Vortrag des Statthalters des Patriarchenthrons, Metropoliten Kyrill, auf dem Lokalkonzil der Russisch-Orthodoxen Kirche
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Vortrag des Statthalters des Patriarchenthrons, Metropoliten Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, auf dem Lokalkonzil der Russisch-Orthodoxen Kirche (Moskau, 27.-29. Januar 2009)
Auf der ersten Tagung des Lokalkonzils der Russisch-Orthodoxen Kirche, die am 27. Januar stattfand, ergriff der Statthalters des Patriarchenthrons, Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, das Wort zum Bericht
Geliebte in Christus, hochgeweihte Bischöfe, hochwürdige Väter, gottliebende Mönche und Nonnen, Brüder und Schwestern!
„Heute hat uns die Gnade des Heiligen Geistes hier zusammengebracht"[1].Von Gott selbst geführt, sind wir - Bischöfe, Seelenhirten, Mönche, Nonnen und Laien - aus vielen Ländern und Regionen der Welt hier eingetroffen, um Entscheidungen zu fällen, die in vielerlei Hinsicht die Wege der Russischen Orthodoxie im 21. Jahrhundert bestimmen werden. Uns steht die Aufgabe bevor, den sechzehnten Patriarchen von Moskau und ganz Russland zu wählen. Wir müssen den vergangenen Zeitraum von über achtzehn Jahren bewerten, die sich als Zeit der Zweiten Taufe Russlands erwiesen hat. Wir sind auch aufgerufen, darüber nachzudenken, wie unsere Kirche sich in nächster Zukunft weiterentwickeln sollte.
Jetzt, wo wir mit unseren Konzilsdiskussionen und Entscheidungen beginnen, mögen wir folgende Worte des Heiligen Apostel Paulus in unseren Herzen behalten: „Meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, allezeit überreich in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist!" (1 Kor. 15, 58). So wie der Heilige Hierarch Tichon sprach, „mögen wir die Einrichtung unserer Kirche ohne Ingrimm und Falschheit, als Gottes Mitarbeiter, beginnen. Dabei sollte jeder aufpassen, mit welchem Stoff er baut. Wenn wir mit einem festen Stoff bauen, wird auch unser Gebäude fest und haltbar sein. Wenn wir aber mit einem fragilen Stoff bauen, werden auch unsere Werke brüchig sein. Mögen wir also auf einen festen Grund bauen - auf Christus. Mögen wir auf dem Grund des Heiligen Buches, des Evangeliums bauen, auf dem Grund der Apostel- und Konzilregeln, der Grundsätze der Heiligen Väter und der kirchlichen Überlieferung, und nicht etwa auf eigenen Hirngespinsten".
Kürzlich haben wir des Heiligsten Patriarchen Alexij II. von Moskau und ganz Russland, am 40. Tag seit seiner seligen Entschlafung gedacht. Auch heute haben wir für den Frieden seiner Seele im himmlischen Palast gebetet, wo „es keinen Schmerz, keine Trübsal und kein Seufzen, sondern unendliches Leben gibt[2]". Auf dem jetzigen Konzil werden wir der vielen, vielen Werke gedenken, die während der Jahre der Auferstehung unserer Kirche vollbracht worden sind. Diese Werke werden in der Geschichte untrennbar und auf immer mit dem Namen des entschlafenen Ersthierarchen verbunden bleiben. Sie wurden mit seinem Segen vollbracht und hauptsächlich dank seinem friedlichen Geiste, seiner Weisheit und seiner täglichen Fürsorge für die Kirche. Heute können wir vom Heiligsten Patriarchen Alexij mit den Apostelworten sprechen: er hat den guten Kampf gekämpft, er hat den Lauf vollendet, er hat den Glauben bewahrt; fortan liegt ihm bereit der Siegeskranz der Gerechtigkeit, den der Herr, der gerechte Richter, ihm als Belohnung geben wird an jenem Tag (s. 2. Tim. 4, 7-8). Größe und ewige Danksagung dem Heiligsten Patriarchen für alles, was er für das Volk Gottes und dessen geistliche Auferstehung getan hat!
All die Jahre seines Bischofs- und Ersthierarchendienstes hindurch hat er sich unermüdlich für die Einheit der Kirche eingesetzt. In der schweren Zeit beschützte er die Kirche vor den drohenden Wellen des ungestümen irdischen Lebens. Danach kam die neueste Geschichtsperiode , in der versucht wurde, ein nationales bzw. politisches Schisma des kirchlichen Umfeldes herbeizuführen. In der Zeit der Aktivierung der Kräfte, die sich bemühten, die Meinungsverschiedenheiten zu einer Fehde hochzuschaukeln, hat der Heiligste Patriarch alles dafür getan, dass der Leib Christi, für den die Existenz verschiedener Körperglieder unentbehrlich ist, als einiger und ganzheitlicher Organismus überlebte. Bereits 1990 sprach er anlässlich seiner Inthronisation: „Heute stößt die Kirche, die Gesellschaft und jeder von uns auf viele Probleme. Ihre Lösung bedarf eines katholischen Bewusstseins, einer gemeinsamen Entscheidung und Besprechung. (...) Wir sollten als friedensstiftende, vereinigende Kraft dienen. (...) Wir müssen alles tun, um die Einheit der Heiligen Orthodoxen Kirche zu befördern".
Der entschlafene Ersthierarch übte seinen Friedensstiftungs- und Einigungsdienst bis zum Ende seiner Patriarchenlaufbahn aus. Die Kircheneinheit war Thema des Bischofskonzils, das im vorigen Jahr stattfand. Das auf dem Konzil vom Heiligsten Patriarchen Alexij II. gesprochene Wort, sowie die Konzilsbeschlüsse, die unter seiner Leitung abgefasst wurden, stellen das geistliche Erbe des Ersthierarchen dar. Möge die entschlossene Bewahrung unserer Einheit die angemessenste Art seiner Verehrung durch uns Gläubige darstellen.
