben der Kirche normal. In diesem Falle geht es um die Zuwendung der Kirche an die Gesellschaft in der Sprache der Kultur und der Aufklärung.
Was die Alterskategorien betrifft, besteht der ins Kirchenleben integrierte Teil der Bevölkerung meist aus Menschen fortgeschrittenen Alters (zwischen 30 und 60) – sie machen 50 bis 55% aus. Danach kommen Senioren (60 Jahre und älter; 30-35%) und junge Menschen (jünger als 30 Jahre; 10-20%).
Sehr bemerkenswert ist die Differenzierung des ins kirchliche Leben integrierten Teils der Bevölkerung nach dem Geschlecht. So beträgt in den Gotteshäusern der Anteil der Frauen meist 70 bis 80%. Nach den Worten der „Langjährigen“ in der Kirche ist dieses Missverhältnis in den Gotteshäusern Mittelasiens im und nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der starken Dezimierung des männlichen Anteils der Bevölkerung entstanden. Außerdem spielen hier auch die soziale Rolle des „stets beschäftigen“ Mannes und Besonderheiten der Geschlechterpsychologie herein.
Sprechen wir von den Besonderheiten der spirituellen Aufnahme der christlichen Lehre, wäre es übertrieben, kirchliche Menschen so zu charakterisieren, als ob sie alle Kriterien des Christentums mehr oder weniger entsprächen. Sprechen wir von den ins kirchliche Leben integrierten Städtern, sollte angemerkt werden, dass diese in den meisten Fällen einen großen und bewussten Eifer an den Tag legen, nach den christlichen Geboten zu leben. Bemerkenswert sind auch ihre hohen moralischen Qualitäten, was zu großem Optimismus bezüglich der Zukunft des Christentums berechtigt. Wissenschaftlich interessanter sind aber die spirituellen Zustände der nicht-kirchlichen Christen, die, wie oben erwähnt, den größten Teil der orthodoxen Diaspora ausmachen.
Das gemittelte Sozialprofil dieser Menschenkategorie ist der Typ eines berufstätigen Menschen, dessen Bedürfnisse lauten: ein komfortables, gut eingerichtetes Zuhause; ein passables Einkommen, um sich viele Sachen zu gönnen; gut situierte Kinder; und, wenn möglich, ein Auto. Dieses idyllische Bild wird dadurch zerstört, dass die meisten Menschen dieser Kategorie Familienprobleme haben – materielle Knappheit, asoziales Verhalten (Trunk- und Drogensucht, Kriminalität usw.), Probleme im Privatleben usw.
Normalerweise macht sich diese Kategorie Menschen zur Richtlinie: „Wozu soll ich in die Kirche gehen, wenn Gott bei mir in der Seele ist?“[20] Sie trennen sie zwar nicht vom orthodoxen Christentum, da sie es für den Glauben ihrer Vorfahren halten und („sicherheitshalber, damit Gott uns schützte“) ihre Kinder zur Taufe bringen. Das spirituelle Leben dieses Teiles der christlichen Bevölkerung besteht in seltenen Besuchen der Gotteshäuser, wo dann Kerzen aufgestellt werden; gelegentlichem Gedenken; oder auch der Einladung eines Priesters ins eigene Zuhause zu verschiedenen Anlässen (meist um die Wohnung einweihen oder verstorbene Verwandten aussegnen zu lassen). Zu Hause beschränkt sich ihre Gebetspraxis in der Regel auf die Bekreuzigung vor dem Schlafengehen oder, äußerstenfalls, das Gebet „Vater unser“ bzw. ein kurzes Gebet in eigenen Worten.
Psychologisch ist es für diese Menschen komfortabler, wenn in ihren eklektischen Vorstellungen über die spirituelle Welt christliche Elemente mit Aberglauben und Okkultismus vermischt sind. So ist in dieser Kategorie fast durchgehend der Glaube an die Astrologie verbreitet. Ihr Leben ist von einer Menge eigenartiger Tabus und Verhaltensweisen geprägt, etwa der Furcht vor schwarzen Katzen und verschüttetem Salz, dem Aberglauben an den magischen Einfluss gefundener Gegenständen usw.[21]
Die Perspektiven zur Integration dieser Menschen ins kirchliche Leben sind nicht schlecht. Die Kirche müsste ihnen nur ihre Aufmerksamkeit widmen – sie sozusagen „an die Hand nehmen“ und ins Gotteshaus bringen. Das Problem besteht nur darin, dass es die Kirche noch nicht geschafft hat, sich von den atheistischen Pogromen zu erholen (weder materiell noch mental) und sich auf die für diese Zwecke erforderlichen personellen und finanziellen Ressourcen zu konzentrieren.
In den Dörfern
Der Autor dieser Arbeit besucht regelmäßig in diversen Angelegenheiten verschiedene Siedlungen, in denen es orthodoxe Gotteshäuser gibt. Orthodoxe Gemeinden in kleinen Siedlungen[22] sind im Vergleich zu denen in Großstädten hinsichtlich ihres spirituell-sittlichen Zustandes sehr verschieden.
Die Dorfgemeinden in Mittelasien unterscheiden sich in erster Linie durch die geringe Anzahl ihrer Mitglieder und ihr niedriges soziales Niveau. Vor dem Exodus beschäftigte sich oft nur ein Dutzend Enthusiasten mit der Wiederbelebung einer Gemeinde, wobei die Hauptrolle in der Regel einer Frau zukam, die als Älteste oder Vorsitzende dem Gemeinderat vorstand. Außerdem unterscheiden sich Gemeinden auf dem Lande durch mehrere besondere Merkmale. So leben die Frauen, die auch die überwiegende Mehrheit der Kirchengemeinden ausmachen, meist in gemischten Ehen. Sehr bemerkenswert ist die weite Verbreitung des Okkultismus auch unter denen, der sich den Gläubigen zuzählen. Diese Tatsache erklärt sich vermutlich vor allem aus der relativen Armut, aus der okkulte Beschäftigungen (außersinnliche Fähigkeiten, Magie, Quacksalberei) einen Ausweg versprechen. Außerdem ist auf dem Lande das Informationsbedürfnis viel größer, was die Menschen dazu bringt, manchmal ungewöhnliche Formen des „Amüsements“ zu suchen. Aus diesen Gründen gelingt es religiösen Sekten aller möglichen Richtungen und auch totalitären und hedonistischen okkulten Gruppen, Anhänger unter der orthodoxen Bevölkerung auf dem Lande zu werben.
Bedauerlicherweise müssen wir ein ziemlich niedriges Niveau des christlichen Selbstbewusstseins und sittlichen Zustandes bei einer großen Anzahl der Herde konstatieren. Der Autor begegnete regelmäßig Fällen, in denen Menschen gleichzeitig ihre christliche Zugehörigkeit verkündeten und sittenwidrige Handlungen begingen. Möglicherweise rührt die relativ große Verbreitung solcher Fälle in den „peripheren“ orthodoxen Gemeinden daher, dass auf dem Lande mangels Ausreisemöglichkeit vor allem sozial tieferstehende Teile der russischsprachigen Bevölkerung verbleiben. Auch die sowjetische Praxis wirkte sich so aus, da Menschen mit Vorstrafen und krimineller Vergangenheit auf Lande und in die Kleinstädte geschickt wurden.
