„Mir ist die Seichtheit des Pseudopatriotismus zuwider geworden": erstes Interview des Oberhaupts der Griechisch-Orthodoxen Kirche
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„Mir ist die Seichtheit des Pseudopatriotismus zuwider geworden": erstes Interview des Oberhaupts der Griechisch-Orthodoxen Kirche
Erstmalig nach seiner Wahl wandte sich der Erzbischof Hieronym von Athen und ganz Griechenland an die Öffentlichkeit, indem er der Zeitung „Kyriakatiki Eleytherotypia" ein Interview gab. Dieses Interview kann als Grundsatzrede des Vorstehers der Griechischen Kirche verstanden werden, in dem er aufrichtig über die „schwarzen Löcher" erzählt, die er durch sein Amt geerbt hat. Bogoslov.ru bietet hiermit eine Vollübersetzung dieses ersten Interviews des Erzbischofs Hieronym von Athen und ganz Griechenland.
Ihnen wurde zur Last gelegt, dass Sie sich gerne ausschweigen, auch bei Problemen, die die ganze Nation betreffen. Ein anderer Vorwurf an Ihre Adresse war, dass Sie selten Gottesdienste abhalten und die Gottesdienstleitung lieber anderen Bischöfen überlassen. Was können Sie auf diese Vorwürfe „aus den eigenen Reihen" antworten?
Ich habe ein allgemeines Lebensprinzip: wichtig ist nicht der Eindruck, den man macht, sondern die vollbrachte Tat. Und diese Tat wird irgendwann für sich sprechen. Selbstverständlich halte ich Gottesdienste ab, und zwar des Öfteren, jedoch mache ich dies nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Ganz am Anfang musste ich mich entscheiden: entweder laut zu sprechen und sicher zu sein, dass ich etwas zu sagen habe - oder zu schweigen und nachzudenken. Ich habe das Letztere gewählt, denn die Schwierigkeiten, mit denen ich konfrontiert worden bin, sind riesig, und die von mir geerbten „schwarzen Löcher" haben beträchtliche Ausmaße. Während ich mich mit diesen Problemen auseinandersetzten musste, wollte ich lieber schweigen. Und was die Probleme angeht, die sich auf die ganze Nation verbreiten... Verzeihen Sie meine Offenheit, aber ich liebe mein Vaterland so sehr, dass ich bereit wäre, mein Leben dafür hinzugeben. Aber was mich wirklich ermüdet hat, was mich bis ins Herz hinein traurig macht und was mir einfach zuwider geworden ist - das ist diese ganze Seichtheit des Pseudopatriotismus und die Instrumentalisierung des Nationalgefühls. Ich habe viele Menschen dieser Sorte kennen gelernt - sie nutzen Heimat, Religion und Familie bloß als Schlagworte für ihre privaten Ziele. Und diesen Weg möchte ich nicht gehen. Mögen die Taten irgendwann für sich sprechen - dann werden alle diese Schlagworte ihre Kraft verlieren. Das ist eben mein Weg und mein Ziel, so wie ich es sehe: keine pharaonischen Pyramiden zu erbauen, sondern das tun, was das Leid unserer Nächsten lindern wird.
Bereits seit einem halben Jahr bleibt das Vatopedi-Kloster im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit[i]. Hat das irgendwelche Konsequenzen für die Kirche?
Die Situation rund um das Vatopedi-Kloster hat uns große Schwierigkeiten bereitet. Der Fall hat sich als sehr unangenehm herausgestellt, und wir alle sind in Sorge darüber, wie die Sache ausgehen wird. Selbstverständlich wird dieser Fall auch für das innerkirchliche Umfeld Konsequenzen haben, doch müssen wir uns zunächst noch in Geduld üben und sehen, was bei dem Ganzen herauskommt.
Die Fragen, die dieser schwierige Fall als solcher aufwirft, werden weder uns, noch diejenigen, die der Kirche gegenüber angriffsbereit stehen, bedenkenlos lassen. Ich meine diejenigen, die für die Trennung von Kirche und Staat eintreten. Heißt das, dass die Kirche als gesellschaftliches Institut im Rahmen ihres Dienstes nicht berechtigt ist, von ihrem eigenen Eigentum Gebrauch zu machen, um ihre dienstlichen Ausgaben zu decken? Eine andere Seite der Sache ist, dass auch, wenn wir in einer konstitutionellen Gesellschaft mit einem gesicherten Recht auf Privateigentum leben, dieses Recht unterschiedlich ausgelegt wird - von jedem auf seine eigene Art und Weise. Die Frage besteht natürlich darin, wofür die Kirche Eigentum benötigt. Sie braucht es nicht nur für die Gehälter der Priester und Bischöfe, sondern auch, um ihre Dienste nach wie vor frei ausüben zu können. Knappheit an Mitteln führt zum Verlust der Freiheit - sowohl für den einzelnen Menschen als auch für jede anderen Besitzer.