Ehrwürdige Teilnehmer des Konzils! Die zurückliegenden achtzehn Jahre waren eine ganz besondere Zeit für Millionen der Menschen, die zwischen dem Weißen und dem Schwarzen Meer, zwischen Kaliningrad und dem Pazifischen Ozean leben. Während dieser Zeit sind sie der unveränderlichen Wahrheit des Evangeliums Christi teilhaftig geworden und zu den authentischen geistlichen und kulturellen Traditionen ihrer Völker zurückgekehrt. Immer mehr Gläubige werden des sakramentalen und geistlichen Lebens der Kirche teilhaftig. Millionen von Menschen werden geistlich aufgeklärt. Immer weiter breitet sich die Verkündigung der Orthodoxie auch in der übrigen Welt aus.
Mittelpunkt des Lebens der Kirche Christi sind die Heiligen Sakramente. Indem der Mensch daran teilnimmt, geht er die allerengste Gemeinschaft mit dem Herrn ein, wobei er auch seine eigene Natur erneuern lässt. Diese Gabe, dieses verklärte und umgestaltete Leben, sind das, was die Kirche allen „Nächsten und Fremden" anbietet, indem sie Gotteshäuser errichtet, in denen die Gnade Gottes lebt und aus denen sie zu den Menschen heraus und ihnen entgegen kommt - wozu der Heiligste Patriarch Alexij mehrmals aufrief.
Wie uns wohl bekannt ist, sind auf dem Territorium des Heiligen Russlands in den vorigen Jahren viele Klöster, Kirchengebäude und Kapellen aufgebaut worden. Immer wieder werden neue Gotteshäuser errichtet, als Zeichen davon, dass der geistliche Hunger des Volkes immer noch nicht gestillt ist. Um sich vom Ausmaß dieser quantitativen Änderungen eine Vorstellung machen zu können, können wir die Angaben zum Stand des kirchlichen Lebens betrachten, die im Zusammenhang mit dem Lokalkonzil von 1988 veröffentlicht wurden. Damals gab es in der Russischen Kirche 76 Diözesen und 74 Bischöfe, 6.893 Gemeinden, 6.674 Priester und 723 Diakone, 22 Klöster mit insgesamt 1190 Mönchen und Nonnen, zwei geistliche Akademien und drei Seminare. Heute stellt sich die Lage prinzipiell anders dar: Nach dem Stand vom Ende 2008 gibt es in der Russisch-Orthodoxen Kirche 157 Diözesen und 203 Bischöfe, davon 149 Diözesanbischöfe und 54 Titularbischöfe; sowie weitere 14 Bischöfe, die emeritiert sind. Die Russisch-Orthodoxe Kirche verfügt über 29.263 Gemeinden. Die Gesamtzahl der Kleriker beträgt 30.670 Personen, davon 27.216 Priester und 3.454 Diakone. Besonders aufschlussreich ist die Lage in Moskau, wo der Kirchenvorsteher gleichzeitig Diözesanbischof ist. Die Anzahl der funktionierenden Gotteshäuser ist um das 22fache gewachsen (von 40 auf 872). Bis zum Jahre 1990 gab es nur ein Kloster, heute sind es acht; dazu kommen noch 16 Metochia[3]. Innerhalb der Stadt gibt es drei Seminare und zwei orthodoxe Hochschule (vorher gab es keine einzige kirchliche Lehranstalt). Zeichen der geistlichen Auferstehung der Russisch-Orthodoxen Kirche ist die Neuerrichtung der Christus-Erlöser-Kathedrale[4] geworden, in der wir nun das Lokalkonzil durchführen können.
Der Ersthierarchendienst des Heiligsten Patriarchen Alexij war vor allem durch die aktive Auferstehung des monastischen Lebens gekennzeichnet, und zwar in der Form, wie es sich Jahrhunderte hindurch bewährt hatte. Es wurden viele Klöster wiederhergestellt und -eröffnet, die von pankirchlicher Bedeutung sind und von den Gläubigen besonders verehrt werden; dazu gehören die Alexander-Newski Lawra, das Solowezk Kloster, das St.-Seraphim-Diwejewo Kloster, die Swjatogorsk-Entschlafungs-Lawra, das Nowo-Njametsk St.-Himmelfahrts Kloster, das Polotsk Erlöser--Ewfrosinija Frauenkloster und viele andere, deren Auflistung im Rahmen dieses Vortrages unmöglich wäre.
Insgesamt gibt es heute in der Russisch-Orthodoxen Kirche 804 Klöster. Darunter befinden sich in Russland 234 Männer- und 244 Frauenklöster. In anderen GUS-Staaten und den Baltischen Ländern gibt es 142 Männer- und 153 Frauenklöster. Im ferneren Ausland gibt es weitere drei Männer- und drei Frauenklöster. 16 Männerklöster und 9 Frauenklöster gehören zur Zuständigkeit der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland. Zudem existieren in unserer Kirche 203 Metochia und 65 Skiten[5].
Indem der Heiligste Patriarch Alexij das katholische Prinzip des kirchlichen Seins in die Tat umsetzte, bemühte er sich, in der Versammlung der bischöflichen Brüder alle für die Kirche wichtigsten Fragen anzusprechen und gemeinsam darüber zu entscheiden. Während seines Patriarchendienstes haben acht Bischofskonzile stattgefunden: 1990, 1992 (zwei), 1994, 1997, 2000, 2004 und 2008. Schließlich wurde vor kurzem ein Bischofskonzil abgehalten, dessen wichtigste Aufgabe es war, dieses Lokalkonzil vorzubereiten.
In den zwischenkonziliaren Perioden ist die Kirche ihrer Satzung gemäß durch den Geweihten Synod geleitet worden, der sich regelmäßig zu Tagungen unter dem Vorsitz des Heiligsten Patriarchen traf.