Interessant ist eine ausgeprägte Besonderheit der orthodoxen Dorfgemeinden: die häufige Vermengung von christlichen und islamischen Glaubens- und Alltagstraditionen. Dies erklärt sich durch den Prozess der Assimilierung sowie die Verminderung der Anzahl der Rechtgläubigen…
Positive Eigenschaften der Dorfgemeinden sind die größere Frömmigkeit und die Befolgung der Traditionen der Vorfahren sowie auch der größere Zusammenhalt der relativ geringen Gemeinden, eine Interaktion zwischen den Mitgliedern nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch bei der Arbeit und im Alltag. Zentrum der Freundschaft zwischen den Familien ist die Kirche. Bedauerlicherweise gelten diese positiven Charakteristiken nur für ältere Gemeindemitglieder, die in den Jahren der atheistischen Verfolgung den Glauben in den Dörfern bewahrt haben, und natürlich sinkt die Anzahl dieser Menschen im Laufe der Zeit.
Es ist wichtig anzumerken, dass in dieser Übersicht des konfessionellen Zustandes der Dorfgemeinden nur allgemeine Gesetzmäßigkeiten des spirituell-sittlichen Zustandes der Dorfherde beschrieben sind. Regionale Abweichungen kommen vielfach vor. Das Leben in der orthodoxen Gemeinde bekommt eine ganz andere Wendung, wenn der dortige Priester beginnt, aktiv spirituell-organisationelle Werke zu betreiben, die die Herde und das Leben der orthodoxen Gläubigen in einer kleinen Siedlung radikal verändern und geradezu verklären können.
„Mischlinge“
Eine besondere Gruppe der orthodoxen Diaspora sind jene Menschen, die aus national und oft auch der religiös heterogenen Ehen hervorgegangen sind. Es kann gesagt werden, dass solche „Mischlinge“ aufgrund ihrer großen Anzahl eine eigene gesellschaftliche Formation in der christlichen Diaspora sind.
„Mischlinge“ stellen eine zwar uneinheitliche, aber soziologisch fest umrissene Kategorie dar. In der Sowjetzeit waren gemischtnationale und interkonfessionelle Ehen aus Erwägungen des Internationalismus durchaus erwünscht und wurde sogar gefördert, insbesondere in der parteiischen Nomenklatur. In Mittelasien wurde allerdings ein Gesetz, das direkt aus dem Islam herstammt, immer streng eingehalten, nämlich dass eine muslimische Frau sich unter keinen Umständen mit einem Mann anderen Glaubens (etwa einem Christen) verheiraten durfte. Dagegen galt die Ehe eines muslimischen Mannes mit einer Christin oder Jüdin nicht als anstößig. Diese Tradition wurde sogar in der Periode des offiziellen Atheismus streng eingehalten. Also fanden gemischte Ehen, mit äußerst seltenen Ausnahmen, nach dem konventionellen Schema „Muslim-Christin“ statt.
Durch den Prozess der Perestroika und den Zerfall der UdSSR wurden die religiösen Konfessionen von der totalen Kontrolle und dem ideologischen Druck befreit. Im Moment haben wir eine „Mode der Religionen“, die aber schnell wieder abklingen wird; zugleich füllen sich aber auch die Gotteshäuser wieder, und die Selbstidentifikation der Bevölkerung mit der religiösen Tradition ihrer Vorfahren, quasi eine „Rückkehr zum Ursprung“, schreitet voran. Seit relativ kurzer Zeit bemühen sich viele Menschen, wenigstens Minimalkenntnisse über die eigene religiöse Tradition zu erwerben und an dieser Tradition auch aktiv teilzuhaben. In christlichen Familien beginnt man beispielsweise, Morgen- und Abendgebete zu praktizieren, so wie in muslimischen Familien das Ritualgebet („Salāt“; türk: „Namaz“) usw. Damit einher geht auch eine stärker religiöse Erziehung der Kinder.
In monokonfessionellen Familien verläuft dieser Prozess problemlos; anders dagegen bei interkonfessionellen Familien. Es ist kein Geheimnis, dass der dominierende Einfluss auf die Erziehung des Nachkommens der Mutter zukommt. Der Vater, der die Funktion des Ernährers erfüllt, hat meist nicht genug Zeit für die Kommunikation mit seinen Kindern. Aus diesem Grund werden die Kinder in die religiöse Tradition der Mutter einbezogen (in unserem Falle die Tradition des orthodoxen Christentums). So sind Christen aus interkonfessionellen Familien charakteristisch für die Stadtbevölkerung der Republiken Mittelasiens[23].
Hier ist es notwendig hinzufügen, dass ungefähr in 15 bis 20% der Fälle eine geschlechtliche Differenzierung der „Mischlinge“ stattfindet. Nicht immer finden sich muslimische Väter mit der christlichen Erziehung ihrer Kinder ab. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, schalten sich die Väter oft aktiver in die Erziehung ein, was zumindest bei Söhnen meist zum gewünschten Effekt führt. So finden wir häufig gemischtkonfessionelle Familien, in denen Mütter und Töchter sich zum Christentum bekennen, Väter und Söhne hingegen zum Islam, was aber im Prinzip keine besonderes Problem darstellt und zu keinen Konflikten innerhalb der Familie führt.
Bemerkenswert ist, dass solche „Mischlinge“, die sich hinsichtlich ihrer konfessionellen Zugehörigkeit entschieden haben, ein äußerst tolerantes Verhältnis gegenüber der anderen elterlichen Konfession aufweisen; insbesondere gilt dies zwischen Christentum und Islam.
In Kleinstädten und Dörfern ist die religiöse Selbstbestimmung von „Mischlingen“ schwieriger. Sie wachsen dort in der Regel unter gleichaltrigen Muslimen auf. Was die religiöse Erziehung der Kinder betrifft, wird seitens der Väter größerer Druck auf die Mütter ausgeübt. In solchen Fällen wachsen die Kinder in gemischten Familien oft religiös „unbestimmt“ auf. Ihre spätere Wahl hängt von vielen Faktoren an: die Religion des Ehegatten, Wohnort, Arbeitsstelle, Bekanntenkreis und vieles mehr. Die Praxis zeigt, dass für einen „Mischling“, der ins reife Alter gekommen ist, diese Unbestimmtheit zum Lebensprinzip werden kann. Häufig lassen sich Fälle beobachten, in denen ein Mensch die muslimischen Rituale erfüllt und sich zugleich bekreuzigt und Kerzen im Gotteshaus aufstellt, sowohl muslimische als auch christliche Gebete spricht usw., was im Prinzip weder seitens der Muslime noch von christlicher Seite große Beschwerden hervorruft. Die Lage „ich gehöre zu Allen“ wird für „Mischlinge“ so zu einer bequemen Lebensposition.
Bei alledem ist auch ein anderes Phänomen entstanden und hat sich weit verbreitet. Das Gefühl der religiösen Zwiespältigkeit, die bei denjenigen entsteht, die aus gemischten Familien stammen, führt zur Suche nach einer sogenannten „dritten Variante“, die sowohl für sie als auch für die Umgebung „bequem“ wäre. Als Lebenscredo wählen „Mischlinge“ in diesen Fällen oft das Motto: „Der Glaube kann unterschiedlich sein, aber Gott ist eins“, was sich in erster Linie auf Christentum und Islam bezieht. Die Wahl der „dritten Variante“ durch „Mischlinge“ äußert sich häufig in Form des Okkultismus in unterschiedlichen Formen. Oft werden Frauen so zu „Heilpraktikerinnen“, „Hellseherinnen“, „Wahrsagerinnen“ usw. Außerdem hilft so eine okkultistische „dritte Variante“ gegen den Vorwurf der Apostasie von beiden Seiten, verschafft den Menschen eine Aura von Geheimnis und Macht und der Interaktion mit den höchsten Sphären. Außerdem verspricht die Tatsache, dass viele Menschen sich in diversen Nöten an „übersinnlich Begabte“ wenden, erhebliche finanzielle Vorteile sowie eine Menge nützlicher Verbindungen aufzubauen.