Ein anderer Problempunkt sind die heutigen Diskussionen über die kaiserlichen und munizipalen Urkunden aus byzantinischen Zeiten, also über die Ahtiname[ii] und die Dokumente, die im Sinai-Kloster, im Patriarchat von Jerusalem und im Ökumenischen Patriarchat aufbewahrt werden (Letzteres versucht übrigens, mithilfe dieser Dokumente seine Eigentumsrechte zu schützen). Jedes Mal offenbaren solche Diskussionen den Leichtsinn, mit dem man bei uns versucht, die Probleme anzugehen. Wenn wir diese Dokumente selbst verschmähen und ignorieren, wieso verlangen wir, dass andere Staaten sie respektieren?[iii]
Wie gestalten sich die Verhältnisse mit den Vertretern der politischen Parteien in Griechenland?
Ich unterstütze die Zusammenarbeit mit allen Seiten. Das beabsichtige ich auch in Zukunft zu tun.
Haben Sie vor, auch das Büro der Kommunistischen Partei Griechenlands[iv] zu besuchen?
Mit Frau Papariga[v] habe ich mich schon getroffen. Ehrlich gesagt, kommt es mir so vor, als ob die linken Politiker sogar stärker an Gott glauben als die rechten. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe,
Nachdem Sie im Februar 2008 gewählt wurden, verbreitete sich sofort das Gerücht über eine „innere Opposition"...
Natürlich - denn diese existiert. Ohne Opposition, ohne die Anhörung anderer Sichtweisen ist generell kein Fortschritt möglich. Selbstverständlich sollte sie von guten Absichten geleitet sein. Das ist die Hauptsache.
Und wie reagieren Sie auf die „oppositionelle Kritik"?
Ich suche meine Kraft in Gott, in meinen Freunden und in dem inneren Gefühl, dass ich nicht an meinem Sessel klebe. Sobald ich fühle, dass ich nicht mehr von Nutzen sein kann, werde ich nicht weiter an meiner Position festhalten.
Es wird Ihnen übrigens auch vorgeworfen, dass Sie keine neuen Kleriker weihen.
Ich denke, dass die Priester- bzw. Bischofsweihe eine besondere Verantwortung für den Erzbischof darstellt. Das heißt, es wäre leichtsinnig, jemanden zu weihen, den ich nicht kenne. Wie sollte ich danach noch Forderungen an ihn stellen?
Was fehlt Ihnen hier, im Erzbischofsamt, am meisten - im Vergleich zur Metropolie von Theben und Levadia?
Die ländliche Natürlichkeit und Menschlichkeit in den Beziehungen.
Wie wird ihr Kurs in den Verhältnissen mit dem Patriarchat von Konstantinopel aussehen?
Meine Haltung dazu ist lange bekannt. Die große Schwäche der Orthodoxie ist ihr Isolationismus, ihre Abhängigkeit von den jeweiligen Nationalideen. Die Orthodoxe Kirche muss die heute bestehenden Lücken so schnell wie möglich schließen. Das jüngst stattgefundene Treffen der Kirchenvorsteher stellte für das Patriarchat von Konstantinopel einen großen Erfolg auf diesem Wege dar. Das ist aber erstmalig in Kiew gelungen - und in dieser Situation war es wichtig, dass wir einen so würdigen Patriarchen wie Bartholomäus haben.
Heutzutage leiden wir unter einer schweren wirtschaftlichen Krise. Welchen Beistand kann die Kirche den Menschen leisten?
Das Erzbischofsamt gibt täglich 3.500 kostenlose Mittagsessen aus. Ich möchte, dass wir uns bis Anfang 2009 auf 20.000 steigern. Das ist zu schaffen, obwohl die Lage dadurch nicht wesentlich verbessert werden kann. Jeden Tag kommen mindestens 20 Menschen zu uns ins Erzbischofsamt, die ihre Häuser verloren haben, und bitten um Hilfe. Diesbezüglich habe ich schon eine Idee und einige Pläne, - auch wenn die Zeit jetzt, nach der Vatopedi-Geschichte, nicht besonders passend ist. Ich möchte gerne das Kircheneigentum - mit der Unterstützung des Staates und in voller Transparenz - wirtschaftlich nutzen und den Profit den Volksbedürfnissen zukommen lassen, allerdings im Rahmen des Kirchendienstes...
Sie sprachen von Plänen, die Sie umzusetzen gedenken. Was davon ist bereits getan?