In der betrachteten Periode wurden mehrere neue Synodale Abteilungen gegründet: die Abteilung für Wohltätigkeit und den sozialen Dienst, die Abteilung für Jugendangelegenheiten, die Abteilung für Zusammenarbeit mit Streitkräften und Rechtsschutzorganen und die Abteilung für Mission. Zudem wurden einige neue Ausschüsse eingerichtet: der Ausschuss für Theologie und der Ausschuss für Klosterangelengeheiten.
Der Heiligste Patriarch Alexij nahm so aktiv wie nur möglich an der Leitung des Kirchenlebens in den Regionen teil. Jedes Jahr seines Ersthierarchendienstes war reich an Besuchen in den Diözesen, wo er sich stets mit Zuwendung und Fürsorge bemühte, den Diözesanbischofen, dem Klerus und der Herde bei der Errichtung der Kirche seinen Beistand zu leisten.
In die von uns betrachtete Periode sind viele bedeutende Daten gefallen, die Anlass zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Kirche waren. Ich möchte nur auf einige davon eingehen. Da wäre der 2000. Jahrestag der Geburt Christi, dem das Jubiläumsbischofskonzil gewidmet war. Dieses große Jubiläum des Christentums, das den Jahrhundertwechsel kennzeichnete, gab uns die Möglichkeit, die Geschichte unserer Kirche im komplizierten und dramatischen 20. Jahrhundert zu bewerten und die Antworten der Kirche auf die Herausforderungen auszuformulieren, die der Beginn des 21. Jahrhunderts an uns gestellt hat. Die Feiern zum 1020. Jahrestages der Taufe Russlands ließen uns darüber nachsinnen, was wir innerhalb der zwanzig Jahre seit der Kirchenauferstehung getan haben und in welchen Bereichen wir unsere Bemühungen verstärken sollten. Dieses Gedenkdatum erinnerte uns auch an die allgemeine Geschichte der orthodoxen Völker, die einst zu Kiew getauft worden waren. Dementsprechend war es kein Zufall, dass das Bischofskonzil von 2008 dem Thema der kirchlichen Einheit gewidmet war. Ebenso stellten die Feiern zum 1020. Jahrestages in Moskau, Kiew und Minsk ein kräftiges Zeugnis der Gemeinschaft der Völker dar, die von unserer Kirche geistlich geleitet werden. Wir dürfen auch zwei andere schöne Jubiläumsdaten nicht vergessen, die mit der Wiedergeburt des Patriarchenamtes in der Russischen Kirche verbunden sind - nämlich der 80. und der 90. Jahrestag der Wiederherrichtung des Moskauer Patriarchenthrons. Durch die Feier dieser Jubiläen haben wir die konsolidierende Bedeutung des Patriarchentums bezeugt, dank dem die Tätigkeiten des Episkopats, des Klerus und des Kirchenvolkes ihre Vollständigkeit und sachgemäße Zielrichtung gewinnen. So wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Name des heiligen Hierarchen Tichon als Symbol des Zusammenhaltes aller geistlich gesunden Kräfte der Russischen Orthodoxie galt, wurde der Heiligste Patriarch Alexij um die letzte Jahrhundertwende zum verbindenden Symbol der Orthodoxie der russischen Tradition im gesamten historischen Raum Russland bis weit außerhalb seiner heutigen Grenzen.
Im Laufe der zwei zurückliegenden Jahrzehnte wurden über eintausendsiebenhundert Heilige kanonisiert. Das war die Antwort der Russischen Kirche auf die von der Gesellschaft gestellte Frage über ihre geistliche Kontinuität mit den Christen der vorigen Jahrhunderte sowie über die Einschätzung der heiligen Taten der Kirchenhierarchen, des Klerus, der Mönche und Nonnen sowie der Laien in der Epoche der brutalsten Kirchenverfolgung.
Unsere Kirche hatte die Ehre, die Reliquien vieler Heiliger aufzufinden, was das kirchliche Volk als Zeichen der besonderen Gnade Gottes wahrgenommen hat: die Reliquien des Ehrwürdigen Seraphims von Sarow; des Heiligen Hierarchen und Glaubensbekenners Lukas (Luka), des Erzbischofs von Simferopol und der Krim; der Ehrwürdigen Starzen von Optina; des Heiligen Hierarchen Theophanus (Feofan) des Einsiedlers; und vieler anderer Glaubenszeugen, Gottseligen und Gerechten. Die Tichwiner Ikone der Allerheiligste Gottesgebärerin wurde [aus den USA] zu ihrem historischen Platz [in der Nähe von St.Petersburg] zurückgebracht. Die in der Tretjakow-Galerie[6] aufbewahrten Ikonen der Gottesmutter von Wladimir und der Gottesmutter vom Don sind zur Verehrung an den Gedenktagen der mit ihnen verbundenen historischen Ereignisse zugänglich geworden. Auch die sehr alte gehuldigte Ikone der Gottesmutter von Wladimir, vor der wir heute unseren Fürbittegottesdienst zur Eröffnung des Lokalkonzils gehalten haben, ist nach Russland zurückgekehrt[7]. Eine der bewährten Traditionen, die sich in der Russischen Kirche etabliert haben, ist die Einbringung weltweit hoch geachteter christlicher Heiligtümer, auf dass die Gläubigen sie anbeten können. Unter anderem ist unsere Kirche von den Reliquien des Heiligen Großmärtyrers Panteleimon, des Heiligen Apostels Andreas des Erstberufenen, des Heiligen Hierarchen Spyridon von Tremithus, der Ehrwürdigen Märtyrerinnen Großfürstin Elisabeth (Jelisaweta) und Barbara (Warwara), der Nonne, besucht worden.