Die obige Beschreibung der konfessionellen Lage von „Mischlingen“ gilt im Großen und Ganzen auch für einen Teil der in Mittelasien wohnenden Tataren. Die meisten Vertreter dieses Volkes identifizieren sich nachhaltig mit dem Islam; aber ihr „Binnenstatus“ zwischen Europa und Asien und ihre Neigung zur europäischen Kultur führt unserer Meinung nach dazu, dass ein Teil[24] eine Neigung zum Christentum äußert und sich häufig zu ihm bekehrt. Häufiger werden solche Prozesse bei Frauen beobachtet.
Assyrer, Koreaner und Zigeuner
Die obige Übersicht bezog sich auf die „traditionellen“ Orthodoxen, also die ethnischen Slawen, deren mehrhundertjährige Geschichte mit dem orthodoxen Christentum eng verflochten ist. Infolge seiner geographischen Lage ist Mittelasien als Region ein Phänomen, da dieses Land eine Art Schmelztiegel bildet, einen Ort der ethnischen und kulturellen Legierung, der gegenseitigen Bereicherung, der gegenseitigen Durchdringung von Traditionen, an dem sich neue und einzigartige spirituelle und kulturelle Realitäten ausgebildet haben und weiter ausbilden. In diesem Zusammenhang kann besonders auf die Lage der Assyrer, Koreaner und Zigeuner hingewiesen werden, die sich zur Orthodoxie bekennen und damit unter der pastoralen Obhut der Russischen Orthodoxen Kirche befinden.
Diese Nationen wurden aufgrund ihrer deutlich ausgeprägten nationalen Selbstidentifikation ausgewählt. Sie sind auch die größten Gruppen (Koreaner, Zigeuner) bzw. die kleinste Gruppe (Assyrer) in der nicht-russischen christlichen Diaspora… Jede dieser Nationen hat ihre eigene spezifische Entwicklungsgeschichte; sie entstammen verschiedenen Ethnien, ihre religiösen Wege waren unterschiedlich, und dementsprechend verschieden sind auch ihre jeweiligen konfessionellen Eigenarten.
„Die Assyrer (Eigenbezeichnung: „Atoraye“) sind ein Volk, das von der uralten Bevölkerung Vorderasiens abstammt. Seine Herkunft wird auf die Bewohner des Assyrischen Reiches zurückgeführt. Die unmittelbaren Vorfahren der modernen Assyrer sind die aramäischsprachigen Einwohner des Nahen Ostens, die sich im 1. Jahrhundert zum Christentum bekehrt hatten“.[25] Als selbstständige Nation haben sie sich bis in die Gegenwart gehalten. Etwas später bekannten sich die Assyrer, die sich von der traditionellen Orthodoxie distanziert hatten, zu einer transformierten Version des Christentums im Sinne des Nestorianismus. Im Laufe der Zeit verschwanden viele assyrische christliche Gemeinden, da sie keinen staatlichen Hintergrund mehr besaßen. Anfang des 20. Jahrhunderts war Hieromärtyrer Pimen (Belolikow) in den nestorianischen Assyrergemeinden aufklärerisch tätig, um eine Wiedervereinigung mit der Orthodoxie zu bewirken. Auf dem Territorium des Russischen Reiches erschienen die Assyrer wellenartig seit Anfang des 19. bis Anfang des 20 Jh.[26] Allmählich drangen sie in kleinen Gruppen auch nach Mittelasien vor.
Heutzutage kann nicht behauptet werden, dass die assyrische Gemeinde Mittelasiens eine aktive Arbeit zur Propaganda und Verstärkung ihrer nationalen Eigenständigkeit betreiben würde. Dies ist vor allem ihrer geringen Anzahl geschuldet.[27] Assyrer schließen oft gemischte Ehen, und ihre Muttersprache ist Russisch. Aus diesen Gründen ist es heute schwer, unter den Mitgliedern der Russischen Orthodoxen Kirche in Mittelasien Assyrer auszumachen und nationale Eigenheiten ihres konfessionellen Zustandes festzustellen.
„Da Jakobiten, Nestorianer und Orthodoxe von Türken und Iranern verfolgt wurden, versuchten päpstliche Missionare, sie zum Katholizismus zu bewegen. Allerdings wandten die Assyrer sich mehrmals mit der Bitte an Russland, sie in die Orthodoxie aufzunehmen. 1863 wurde Sofonija, Vertreter des Synods (der nachher zum Oberhaupt der Diözese Turkestan ordiniert wurde) in den Iran und die Türkei gesandt und unterstützte den Wunsch der Assyrer nach Aufnahme in die Orthodoxie. Dennoch wurde diese Entscheidung aus politischen Erwägungen nicht getroffen. Nichtsdestotrotz halten sich die meisten Assyrer, u.a. in Usbekistan, bis jetzt an den orthodoxen Glauben.
Die modernen Assyrer in Usbekistan haben die Städte zerstreut besiedelt. Sie sind überwiegend in der intellektuellen Sphäre beschäftigt, als Historiker, Ökonomen und Pädagogen. Diejenigen, die auf dem Lande wohnen, beschäftigen sich meist mit Gärtnerei und Weinbau.
Die Kleider und Sitten der Assyrer sind sowohl europäisch als auch orientalisch, vorwiegend kaukasisch. Ein Teil hat die Tradition des assyrischen Neujahrs bewahrt, das am 1. April gefeiert wird, wofür bei ihnen einfache, aber farbenprächtige Nationalkostüme aufbewahrt werden.“[28]
Koreaner, die in den 1930er Jahren nach Mittelasien umgesiedelt[29] und damit aus ihrer gewohnten kulturellen und ethnischen Umgebung herausgerissen wurden, mussten sich an neue Existenzbedingungen anpassen. Im Laufe des Prozesses der kulturellen Selbstidentifikation haben die Koreaner eine „europäische“ Entwicklungsorientierung gewählt, was gesetzmäßig zu einer kulturellen Assimilierung an den russischen Typ führte. Die jungen Koreaner haben oft Russisch als Erstsprache,[30] in russischsprachigen Schulen studiert, gemischte Ehen mit Russen geschlossen und, was angesichts des Fehlens traditioneller koreanischer religiöser Institute zu erwarten war, massenhaft die Taufe empfangen. In den 1940er und 1950er Jahren begann Südkorea (während Nordkorea offiziell seinen atheistischen Status beibehielt), sich rasch zu christianisieren, wobei zumeist postprotestantische Denominationen (Pfingstbewegungen und Presbyterianismus) gewählt wurden.[31] Diese Tatsache hat die „christozentrischen“ Tendenzen in der koreanischen Diaspora zunächst verstärkt. Aber in der letzten Zeit haben die Koreaner aufgehört, sich eindeutig mit der Orthodoxe zu verbinden, da in den 1990er Jahren mächtige Truppen von Missionaren aus Südkorea nach Mittelasien gesandt wurden.[32] Diese Invasion fand bis in die jüngste Vergangenheit statt. Infolge der Verbundenheit der Missionare mit dem ethnischen Vaterland ist ein Großteil der koreanischen Diaspora zu sog. „koreanischen“ Sekten übergetreten. Bemerkenswert ist, dass die sektiererischen Formen der „Spiritualität“ bei den Vertretern der älteren Generation meist starke Abstoßung hervorrufen, und dagegen meist die jungen Menschen in die Sekten gehen. Es ist charakteristisch, dass die Anbindung an die „koreanische“ Form des Christentums für die Koreaner nicht allzu stark ist. Nachdem mehreren Sektengemeinden die Zulassung entzogen wurde, begann ein Großteil der ehemaligen Sektierer, massenhaft, oft als ganze Familien, die orthodoxe Taufe zu empfangen.