Wir haben den Auftrag zur Einrichtung von Heimen für bettlägrige Behinderte und einsame Senioren gestellt. Wir haben auch Projekte für geistig behinderte Kinder, zum Schutz autistischer Kinder, für junge drogensüchtige Menschen und zum Aufbau von Sommerlagern für Kinder und Jugendliche initiiert. Zudem möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen, Ihnen mitzuteilen, dass eine Privatperson uns ein 15 Hektar großes Grundstück in Attika zur Verfügung gestellt hat, um diese Projekte zu verwirklichen.
Was werden Sie morgen zur Generalversammlung der Bistumspriester sagen?
Das erste was ich ihnen sagen werde, ist: es ist nicht möglich, irgend etwas, geschweige die ganze Welt, zu verändern, bevor jeder von uns - vom Erzbischof bis zu den Priestern - sich selbst verändert hat; bevor wir in der Lage sind, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wir müssen ein einfacheres Leben führen und mehr an die Menschen denken. Denn die Kirche ist ein Ort des Dienens und der Liebe, und das sind weder pompöse Zeremonien noch Volksfeste. Besonders bedeutend werden hier die persönlichen Eigenschaften der Kleriker sowie auch die Bereitschaft derjenigen, die sich dem Klerus anschließen möchten, sowie die Unterstützung seitens der Familie des Priesters.
Ich muss Ihnen sagen, dass ich hier ins Ungewisse angekommen bin. Die Belange der Kleriker und die Schwierigkeiten der Menschen waren mir im Großen und Ganzen bekannt. Aber was genau auf mich zukommen würde - das wusste ich damals noch nicht. Die vergangenen Monate haben mir die Möglichkeit gegeben, mich umzuschauen, Erfahrungen zu sammeln und die hier existierenden Probleme näher zu studieren. Ich habe viel gearbeitet, mir das Leben in den Pfarreien angeschaut, die Denkweisen der Priester und ihr Leben erblickt, aber vor allem habe ich das Leid der Menschen gesehen. Ich habe Menschen gesehen, die keine Unterkunft haben, und Menschen, die hungern. Ich habe sowohl offizielle Zusammenkünfte als auch die Orte, wo sich die „Außenseiter" treffen, besucht. Ich habe ein Paar Tage lang zusammen mit den Jugendlichen gelebt, die versuchen, ihre Drogenabhängigkeit zu überwinden, wobei ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie schwer sie es haben, auch nachdem sie ihren Entzug erfolgreich bestanden haben. Gleichzeitig habe ich auch gesehen, wie reiche Menschen leben. Was soll man dazu sagen, wenn einer in einem 500 Quadratmeter großen Haus wohnt, mit zwei Schwimmbädern... und das in diesen Zeiten?
Das bedeutet noch nicht, dass wir die Lösungen für alle Probleme finden können. Diesbezüglich habe ich weder Illusionen noch die Sondermittel. Aber ich glaube, dass wir zusammen etwas schaffen können. Auch wenn wir nicht in der Lage sind, aus dieser Welt ein Paradies zu machen, können wir sie vor der Umwandlung in eine Hölle bewahren.
Quelle: «Κυριακάτικη Ελευθεροτυπία»
Übersetzung - Portal Bogoslov.ru
[i] Das Kloster Vatopedi (griechisch Βατοπέδι oder Βατοπαίδι, auch Vatopaidion umschrieben) liegt auf dem Berg Athos. Zwischen dem Kloster und der Regierung gibt es eine Streitigkeit um die Immobilien, die das Kloster von der Regierung im Tausch gegen den Vistonida-See erhalten und z.T. erfolgreich weiterverkauft hatte. Der See sei dem Kloster vor fast 1000 Jahren vom byzantinischen Kaiser vermacht worden. Die Opposition plädiert dafür, dass die Seegrundstücke stark überbewertet und die staatlichen Tauschgrundstücke stark unterbewertet gewesen seien.
[ii] Ahtiname sind spezielle Freibriefe, die den christlichen Klöstern und Kirchen von Mohammed und dessen Nachfolgern ausgestellt worden waren."De facto hatten sie das Eigentumsrecht der Kirche in der Zeit der Entstehung der islamischen Staaten zu behaupten. (Anm.d.Ü.)
[iii] Offensichtlich sind hier die Türkei und einige Länder des Nahen Osten gemeint, in denen Orthodoxe Kirchen mit Eigentumsproblemen konfrontiert sind. (Anm.d.Ü.)
[iv] Kommunistische Partei Griechenlands (Gr. Κομμουνιστικό Κόμμα της Ελλάδας, ΚΚΕ) ist die radikale Opposition. (Anm.d.Ü.)
[v] Generalsekretärin der Kommunistischen Partei Griechenlands seit 1991. (Anm.d.Ü.)
Hieronymus, II, Erzbischof von Athen