Der Beginn des Patriarchendienstes des entschlafenen Ersthierarchen fiel in die Zeit der raschen und bei weitem nicht schmerzfreien gesellschaftlichen Umbrüche, die mit der Auflösung des auf dem historischen Raum Russlands einheitlich existierenden Staates verbunden waren. Der Zerfall der UdSSR und die darauf folgende Entstehung neuer souveräner Staaten führte vielfach zu Kontoversen zwischen den verschiedenen Völkern. Es entstand eine prinzipiell neue politische Realität, in der die Russisch-Orthodoxe Kirche nicht nur zu eifriger Friedensstiftung berufen war, sondern auch zur Neubehandlung der kanonischen Fragen. Zu letzteren gehörte, welche Änderungen der kanonischen Kirchenstruktur bzw. des Kirchenverwaltunksystems den effizientesten pastoralen Dienst bewirken würde, und zwar an all den verschiedenen Völkern, die die Kirchenherde insgesamt ausmachen. In erster Linie sollte dieses Problem in Bezug auf die Ukraine gelöst werden, wo die Lage durch das Schisma erschwert war, das infolge der politischen Einmischung ins Kirchenleben entstanden war. Die kirchliche Antwort darauf bestand in der Errichtung der Selbstverwalteten Kirchen im Schoße des einen Moskauer Patriarchates: der Ukrainischen, der Moldawischen, der Lettischen und der Estnischen. Jede von ihnen hat somit innere Selbstständigkeit in der Ausführung ihrer Dienste sowie in der Entscheidung über die kirchlich-administrativen Fragen erhalten. Dabei wurden sowohl die mit der Lage im jeweiligen Lande verbundenen Besonderheiten berücksichtigt, als auch die Größe der jeweiligen Selbstverwalteten Kirche und ihr inneres Potential. Zugleich wurde die katholische Einheit unseres gemeinsamen Patriarchats und selbst des Heiligen Russlands bewahrt - d.h., die Einheit unserer gemeinsamen Zivilisation und geistlichen Kultur, unserer gemeinsamen historischen Wahl, die auf den Heiligen Apostelgleichen Fürst Wladimir zurückgeht.
Im Laufe der zurückliegenden Jahre hat es weitere Verbesserungen unserer kirchlichen Struktur gegeben, im welcher sich Einheit und Vielgestaltigkeit, Selbstständigkeit und gegenseitige Unterstützung, Respektierung der heutigen politischen Realität und allgemeine Tradition harmonisch vereinen. Im Jahre 2000 zog das Jubiläumsbischofskonzil das Grundfazit dieses Vorgangs, indem es entsprechende Änderungen der Satzung der Russisch-Orthodoxen Kirche vornahm. Das Bischofskonzil von 2008 hat in der Bestimmung „Über die kirchliche Einheit" einmütig bestätigt, dass „die Einheit des Heiligen Russlands das größte Gut unserer Kirche und unserer Völker darstellt. Sie ist ein Schatz, den wir schützen werden, indem wir all unsere Kräfte der Überwindung von Versuchungen, Aufwiegelungen und Abtrennnungsversuchen widmen". Dabei wurde betont, dass „nur unter dieser Voraussetzung die Russisch-Orthodoxe Kirche ihren Beitrag für die gesamteuropäische und weltweite Zivilisation leisten und dabei überzeugende Beweise für die Werte der orthodoxen geistlichen Tradition erbringen kann."
Nach diesem Konzil fanden die Ersthierachenbesuche in der Ukraine und Weißrussland statt, die mit dem 1020. Jahrestag der Taufe Russlands verbunden waren. Sie haben deutlich bestätigt, dass nicht nur das Episkopat, sondern das ganze Volk Gottes die kirchliche Einheit entschlossen unterstützt und nicht zulassen wird, dass diese zuliebe eigennütziger Wünsche gewisser politischer Kräfte zerstört wird.
Was das Problem der Überwindung der Schismata betrifft, das bis jetzt von seiner Aktualität nichts verloren hat, geht es nicht darum, einen passenden Kompromiss zu finden, wie Menschen unkirchlicher Weltanschauung vielleicht denken mögen. Dies drückte der Heilige Hierarch Markus von Ephesus seinerzeit so aus: „Niemals können kirchliche Angelegenheiten durch Kompromisse richtig gestellt werden, denn es gibt keinen Mittelwert zwischen der Wahrheit und der Lüge". Die einzige tragfähige Lösung kann nur durch die unentwegte Befolgung des Weges der kanonischen Wahrheit und der evangelischen Liebe sein, einschließlich der Liebe zu den fehlgegangenen Brüdern.
Eins der Verdienste des Heiligen Patriarchen Alexij des Zweiten und des entschlafenen Hochgeweihten Metropoliten Laurus, des Ersthierarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland, ist sicherlich die Wiederherstellung der Gemeinschaft der Kirche in der Heimat und im Ausland. Die aufklärende Hierarchenweisheit, die Liebe und der Friedensgeist, die Seiner Heiligkeit sowie dem Gebieter Metropolit Laurus innewohnten, ermöglichten die Erreichung dieses Zieles, trotz aller Hindernisse, die hier und da auf diesem Wege lagen. Am Tage Christi Himmelfahrt, am 17. Mai 2007, wurde in der Christus-Erlöser-Kathedrale der Akt über die kanonische Gemeinschaft unterzeichnet, woraufhin die Einheit der Lokalen Russischen Kirche durch die gemeinsame Feier der Göttlichen Liturgie besiegelt wurde. Dieser Tag wurde wahrlich zum historischen Triumph der Russischen Orthodoxie, der geistlichen Heilung der Wunden, die unserem Volk durch die Revolution und den Bürgerkrieg beigebracht worden waren, und der Kluft, die diejenigen, die das Kreuz der Vertreibung trugen, von ihren Brüdern, die daheim unter dem Joch der gottesfeindlichen Machtstrukturen litten, trennte. Heutzutage gibt es in der Russischen Kirche im Ausland, deren Delegierten an unserem Konzil teilnehmen, zehn Diözesen, 359 Gemeinden und 25 Klöster.