Die Besonderheiten des konfessionellen Zustandes der orthodoxen koreanischen Diaspora entsprechen einigen psychologischen und alltäglichen Besonderheiten dieses Volkes.[33] Die Koreaner zeigen oft eine große geschäftliche und unternehmerische Mentalität und entsprechende pragmatische Denkweise. Obwohl sie oft gemischte Ehen eingehen, streben sie doch danach, ihre nationale Identität zu bewahren, und bevorzugen deshalb Ehen unter ihresgleichen. Da ihre familiären Bindungen stark ausgeprägt sind, ist ihnen die individualistische Lebensweise eher fremd.
Aus diesen Gründen sind für die orthodoxe koreanische Diaspora folgende Besonderheiten charakteristisch: der ins Kirchenleben am Meisten integrierte Teil der Koreaner sind Frauen reiferen Alters. Der männliche Teil der Diaspora ist der Russischen Orthodoxen Kirche eher durch Tradition als besondere spirituelle Bedürfnisse verbunden. Außerdem werden in der koreanischen Diaspora seitens älterer Koreaner die nationalen Traditionen stark gestützt.[34] Der seltene Besuch von Gotteshäusern durch männliche Koreaner und junge Menschen geht eher auf private, meist finanzielle, Probleme zurück, weswegen sie vor allem um finanzielles Wohlergehen beten. Auch bei den Koreanern gibt es noch einigen Aberglauben, allerdings weniger als in der russischen Diaspora.
Sprechen wir von den Perspektiven des orthodoxen Christentums bei den Koreanern, ist zunächst offensichtlich, dass die nachhaltige Selbstidentifikation mit der Orthodoxie viel größer wäre, wenn innerhalb der ROK ein koreanischer Sektor mit nationalen Gottesdiensten eingerichtet würde, durchaus auch auf Russisch, aber mit koreanischstämmigem Klerus und entsprechenden Heiligen. Große Perspektiven eröffnen sich auch im Zusammenhang mit der freundlichen Einstellung zur Orthodoxie, die in Nordkorea staatlicherseits besteht.[35] Im Moskauer Geistlichen Seminar wurden schon mehrere Studenten aus Nordkorea zu Geistlichen ausgebildet, von denen einige auch die Diakon- und Priesterweihe empfangen haben.[36]
„Nach linguistischen und genetischen Studien waren die Vorfahren der Zigeuner eine Gruppe von etwa 1000 Menschen, die im 6. Jahrhundert aus Indien auszogen. Vermutlich waren sie, wie es damals Sitte war, als Hofmusiker das Geschenk eines indischen Herrschers an einen persischen Würdenträger.
Wahrscheinlich verbrachten sie etwa 400 Jahre in Persien und begannen dann, sich allmählich auszubreiten – teilweise nach Osten, zurück nach Indien und Mittelasien (als Vorfahren der heutigen Luli), teilweise nach Westen, nach Palästina, Ägypten und via Armenien nach Byzanz.
Nach dem Sturz des Byzantinischen Reiches begannen die Zigeuner, nach Europa weiterzuziehen. Nach Europa kamen sie als Abenteurer, die sich mit Bettelei, Wahrsagerei und kleinen Diebstählen über Wasser hielten, was die negative Wahrnehmung der Zigeuner in Europa begründete. Später kamen auch Schauspieler, Dresseure, Handwerker und Pferdhändler..“[37]
Heutzutage sind die Existenzwege der Zigeuner meist auch „nicht-traditionell“ (dies wären okkulte Praktiken, Wahrsagerei, Bettelei, Wanderschauspielerei, Altwarenhandel, diverse kriminelle Beschäftigungen u.a.). Im Großen und Ganzen zeichnet sich ihre Gemeinschaft nicht durch Monoreligiosität aus. Normalerweise bekennen sich nomadische Zigeunerlager zum Glauben der „Titularnation“ des Landes, in dem sie umherziehen. Die sog. „russischen Zigeuner“ bekennen sich folgerichtig zur Orthodoxie.
In Mittelasien gibt es „orthodoxe“ und „muslimische“ Zigeunergemeinden. Diese Begriffe stehen hier in Anführungszeichnen, da über eine religiöse Zugehörigkeit von Zigeunern nur sehr bedingt gesprochen werden kann. Die Besonderheit der „orthodoxen“ bzw. „russischen“ Zigeuner ist ihre nachhaltige Selbstidentifikation mit dem orthodoxen Christentum. Außerdem ist Russisch für sie die zweite Muttersprache, so dass sogar Gespräche im Alltag entweder in einer Mischung aus zwei Sprachen oder durch spontane Übergänge von einer Sprache in die andere ablaufen, was den Gesprächspartnern oft nicht einmal bewusst ist.
Das Leben der russischen Zigeuner ist von zahlreichen Überlieferungen geprägt, die Fremden und Uneingeweihten meist unzugänglich sind. Eigentlich bestimmen diese Überlieferungen das spirituelle und sittliche Leben der zigeunerischen Gemeinde. So werden zum Beispiel spezifische Gewerbe[38], die auf Betrug und Diebstahl beruhen, mit der Überlieferungen gerechtfertigt, dass Zigeuner während der Hinrichtung Christi die Nägel gestohlen hätten, mit denen ER ans Kreuz genagelt werden sollte, was das Leiden und den Tod des Heilandes aufgeschoben hätte, weswegen Gott den Zigeunern als Belohnung gestattet habe, zu stehlen, ohne ihnen das als Sünde zuzurechnen.[39]
Das Thema Aberglaube bei Zigeunern ist umfangreich und verlangt separate Behandlung. Die Darlegung dieses Themas ist zudem schwierig, da die Überlieferungen und die Methoden der Vermittlung von einer Generation zur anderen streng geheimgehalten werden.
Außer von Überlieferungen ist das Leben der Zigeuner auch von Aberglaube, Vorzeichen, magischen Vorschriften und Ritualen regelrecht umrahmt.[40] Dementsprechend beschränkt sich auch die „Orthodoxie“ meist auf Volksrituale und -glauben sowie seltene Besuche in den Gotteshäusern, etwa zu Ostern, bei Taufen oder Todesfällen. Manchmal kommen Zigeuner auch ins Gotteshaus, um die Hl. Sakramente Christi … zu empfangen, aber lediglich „für das Glück im Geschäft“. Für Priester, die die Beichte abnehmen, stellen solche Fälle ein großes Problem dar, da Handlungen, die vom Standpunkt des Christentums sündhaft sind, von Zigeunern als normal angesehen werden. Häufig kann man Schimpf und Flüche der Zigeuner über Priester hören, die sie nicht zur Kommunion zugelassen haben. Es gab auch Fälle, in denen Zigeuner eine Gelegenheit nutzten und im Gotteshaus oder bei den Priestern Diebstähle begingen.