Der entschlafene Heiligste Patriarch hat oftmals betont, dass die Hauptaufgabe, vor der die Russische Kirche heute steht, die Wiedergeburt der menschlichen Seelen ist, sowie die Reinigung der menschlichen Herzen und die Heranführung der Menschen an die ewigen geistlichen Werte der Orthodoxie. Da die Kirche sich in der Gesellschaft befand, in der die Gottlosigkeit viele Jahrzehnte lang brutal propagiert wurde, musste sie vor allem den Missionsdienst am Volk wieder beleben. Diesen Missionsfragen war das Bischofskonzil von 1994 gewidmet, das die Bestimmung „Über die orthodoxe Mission in der modernen Welt" verabschiedete und die durch die Zeit gestellten Fragen über geeignete Gegenreaktionen auf Sektierertum, Neuheidentum und Okkultismus behandelte. Bald darauf nahm die Synodale Sonderabteilung ihre Tätigkeit auf, und es wurde ein missionarisches Seminar eingerichtet. Missionierungsstukturen sind inzwischen in vielen Diözesen entstanden. Regelmäßig unternehmen Geistliche und Laien (darunter auch Studenten der Orthodoxen Bildungseinrichtungen) Reisen in weit entfernte Regionen, in denen die Menschen des Wortes Gottes und der Stimme der Kirche besonders bedürfen.
Eine besondere Aufmerksamkeit wurde der Verkündigung der Orthodoxie bei der Jugend gewidmet. Einige jährliche Aktionen sind zur Tradition geworden: die Weihnachtlichen Jugendlesungen, das Studenten- und Jugendfestival der „Aufgefundenen Generation[8]", das panrussiche Jugendlager „Theodor-Städtchen[9]", das Balladenfestival „Herzensbeichte[10]" sowie der Heilige-Georg-Aufmarsch der Brüderschaft der orthodoxen Pfadfinder.
Einen speziellen Gesichtspunkt bilden die Mission und die pastorale Arbeit unter den Militärangehörigen und den Mitarbeitern der Rechtsschutzorgane sowie unter Strafgefangenen. Im Jahre 2008 wurde dieser Dienst von über 2000 Seelenhirten geleistet. Bei vielen Truppenkörpern und -einheiten wurden Gotteshäuser oder Kapellen aufgebaut bzw. Gebetsräume eingerichtet. Heute gibt es insgesamt über eintausend solcher Orte für Gottesdienste und Gebete.
Nach dem Zerfall der UdSSR und dem Fall „des eisernen Vorhanges" begann die Diaspora des Moskauer Patriarchates stark anzuwachsen. Heutzutage wird ihre Anzahl auf ca. 30 Millionen Menschen geschätzt. Unsere Heimatgenossen, die sich weit weg von ihrem Vaterland befinden, empfinden ein besonders starkes Bedürfnis an geistlichem Trost und pastoraler Fürsorge. Als Antwort auf dieses Bedürfnis wurden viele neue Gemeinden in verschiedenen Ländern gegründet, in denen sich die Menschen nicht nur kirchlich, sondern auch kulturell vereinigen. Unter anderem existieren im ferneren Ausland Gemeinden, die meist aus Vertretern der Ukrainischen oder Moldawischen orthodoxen Diaspora bestehen. Dort werden Kleriker aus der Ukraine und Moldawien eingesetzt, vorgeschlagen vom Seligsten Metropoliten Wladimir von Kiew und der ganzen Ukraine bzw. vom Hochgeweihten Metropoliten Wladimir von Chisinau und ganz Moldawien. Während der zurückliegenden 18 Jahre ist die Anzahl der kirchlichen Einrichtungen des Moskauer Patriarchats im ferneren Ausland wesentlich gestiegen und zählt heute über 330 Gemeinden und Klöster sowie 90 Sonntagsschulen in 51 Ländern weltweit. Zusammen mit den Gemeinden der Russischen Kirche im Ausland bilden diese Gemeinden ein einheitliches Ganzes und ergeben die pastorale Struktur des Moskauer Patriarchats.
Russisch-Orthodoxe Gotteshäuser wurden sowohl in den europäischen Hauptstädten als auch in den Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas errichtet. Die Gotteshausgebäude an den Russischen Botschaften werden renoviert oder es werden neue Gotteshäuser gebaut.
Der Kirchendienst und die Verkündigung sind ohne die feste Grundlage undenkbar, die durch die theologische Ausbildung im menschlichen Verstand und Herz gelegt wird. Dieser Bereich des Kirchenlebens stand immer im Zentrum der Aufmerksamkeit des Heiligsten Patriarchen Alexij - und dies keineswegs zufällig, denn die Lage der Kirche von morgen ist direkt vom Stand der geistlichen Ausbildung abhängig. Von ihr hängt es ab, ob die Kirchenhierarchen, Seelenhirten und Laien in der Lage sein werden, verschiedensten Menschen die Evangelische Botschaft würdig zu verkünden - Kindern, jungen Menschen, Akademikern, Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern und generell allen, die uns umgeben - sowohl den Einfältigen als auch den Weisen.
Die Entwicklung und die weitere Ausgestaltung der geistlichen Schule verliefen sehr kompliziert. Nachdem die Kirche Anfang der 1990er Jahre äußere Freiheiten erhielt, erlebte sie eine schnelle Wachstumsphase. Mit dieser konnte das Wachstum an Qualität und Quantität nicht mithalten. Besonders stark zeigte sich dies in der Ausbildung der Geistlichen. Kraft des katholischen Bewusstseins wurde die Umgestaltung der geistlichen Schulen ins Leben gerufen. Das Bischofskonzil von 1994 stellte den Seminaren die Aufgabe, eine theologische Hochschulbildung anzubieten, während die Akademien zu wissenschaftlich-theologischen Zentren werden sollten. Dadurch änderte sich auch die Dauer des Studiums an den geistlichen Schulen. Im Jahre 2003 graduierte der erste Jahrgang der fünfjährigen Seminare, 2006 der der umgestalteten Akademien.