Natürlich gelten solche eher negativen Beschreibungen nicht für alle Vertreter dieser Volksgruppe. In der letzten Zeit begegnen wir unter Zigeunern auch vielen völlig ins kirchliche Leben integrierten Menschen, die den sittlichen Normen des Christentums voll entsprechen. Aber normalerweise wohnen diese Zigeuner außerhalb der mittelasiatischen Zigeunerlager, sind an ihre nationale Gemeinde nur noch schwach gebunden oder leben in gemischten Familien.
Die Perspektiven für eine weitere (echte) Integration der Zigeuner ins Kirchenleben sind umso besser, je mehr ihr Übergang zur Sesshaftigkeit gefördert wird, und wenn sich für Kinder und junge Menschen die Motivation findet, eine vollwertige Mittel-, Ober und Hochschulbildung anzustreben; wenn die Abhängigkeit der Familien von der Gemeinde (des Zigeunerlagers) vermindert wird; wenn andere Verdienstformen als die traditionellen interessant werden; und wenn ein Geistlicher, der auch Stammgenosse ist, mit der Predigt zu ihnen kommt.[41] Diese Bedingungen sind erfüllbar, wenn die Kirche, der Staat und die Gesellschaft enger miteinander zusammenarbeiten.
Das russische Militär
Eine besondere Beschreibung verdient der religiöse Zustand der verschiedenen russischen Militäreinheiten, die in den Republiken Mittelasiens stationiert sind. In dieser Studie wird das russische Militär betrachtet, da seine Angehörigen sich überwiegend als orthodox bezeichnen. Außerdem hat der Autor langjährige Erfahrung in der Beobachtung solcher Strukturen in der Republik Tadschikistan.
Ein Charakteristikum von Militäreinheiten ist ihre Abgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt, die in Tadschikistan seinerzeit unter den Bedingungen des Ausnahmezustands besonders stark war. (Abgeschotteter waren nur noch polare Forschungsstationen und Geologengruppen in der tiefsten Taiga.) Außerdem wohnen Offiziersfamilien meist jahrelang am selben Ort (auf militärischem Territorium), was mit der dauerhaften gemeinsamen Koexistenz sowohl im Dienst als auch im Alltag begleitet wird. Im weiten Sinne können die Militärtruppen als große Gemeinden betrachtet werden, wobei die gemeinsamen Interessen und die Ideologie durch die Vorlieben der Hauptoffiziere und großenteils durch die Militärdisziplin bedingt sind. Aus diesem Grund sind diese Kollektive gewissermaßen soziologische Modelle, die für den Militärapparat als Ganzes stehen können.
Die Beobachtungen zeigen, dass die spirituellen Interessen beim Militär von den Vorgesetzten festgelegt werden. Die Gattin des Kommandeurs diktiert in der Regel auch die spirituelle Mode unter den Ehefrauen der Offiziere, den Soldatinnen und den zivilen Angestellten. Sehr häufig konnte beobachtet werden, wenn die Vorgesetztenfamilie einen eigenen „spirituellen Vertrauenslehrer“ oder „Vertrauenslehrerin“ haben. Die Rolle der „Vertrauenslehrer“ kann auch von örtlichen Okkultisten oder auch Militärangehörigen oder Zivilisten mit solchen Neigungen eingenommen werden. Am häufigsten sind diese Vertrauenslehrer praktizierende Okkultisten (Menschen mit außersinnlichen Fähigkeiten, Heilpraktiker), die der Familie bestimmte Dienste oder psychologische Hilfe leisten. Der „Vertrauenslehrer“ dient als eine Art spirituelles und psychologisches Ventil in der Routine des Militärdienstes unter ständiger Anspannung in unruhigen Zeiten. In solchen Fällen wird versucht, dem „Vertrauenslehrer“ Respekt zu erweisen, in den Kreis seiner Engvertrauten aufgenommen zu werden sowie seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Nach den Beobachtungen des Autors bildet sich in solchen Fällen in der Regel in den Kollektiven eine nicht sehr erfreuliche Atmosphäre. Die Gemeinschaft mit den Okkultisten und das Bekenntnis zu entsprechenden Ideen führt zu Konflikten, Intrigen und verschiedenartigen Leidenschaften, wofür es objektive Gründe gibt.[42] Häufig konnte beobachtet werden, dass Offiziere niederer Ränge den Truppenkommandeur nachahmten und sich eigene „Vertrauenslehrer“ anschafften.
Wenn aber der Truppenkommandeur den Kurs „zur Orthodoxie“ verkündet, bilden seine Vorgesetzten unverzüglich ein entsprechendes Aktionsprogramm. Dieses Programm besteht aus ideologischer Vorbereitung und Materialbeschaffung. In erster Linie werden „Brücken gebaut“, und zwar mit der Kirche –der Truppenkommandeur oder einer der Hauptoffiziere kontaktiert den örtlichen Priester oder die Diözesanverwaltung, was von den kirchlichen Hierarchen immer sehr wohlwollend angenommen und unterstützt wird. Die Interaktion mit der Kirche wird sehr effektiv und konstruktiv, wenn Truppenkommandeur und Priester eine persönliche Freundschaft eingehen. In der Regel funktioniert dies nicht so wie das Modell mit den okkulten „Vertrauenslehrern“ – die Interaktion verläuft zwischen gleichberechtigten Partnern, was dem Geist des Christentums entspricht.
Der nächste Schritt in der ideologischen Sicherung des „Vormarsches“ der Orthodoxie in der Armee ist die Information. Der Autor war nicht nur Zeuge, sondern auch unmittelbarer Teilnehmer dieser Prozesse, zum Beispiel als Redakteur des Magazins „Soldat Russlands“ («Солдат России») und Initiator der kirchlich-militärischen periodischen Beilage „Für seine Freunde“[43] («За други своя»), die sowohl in orthodoxen Gemeinden als auch in der Armee verbreitet wird. Großen Enthusiasmus bewirkte der Besuch von Diakon Andrey Kuraev, Professor der Moskauer Geistlichen Akademie, bei den Militärtruppen.
In solchen Fällen war die Zusammenarbeit von Armee und orthodoxer Diaspora nicht bloße Ideologie, sondern ging in eine reale, beidseitig fruchtbare Zusammenarbeit über. In Tadschikistan z.B. unterstützen sich orthodoxes Kosakentum[44], vertreten durch die Gemeinde „Amudarjinskaja LInija“,[45] und Militär- und Grenzschutz gegenseitig Armee und Grenzschutz halfen bei der militärischen und patriotischen Vorbereitung Kosaken auf ihren Dienst und in anderen Sphären, während die Kosaken sich ihrerseits mit der Auswahl und Vorbereitung von Wehrpflichtigen und Zeitsoldaten sowie Bewerbern für Militärschulen beschäftigten.
Da, wo in den Siedlungen Mittelasiens die orthodoxen Gemeinden klein sind, nimmt die Armee sie unter ihre Obhut und hilft u.a. bei der Materialbeschaffung. Mit Hilfe des Militärs können die Geistlichen die zerstreute orthodoxe Herde gefahrlos und, was wichtiger ist, umfassender betreuen.
Der materielle Teil der „orthodoxen Kampagne“ in Militärkreisen besteht in der Regel darin, dass von der Truppe eine Kapelle oder ein orthodoxes Gotteshaus errichtet und das Leben der Militärgeistlichen materiell unterstützt wird. Mehrere Bauprojekte sind im Gange oder bereits erfolgreich verwirklicht worden.
Es kann allerdings nicht die Rede davon sein, dass das spirituelle Leben an der Garnison blühen würde. Das ist nicht einmal dort der Fall, wo es Gotteshäuser gibt. In erster Linie liegt das am Fehlen der Militärgeistlichen. Wenn sich ein Priester findet, in der Regel ein ortsansässiger Russe, stellt sich das Problem der Versorgung und Unterbringung. Lange Zeit, vor den jüngsten positiven Reformen, sahen die Dienststellenpläne keine Priester vor.[46] Ein Ausweg fand sich darin, dass der Priester als Zeitsoldat oder -offizier angestellt wurde.
Es kommt aber auch vor, dass die Leitung beginnt, sich um das spirituelle Leben der Truppe zu kümmern, und dann kann es auch zu Übertreibungen kommen, etwa Exerziermärschen ins Gotteshaus. Im Allgemeinen wird aber das Prinzip der Gewissensfreiheit in den Militäreinheiten, in denen auch viele Muslime dienen, streng eingehalten.
Es kommt auch vor, dass Offiziere, die ihrer Abstammung nach orthodox sind, große Trägheit in Angelegenheit des Glaubens an den Tag legen und dann die Sorge für die spirituelle Betreuung der orthodoxen Militärangehörigen von muslimischen Offizieren übernommen wird, die normalerweise pädagogische Positionen bekleiden. Sie beschäftigen sich dann mit der Einrichtung und Ausstattung von Feldkirchen, Verhandlungen mit Geistlichen usw.
Manchmal wird die Orthodoxie beim Militär auch von anderen Seite gefördert. Wenn Truppenkommandeure in religiösen Angelegenheiten träge sind, wird die Orthodoxie oft auf Initiative der gläubigen Ehefrauen der Kommandeure durchgesetzt, was meist auch zu guten Ergebnissen führt.
Perspektiven der Gemeinden
Ausgehend von Obigem stellt sich die Frage nach der Perspektive der orthodoxen Gemeinden auf dem Territorium der Diözese von Taschkent und Mittelasien. Diese Frage ist natürlich mit der Frage nach dem Verbleib der orthodoxen Bevölkerung in Mittelasien verbunden. Der Autor dieser Publikation ist in Tadschikistan geboren und aufgewachsen und musste dort den Bürgerkrieg 1991-1997 persönlich miterleben. In den Jahren vor dem Krieg, während des Zerfalls der UdSSR und des Beginns der nationalen Selbstbestimmung der ehemaligen Sowjetrepubliken und der damit verbundenen negativen Übertreibungen, hat ein großer Teil der russischsprachigen, meist orthodoxen Bevölkerung Tadschikistan verlassen. Der Krieg hat den Wunsch, ins russische Mutterland zu übersiedeln, noch erhört. Man hätte erwarten können, dass die gesamte nicht-autochthone Bevölkerung wegziehen würde, aber das ist nicht geschehen, und zwar aus mehreren Gründen: Mangel an materiellen Möglichkeiten zum Umzug; Schwierigkeiten, anderswo Unterkunft zu finden; gemischte Ehen; gut bezahlte Arbeit; und andere, weniger bedeutende Faktoren. In den Kriegsjahren konnte keine genaue Bevölkerungsstatistik geführt werden, aber nach Schätzungen verlief die Aussiedlung exponentiell. Auch wenn die Abwanderung sich fortsetzt, wird ihre Intensivität mit der Zeit abnehmen und durch die Geburtenzahlen und die Zuwanderung aus Russland kompensiert werden.
Tadschikistan ist nicht repräsentativ; in den anderen Republiken Mittelasiens ist die Lage für die christlichen Bevölkerung weitaus günstiger. Es muss aber betont werden, dass die russischsprachige Bevölkerung meist aus wirtschaftlichen Gründen bemüht ist, aus den kleinen Siedlungen in die Großstädte der Region umzusiedeln. Es ist zu erwarten, dass die sich vergrößerten Stadtgemeinden neue Gotteshäuser brauchen werden, die an den jeweiligen Wohnorten errichtet werden dürften.
In vielen Städten Mittelasiens befinden sich die Gotteshäuser in Randlagen, was oft ein Problem darstellt. Viele Gotteshäuser wurden in der „Tauwetter-Periode“[47] (1943-1950) in den Arbeitersiedlungen errichtet, die russische Umsiedler zum Ausbau der industriellen Kapazitäten aufgebaut hatten. In der Regel befand sich das Gotteshaus in einem umgestalteten Wohnhaus oder, seltener, in einem speziellen Gebäude. Nach der massenhaften Bebauung der Städte mit Hochhäusern bemühte sich die „europäische“ Bevölkerung, in Wohnungen umzuziehen. Allmählich verwandelten sich die russischen Siedlungen in nationale Stadteile, und die Gotteshäuser befanden sich oft weit entfernt von den Wohnorten der potentiellen Gemeindemitglieder, was natürlich das Gemeindeleben beeinträchtigte. Ein Beispiel dafür sind die Gotteshäuser in den Städten Tursunzoda (Tadschikistan) und Namangan (Usbekistan). Es wurde versucht, neue Gotteshäuser an anderen Orten zu bauen, aber diese Projekte sind bis heute nicht finanzierbar. Gemeinden, deren Kirchen sich am Stadtrand befinden, müssen neue Gebäude in zentraler Lage erhalten, wenn sie eine Zukunft haben sollen.
Die Russische Orthodoxe Kirche in Mittelasien hat weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart die muslimische Bevölkerung zu missionieren versucht.[48] Das heißt, ein Gemeindezuwachs durch konvertierte Andersgläubige ist nicht zu erwarten; zumal die Mehrheit der Bevölkerung, die historisch dem orthodoxen Christentum zuzählt, auch nicht ins kirchliche Leben integriert ist. Ein großer Teil der nominellen Orthodoxen ist in letzter Zeit in verschiedene Sekten hineingezogen worden; die Gemeinden könnten also aus dieser „Quelle“ aufgefüllt werden. Diese Faktoren lassen darauf schließen, dass die Perspektiven für das orthodoxe Christentum in erster Linie von der Kirche selbst und von der Richtung ihrer inneren und äußeren Politik für die nächste Zeit abhängen.
Wenn wir davon ausgehen, dass die heutigen Rahmenbedingungen ungefähr gleich bleiben, müssen die Gemeinden sich konsolidieren, damit sie auch mit wenigen Mitgliedern funktionstüchtig werden. In diesem Status könnten sie noch lange Zeit existieren. Offensichtlich sollten diese Gemeinden von den „zentralen“ Diözesen der Russischen Orthodoxen Kirche unterstützt werden. Auch wenn die christliche Bevölkerung abnimmt, könnten die Kirche und ihre Strukturen als Zentren des kulturellen, nachbarschaftlichen und sogar geschäftlichen Lebens für die orthodoxe Bevölkerung Mittelasiens auftreten.[49]
Das Schicksal der Dorfkirchen ist eher … mit einer unbestimmt langen Periode der Konservierung verbunden. Die Herde wird wahrscheinlich fehlen, dabei werden Geistliche dorthin kommen, um Gottesdienste wegen der Verehrung des Heiligtums zu zelebrieren. Das heißt, dass viele Gotteshäuser eher als Museen oder Denkmale erhalten bleiben werden.