Neben der Entwicklung der geistlichen Seminare und Akademien, die geschlossene, zur Vorbereitung von angehenden Klerikern bestimmte Bildungseinrichtungen darstellen, sind in der seit dem Lokalkonzil von 1990 vergangenen Zeit auch offene Hochschulen entstanden, die überwiegend für die Laienvorbereitung vorgesehen waren. Dies sind theologischen Hochschulen und Universitäten. Die profane orthodoxe theologische Ausbildung nahm ebenfalls einen Aufschwung. Dank der langjährigen fleißigen Arbeit wurde ein gewisser Fortschritt auf dem Wege zur staatlichen Anerkennung des Systems der geistlichen Ausbildung der Russisch-Orthodoxen Kirche erreicht.
Zu einer weiteren Form der Aufklärungsarbeit ist die Organisation kirchlich-gesellschaftlicher Foren geworden, die es der Geistlichkeit, dem kirchlichen Volk und Vertretern der profanen Welt ermöglichen, aktuelle Fragen über die Verkündigung und den Dienst unserer Kirche zu erörtern. Unter anderem sollten hier die Internationalen Weihnachtlichen Ausbildungslesungen erwähnt werden: In ihrem Rahmen finden über 100 Konferenzen, Seminare und Runde Tische statt, die über siebentausend Teilnehmer zusammenbringen. Diese vertreten nicht nur die pädagogische Gemeinschaft, sondern auch alle sozialen Gruppen, insbesondere die intellektuelle Schicht. Steigende Bedeutung kommt auch der pankirchlichen Ausstellung und dem Forum „Das orthodoxe Russland[11]" zu, die in Moskau und vielen anderen Regionen organisiert werden. Diese Ausstellung und dieses Forum, die von zehntausenden Menschen besucht werden, sind heute zu einem Ort geworden, an dem praktisch jeder Mensch einen Einblick ins Kirchenleben gewinnen, an der Diskussion über die wichtigen Fragen teilnehmen oder mit den Hierarchen und namhaften Geistlichen kommunizieren kann.
Missionarische und kirchlich-gesellschaftliche Bemühungen bringen die Menschen in die Kirche. Daraufhin sollten diese aber des liturgischen Lebens teilhaftig und in den Wahrheiten des Christentums belehrt werden. Außerdem sollte ihnen auch geholfen werden, diese Wahrheiten in ihrem Leben zu verwirklichen. Das ist der Grund, warum die Katechese und die massenhafte religiöse Aufklärung heute so wichtig sind. Eins ihrer Mittel sind Sonntagsschulen, die berufen sind, der Verkirchlichung nicht nur der Kinder, sondern auch der Erwachsenen zu dienen. Heutzutage gibt es an den Gotteshäusern der Russisch-Orthodoxen Kirche 11.051 Sonntagsschulen.
Nach dem Fall des gegen Gott ankämpfenden Staatssystems wurden neue kirchliche Verlage gegründet, und viele orthodoxe Medien sind entstanden. Sie alle nehmen aktiv an Aufklärungsarbeit und Katechese teil. Die Heilige Schrift, Gottesdienstbücher, Erbauungsliteratur und Werke der Heiligen Väter sind in Großauflagen immer wieder veröffentlicht worden. Viele kirchenhistorische, wissenschaftlich-theologische, philosophische und religiös-wissenschaftliche Bücher wurden publiziert. Es sind Kunstwerke entstanden, die das Leben moderner Menschen im Lichte der orthodoxen Weltanschauung reflektieren.
In den zwei zurückliegenden Jahrzehnten machte unsere Kirche sich mit den neuen Formen der Predigt vertraut, einschließlich der Verwendung moderner Technologien. In dieser Hinsicht sind wir nicht nur vielen Einrichtungen innerhalb der orthodoxen Welt zuvorgekommen, sondern generell vielen der größten religiösen Gemeinschaften. Unter anderem wurde und wird die evangelikale Arbeit auch mithilfe des Internets geleistet. Es sind stabil funktionierende orthodoxe Fernseh- und Rundfunkkanäle sowie orthodoxe Sendungen und Rubriken in den weltlichen Fernseh- und Rundfunkkanälen entstanden. Besondere Erwähnung verdient das fundamentale wissenschaftliche Veröffentlichungsprojekt „Die orthodoxe Enzyklopädie", das sich sowohl traditioneller als auch elektronischer Techniken bedient.
Eine Manifestation des Geistes der christlichen Liebe stellen die sozialen Tätigkeiten der Kirche dar - ihr Dienst an denjenigen, die fürsorge- und wohltätigkeitsbedürftig sind. Dies sind z.B. Senioren und an Krankheiten leidende Menschen, Waisen, Behinderte, Insassen von Strafanstalten. Auch wenn das System der Kirchenwohlfahrt in der Sowjetischen Zeit komplett vernichtet worden war, gibt es heutzutage wieder mit Erfolg arbeitende Kirchenheime, Kliniken, Hilfsdienste für Kranke und Obdachlose, Rehabilitationszentren, Schulen und Kurse für Caritasschwestern, Wohlfahrtskantinen und andere soziale Einrichtungen. Man darf nicht vergessen, die Tätigkeit der pankirchlichen Heiliger-Alexij-Zentralklinik zu erwähnen, in der jedes Jahr mehrere tausend Menschen kostenlose medizinische Hilfe erhalten. An dieser Klinik gibt es auch ein Zentrum für Beratung und Diagnostik. In den vorigen Jahren hat unsere Kirche mehrmals Nothilfe an Opfern bewaffneter Auseinandersetzungen und Naturkatastrophen geleistet. Orthodoxe Christen leisten auch Menschen vielerlei Beistand, die unter Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht oder auch an AIDS leiden.