Möglich ist auch eine andere Variante: wenn der nicht-kirchliche Teil der christlichen Bevölkerung aus irgendwelchen Gründen begönne, sich ins kirchliche zu engagieren. Solche Gründe könnte die ROK durch eine Prioritätensetzung auf die innere Mission schaffen, indem sie unter oberflächlich Rechtgläubigen offener und zugänglicher zu predigen anfinge.
[1] S. Щипков А.В. Во что верит Россия. Религиозные процессы в постперестроечной России. Курс лекций. Издательство Русского христианского гуманитарного института. С-Пб, 1998.
[2] Митрохин Н. Русская Православная Церковь: современное состояние и актуальные проблемы. «Новое литературное обозрение», М., 2006.
[3] Дубовицкий В.В., Мальцев Ю.С. Русские православные в Туркестане (конец XIX- начало XX вв.) // К истории христианства в Средней Азии XIX-XX вв., Ташкент, 1998, С. 163.
[4] S. Заславский В.Б. Из истории православных храмов Ташкента // Сборник «К истории христианства в Средней Азии», Т. «Узбекистон», 1998, С. 101
[5] Шустов А. Сколько русских осталось в Центральной Азии?: www.centrasia.ru/newsA.php?st=1195629000
[6] In dieser Arbeit werden die Bezeichnungen „orthodox“, „christlich“, „russischsprachig“ und „russisch“ weitgehen synonym verwendet, als bequeme Bezeichnungen der orthodoxen Diaspora und der Prozesse, die das Leben darin bestimmen.
[7] Der Begriff „russischsprachig“ wird häufig als unangemessen angesehen, da er die nationale Würde verletze. Dennoch empfindet ihn der Autor als effektivste Bezeichnung für das Völkerkonglomerat, das Mittelasien bewohnt und dessen Vertreter Russisch als Muttersprache und Mittel der internationalen Kommunikation benutzten, die russische Kultur angenommen und sich ihre Prinzipien zur Lebensrichtlinie gemacht haben. Mit „russischsprachig“ meint der Autor hier die Bevölkerung, die sich entweder kraft der historischen Traditionen oder im Prozess der jüngsten Selbstbestimmung zum Christentum bekennt. Hier können, außer eigentlichen Russen, auch Ukrainer und Weißrussen sowie Koreaner, Deutsche, Juden, Armenier, Assyrer u.a. gemeint sein.
[8] „Im Zeitraum von 1989 bis 1999 verringerte sich die Anzahl der Russen in Kasachstan von 6.1 auf 4.5 Mio. (um 26%), in Usbekistan von 1.6 auf 1.2 Mio. (um 27%), in Kirgisistan von 917.000 auf 603.000 (um 34,2%.) und in Tadschikistan von 388.500 auf 68.200. Ein Sonderfall ist Turkmenistan, wo unter dem äußerst autoritären politischen Regime praktisch keine glaubwürdige demographische Statistik existiert. Nach den offiziellen Daten hat sich die Anzahl der Russen hier von 334.000 auf 100.000 bis 120.000 Menschen verringert. Der Anteil der Russen an der Gesamtbevölkerung ist in dieser Zeit in Kasachstan von 37,4% auf 30%, in Kirgisistan von 21,5% auf 12,5%, in Usbekistan von 8,3% auf 5%, in Tadschikistan von 7,6% auf 1,1% und in Türkmenistan von 9,5% auf 2% gesunken“. Zit. nach А.Шустов. Сколько русских осталось в Центральной Азии?: www.centrasia.ru / newsA.php?st=1195629000.]
[9] Шустов А. Сколько русских осталось в Средней Азии? // Единство в разнообразии, 2007, № 4, С. 27.
[10] Meist in den Republiken Usbekistan und Kirgisistan.
[11] Um diese Behauptung zu stützen, kann auf die Gründung der sogenannten Slawischen Universitäten in Tadschikistan und Kirgisistan sowie der Filiale der Moskauer Staatsuniversität in Usbekistan hingewiesen werden.
[12] S. die Apostelgeschichte.
[13] Z.B. die Verfolgung der Kirche in der Sowjetunion.(Anm.d.Ü.)
[14] In den dünnbesiedelten Siedlungen konnten sich einfache Christen und namhafte Kirchenhierarchen vor den Repressionen verbergen, die ihnen durch die immer wieder begonnenen Verfolgungen der Christen seitens der Zarengewalt oder den örtlichen Behörden drohten. S., zum Beispiel, Поснов М.Э. История Христианской Церкви (до разделения Церквей 1054 г.), Брюссель, издательство «Жизнь с Богом», 1964.
[16] Es geht hier bedauerlicherweise nur um die christliche Bevölkerung. Diese Beobachtung betrifft nicht die muslimischen Dörfer, in denen die sittlichen Traditionen der Vorfahren in vielerlei Hinsicht weiter hochgehalten werden.
[17] Dies wird in der Parabel Christi über den Sämann (s. Mt. 13:1-23, Mk. 4:1-20, Lk. 8:4-15) illustriert und erklärt.
[18] Diese Statistik beruht auf den Beobachtungen des Autors und den regulären Befragungen von Gemeindemitgliedern. Die Daten gleichen im Prinzip jenen, die in weitergehenden Befragungen von verschiedenen Forschungszentren erhoben wurden: S. Иеромонах Филипп (Симонов). Миссия Церкви в переходной экономике // Научно богословские труды по проблемам православной миссии, Т.1, Белгород, 1999 г., С. 175; Религия и вера в нашем обществе. Пресс-выпуск ВЦИОМ №601, 2006 г. / Раздел «Тематический архив» // Сайт ВЦИОМ: https://wciom.ru/arkhiv/tematicheskii-arkhiv/item/single/3756.html; Ерпылёв А.С. Статистические сказки: сколько в России православных и атеистов?: https://as-merlin.livejournal.com/1520.html.
[19] Natürlich kann die Kirche mit diesem Verhältnis von Kirchgängern zum restlichen Teil der Bevölkerung nicht zufrieden sein, was die Notwendigkeit der Mission und Katechese bzw. der nochmaligen Christianisierung nominal orthodoxer Christen bezeugt. Da die religiöse Tradition hier noch besteht, läge die Aufgabe darin, den nominalen Christen den Glauben nahezubringen und die Wahrheiten der Glaubenslehre und der Sittlichkeit zu vermitteln.
[20] Die wissenschaftlich-publizistische und theologische Antwort auf diese Frage gibt Diakon Andrey Kuraev in seinem Artikel „Wofür soll ich in die Kirche gehen, wenn Gott bei mir in der Seele ist?“ («Зачем ходить в церковь, если Бог у меня в Душе?»). https://www.xpam-xpicta.ru/index.php?option=com_content&task=view&id=112&Itemid=8
[21] Zu diesem Thema siehe auch: Даль В.И. О повериях, суевериях и предрассудках русского народа. С-Пб, «Литера», 1996.
[22] Wenn der Autor von Dörfern und Dorfgebieten spricht, meint er nicht nur die eigentlichen Dörfer, sondern auch kleine mittelasiatische Städte, in denen Landwirtschaft und Handel das Leben und den Alltag der Menschen auf eine besondere Weise prägen.
[23] Nach einigen Quellen bekennen sich Kinder in gemischten Ehen zu 70% zum Christentum. S. «Мифы о количестве мусульман в России» от 16.04.2007: https://news.invictory.org/issue11494.html
[24] Vgl. Мусульмане РФ обращаются в православие?: https://gorod.tomsk.ru/index-1227352634.php.
[25]Ассирийцы // Википедия: https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%90%D1%81%D1%81%D0%B8%D1%80%D0%B8%D0%B9%D1%86%D1%8B#.D0.A0.D0.BE.D1.81.D1.81.D0.B8.D1.8F
[26] Ebenda.
[27] Zum Beispiel leben heute in Usbekistan nur noch etwa zweihundert Assyrer. S. Жукова Л. И., Буряков Ю.Ф. Ассирийцы / Этнический атлас Узбекистана // Библиотека центра экстремальной журналистики: https://www.library.cjes.ru/online/?a=con&b_id=416&c_id=4477.
[28]Ebenda.
[29] S.: Депортация корейцев в Советском Союзе // Википедия: https://ru.wikipedia.org/wiki/Депортация_корейцев_в_Советском_Союзе; Случайные заметки Андрея Ланькова - December 19th, 2007: https://tttkkk.livejournal.com/2007/12/19/
[30] S. dazu: Ким Г.Н. О «родном языке» корейцев Казахстана: https://world.lib.ru/k/kim_o_i/rtg1rtf.shtml.
[31] S. Республика Корея, раздел «Религия» // Википедия: https://ru.wikipedia.org/wiki/Южная_Корея#.D0.A0.D0.B5.D0.BB.D0.B8.D0.B3.D0.B8.D1.8F.
[32] S. В Центральноазиатском регионе резко активизировалась деятельность миссионеров из Южной Кореи: https://www.polit.uz/umumiy.php?id=interview&ownerID=86; Священник Сергий Стаценко. Особенности деятельности новых религиозных образований на территории Средней Азии.
[33] S. Эм Э. Менталитет корейцев: https://www.elenasclub.com/litclub/story/aboutlife/01102006377/
[34] So konnte der Autor als Geistlicher miterleben, dass zum Beispiel, bevor der Entschlafene ausgesegnet wurde, vor dem Sarg, der in nationaler Tradition dekoriert war, koreanische Riten abgehalten wurden (die in einigen Fällen mit dem Christentum unvereinbar waren)!
[35] S. «Великий кормчий Ким Чен Ир - креститель Кореи? В Пхеньяне освящен храм Живоначальной Троицы» // Сайт православного общества «Радонеж»: https://www.radonezh.ru/new/?ID=4788.
[36] S. «Студентам Московской Духовной семинарии из Северной Кореи вручены дипломы» // Сайт Московской Духовной академии и семинарии: https://www.pravoslavie.ru/news/13525.htm.
[37] Цыгане // Википедия: https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A6%D1%8B%D0%B3%D0%B0%D0%BD.
[38] In der letzten Zeit haben Zigeuner auch die Technik der Hypnose nach der „Wiederspiegelungsmethode“ übernommen, die sie zur Bereicherung auf Kosten leichtgläubiger „Kunden“ nutzen. S.: «Криминальный “цыганский” гипноз» // Мелихов И.Н. Скрытый гипноз. Практическое руководство: https://polbu.ru/melihov_hypnosis/ch44_i.html.
[39] Ebenda.
[40] Einmal hatte der Autor Gelegenheit, in einem Zigeunerdorf in Tadschikistan bei der Aussegnung eines verstorbenen Gemeindemitglieds dabei zu sein und persönlich zu sehen, wie stark der Aberglauben das Zigeuner-Leben beeinflusst. So wurde es dem Autor verboten, den Aussegnungsritus im Kircheninneren zu verrichten, was nach Meinung des Ältesten unvermeidlich zu Unheil geführt hätte; der Autor war Zeuge eines traditionellen, von der Sitte vorgeschriebenen Streit samt Schlägerei, als Zigeuner am Sarg des Verstorbenen zu balgen begannen, da sie versuchten, die Leinen von Armen und Beinen des Verstorbenen, die nach dem Volksglauben „im Gericht helfen“, wegzureißen. Ähnliche Erzählungen hat der Autor von anderen Geistlichen und Studenten des Geistlichen Seminars zu Taschkent gehört, die das Leben der Zigeunergemeinden „von innen“ episodisch beobachtet haben.
[41] Die Diakon- und Priesterweihe von Zigeunern, insbesondere aus Zigeunerlagern, ist immer noch ein seltenes Ereignis, auch wenn solche Fälle schon vorgekommen sind. S. Рябцев А. Цыган стал православным дьяконом. // Комсомольская правда, 17.11.2008.
[42] S., z.B.: От чего нас хотят «спасти»? НЛО, экстрасенсы, оккультисты, маги, М., «Даниловский благовестник», 2007.
[43] Vgl. Joh 15,13. (A.d.Ü.)
[44] Dessen Oberhaupt in Tadschikistan ist Dr. hist. Viktor Dubowizkij, stellvertretender Direktor des Historischen Instituts an der Tadschikischen Akademie der Wissenschaften .
[45] Bemerkenswert ist, dass das Leben und die Arbeit der Gemeinde „Amudarjinskaja LInija“ nach dem Landsmannschaftsprinzip aufgebaut ist. Das bedeutet, dass nicht nur geborene Kosaken in die Gemeinde aufgenommen werden können, sondern jeder Mensch, der die Ideologie des Kosakentums teilt und sich zum orthodoxen Glauben bekennt.
[46] Nach entsprechender Änderung der russischen Gesetze können Priester jetzt die Stelle eines Assistenten des Kommandeurs für die Arbeit mit gläubigen Militärangehörigen bekleiden. S. Гаврилов Ю. Батюшка-командир. В минобороны утвердили правила работы с верующими солдатами и офицерами // Российская газета. Федеральный выпуск, № 5106 от 10 февраля 2010 г.
[47] Nach der rigiden Kirchenverfolgung in den 1920er und 1930er Jahren kam es in den 1940er Jahren zu einer Milderung der sowjetischen Kirchenpolitik, da Stalin in der Zeit des Zweiten Weltkriegs die Kirche in den Kampf gegen die deutschen Invasoren eingebunden hatte. (Anm.d.Ü.)
[48] „Die Orthodoxie hält sowohl Protestanten als auch Nestorianer als auch römische Katholiken für Verzerrer des Christentums. Anders als diesen Konfessionen ist der Orthodoxie die missionarische Aggressivität fremd. Die Orthodoxie ist demütig: sie ruft ihre Gläubigen weniger zu äußeren Aktivitäten, sondern zur Bereinigung und Verschönerung der eigenen Seele durch die Tugenden – ‚denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewönne und seine Seele einbüßte‘ [Mk 8,36]. Solch eine Lehre kann es nicht anders, als den Respekt der Muslime hervorzurufen“. Митрополит Ташкентский и Среднеазиатский Владимир. А Друзей искать на Востоке, глава II «Халифат – “золотой век“ ислама»: https://www.pravoslavie.uz/Vladika/Books/pravosl-islam/pravosl-islam.htm
[49] Metropolit Wladimir von Taschkent und Mittelasien, Verwalter der Diözese von Taschkent und Mittelasien der Russischen Orthodoxen Kirche, spricht von der Notwendigkeit einer engeren Konsolidierung der orthodoxen Diaspora. Außerdem leitet er die vorbereitende Arbeit zur Gründung des „Zentrums der slawischen und der orthodoxen Völker“, in dessen Kompetenz alle erwähnten Formen des Lebens der orthodoxen Bevölkerung liegen werden.
Statsenko Sergiy, Erzpriester