Unter der unablässigen Sorge des Heiligsten Patriarchen wurde auch die wirtschaftliche Situation der Kirche verbessert und die Probleme bei der Versorgung der Gotteshäuser mit Kirchengeräten verringert. Die Tätigkeit des Produktionsbetriebs „Sofrino" (eines einzigartigen kirchlich-gewerblichen Zentrums, das die altertümlichen Traditionen der Meister des kirchlichen Handwerks wieder belebt) wurde reorganisiert und wesentlich erweitert.
Dank der festen, theologisch besonnenen, ausgewogenen und wahrlich väterlichen Einstellung des Heiligsten Patriarchen Alexij zeigte sich die Russische Kirche innerhalb der zurückliegenden achtzehn Jahre als, nach dem Wort des Aposteln Paulus, „Säule und Grundfeste der Wahrheit" (1 Tim., 3, 15). Sie hat sowohl die Versuchung von Erneuerungstendenzen überwunden, als auch die Bestrebungen, der Orthodoxie die Rolle einer fundamentalistischen Ideologie bzw. eines Behüters historischer Archaismen aufzuzwingen.
Hochgeweihte Gebieter, liebe Väter, Brüder und Schwestern! Im nächsten Teil meines Vortrages möchte ich auf die Verhältnisse zwischen Kirche und Staat bzw. Gesellschaft eingehen. Es ist unmöglich, die Gnade Gottes in den Wänden der Gotteshäuser und Klöster festzuhalten. Sie strahlt in die Welt hinaus, um das irdische Leben umzugestalten und es auf dem Grunde der Gebote Christi zu befestigen. Gerade das ist die Mission, die die Kirche in ihrer Interaktion mit der Gesellschaft erfüllt.
Nach der Zerstörung der künstlich aufgebauten Barrieren zwischen Kirche und Volk haben viele Menschen ihre Zugehörigkeit zum orthodoxen Glauben und Kultur verspürt. Heutzutage nennen sich die meisten Staatsbürger Russlands, der Ukraine, Weißrusslands, Moldawiens und auch viele Einwohner benachbarter Länder orthodox, auch wenn sie häufig wenig verkirchlicht sind. Diese gesellschaftliche Situation stellt nach wie vor eine große Herausforderung für unsere Kirche dar.
Heute wird viel getan, um es Kindern zu ermöglichen, im Rahmen der allgemeinen Schulen einen Einblick in die orthodoxen Traditionen zu gewinnen. In einigen Ländern der kanonischen Zuständigkeit des Moskauer Patriarchats ist diese Möglichkeit gesetzlich festgelegt und wird mit Unterstützung der säkularen Macht in die Tat umgesetzt. Dagegen gibt es in anderen Ländern keine eindeutige Lösung dieses Problems, trotz des international anerkannten Rechts der Eltern, in Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen für die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, dem auch die Schule verpflichtet sein sollte. In den letzten Jahren bemühten wir uns aktiv um eine entsprechende Abänderung der Lehrpläne der Mittel- uns Oberschulen. Diese würde ermöglichen, der jungen Generation die geistlichen, moralischen und kulturellen Werte der Orthodoxie zugänglich zu machen, auf der Grundlage der freien Entscheidung der Kinder und ihrer Eltern. Kirche und Schule sind aufgerufen, gemeinsam an der geistlichen Erziehung der neuen Generationen mitzuwirken. In den jungen Herzen das Streben nach Wahrheit, dem wahren moralischen Gefühl und der Nächstenliebe, der Liebe zum Vaterland und seiner Geschichte und Kultur zu fördern, sollte Aufgabe der Schule sein, da all dies nicht weniger wichtig als die Unterrichtung praktisch nützlicher Kenntnisse ist. Die wahre Schule hat schon immer den neuen Gesellschaftsmitgliedern die gesammelten überlieferten moralischen Werte vermittelt. Dies sollte auch weiterhin so bleiben.
Das Christentum sollte nicht nur den inneren Zustand des Menschen bestimmen, sondern auch sein Handeln. Dies ist der Grund, warum die Kirche nicht auf Bemühungen verzichten kann, das schöpferische, gesellschaftliche und private Leben der Menschen in Übereinstimmung mit den von Gott offenbarten Wahrheiten zu bringen. Seit dem Ende der 1980er Jahre war die Kirche mit der Notwendigkeit konfrontiert, Erfahrungen im sozialen Dienst unter den neuen Bedingungen zu sammeln. Dies bedurfte, insbesondere wegen der turbulenten sozialen Änderungen und Debatten, einer seriösen Glaubenslehre als Grundlage. Darum hat das Jubiläumsbischofskonzil den Beschluss „Die Grundlagen des sozialen Konzepts der Russisch-Orthodoxen Kirche" angenommen, und das Bischofskonzil von 2008 „Die Grundlagen der Lehre der Russisch-Orthodoxen Kirche über Menschenwürde, -freiheit und -rechte".
In den Jahren 1990 bis 2008 gab es eine große Anzahl kirchlich-gesellschaftlicher Konferenzen. In diesem Zeitraum wurde viel geforscht, und es wurden viele im kollektiven Bewusstsein erarbeitete Texte zu verschiedenen Themen der sozialen Theologie veröffentlicht. Eine wichtige Plattform zur Besprechung der für die Kirche und die Gesellschaft wichtigen Probleme stellte das Globale Russische Volkskonzil dar, dessen Haupt der Heiligste Patriarch Alexij war.
Das Wort der Kirche und ihre Tätigkeit richten sich an alle Bereiche des öffentlichen Lebens. So wurde der Wiederherstellung der Verbindung zwischen Religion und Wissenschaft, die während der Jahre des staatlichen Atheismus, der für sich einen wissenschaftlichen Status beanspruchte, künstlich zerstört worden war, viel Aufmerksamkeit gewidmet. Der Mythos über den Antagonismus von Glauben und Wissen gehört allmählich der Vergangenheit an. Die Russische Kirche ist zum Dialog mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft bereit, und das hat sie in vielen gemeinsamen Konferenzen für Theologen und säkulare Wissenschafter bewiesen. Nichtsdestoweniger werden uns seitens der Gesellschaft durch die sich entwickelnde Wissenschaft immer wieder neue Weltanschauungsprobleme und ethische Fragen gestellt. Die Kirche weist auf die dringende Notwendigkeit hin, die verlorene Verbindung zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen und den geistlichen und moralischen Werten wiederherzustellen.
Ein anderer wichtiger Bereich des menschlichen Lebens ist die Kultur. In seiner weltweiten Verbreitung hat das Christentum die unterschiedlichen Kulturen vieler Völker als Manifestation der von oben gegebenen schöpferischen Gabe angesehen und sie daher behutsam behandelt. Die Predigt des Wortes Gottes ist immer mithilfe der kulturellen Formen verwirklicht worden, die der jeweiligen Epoche, Nation und Sozialgruppe eigen waren. Dabei hat sich die Kirche immer darum bemüht, die Kultur christozentrisch zu machen, so dass sich die unveränderlichen Wahrheiten und Werte manifestieren konnten. Im historischen Russland war die Orthodoxie der Glaube, der die Kultur erschaffen hat. Während der direkte Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft während der Jahre des Kampfes gegen Gott eingeschränkt war, wurden Literatur, Poesie, Malerei und Musik für viele Menschen fast zu den einzigen Quellen religiöser Erkenntnisse. Die Periode zwischen den zwei Lokalkonzilen war eine Zeit rascher Entwicklung mehrerer großer kirchlich-gesellschaftlicher und kirchlich-staatlicher Projekte in der Kultur vieler Länder, die zur kanonischen Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats gehörten.
Unsere Kirche hat immer wieder ihre Stimme zum Schutz der sozialen Gerechtigkeit erhoben, welche notwendige Voraussetzung der Stabilität und des Friedens in der Gesellschaft darstellt. Sie hat zur sozialen Verantwortung von Unternehmern aufgerufen, auf die Pflicht der gerechten Verteilung des Nationalvermögens hingewiesen und die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung der schwächsten Bevölkerungsschichten betont. Dieser Aufruf der Kirche ist heute besonders aktuell geworden, da die Folgen der globalen wirtschaftlichen Krise eine riesige Anzahl von Menschen betreffen, von denen die meisten auch vorher einkommensschwach waren.
Getreu dem Gebot Christi über die Friedenstiftung, hat die vom Heiligsten Patriarchen Alexij geführte Kirche als friedensschaffende Kraft agiert, die die Gesellschaft vor Aufspaltungen, Konfrontationen und Feindseligkeiten behütet hat. In diversen Konflikten wurde sie zum Vermittler zwischen gegeneinander kämpfenden Parteien. In den gefährlichen Jahren 1991 und 1993 wurde seitens der Kirche alles getan, um einen Bürgerkrieg in Russland zu vermeiden. Während der Kampfhandlungen in Nagornij Karabach, Tschetschenien, Transnistrien, Südossetien und Abchasien rief die Russische Kirche stets dazu auf, das Blutvergießen zu beenden, den Dialog zwischen den verfeindeten Parteien wiederherzustellen und zum friedlichen Leben zurückzukehren.
Bei der Umsetzung ihrer Verkündigung hat die Kirche einen Dialog mit den gesellschaftlichen und politischen Kräften geführt. Sie hat die Rückkehr des Volkslebens zu den besten nationalen Traditionen inspiriert und unterstützt, wobei sie auch zu vorsichtiger Einstellung gegenüber blinder Nachahmung ausländischer Gewohnheiten aufgerufen hat. Heute erinnert sie an die traurigen Konsequenzen, die das Vergessen der traditionellen Werte hatte, und warnt vor den Versuchen, die Geschichte der Länder und Völker zu verzerren. Eine der Grundlagen des sozialen Konzepts unserer Kirche bildet die Predigt des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen den Anhängern verschiedener politischer Sichtweisen.
Der Heiligste Patriarch hat des Öfteren betont, dass die Kirchenarbeit hauptsächlich aus der Glaubenbelebung, der Veränderung der menschlichen Seelen und Herzen sowie der Vereinigung der Menschen mit dem Schöpfer besteht. In ihren Antworten auf die Herausforderungen der säkularen Welt mit ihrer aufdringlichen Doktrin des anything goes („Alles ist erlaubt") und des Verzichts auf moralische Verantwortung ist die Kirche als Beschützerin der von Gott gegebenen moralischen Normen und des allgemein anerkannten menschlichen Verhaltens aufgetreten. Wir haben sowohl die Machthaber als auch das ganze Volk daran erinnert, dass eine Verstärkung der moralischen Grundlagen des Lebens die Gesellschaft vor der Selbstzerstörung schützt und schöpferische Motivation zu ihrer Verbesserung bietet.
Der Umbruch im politischen Leben zu Beginn der 1990er Jahre ging auch mit einer beträchtlichen Förderung der Entwicklung der kirchlich-staatlichen Verhältnisse einher. Unsere Sichtweise ist, dass diese Verhältnisse auf der Basis beidseitiger Nichteinmischung und gleichzeitig einer breiten Partnerschaft zwischen Kirche und Staat in verschiedenen Bereichen aufgebaut werden sollten. In den Ländern der kanonischen Zuständigkeit der Russisch-Orthodoxen Kirche werden allmählich die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen, die den Aufbau einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat ermöglichen. So haben sich sehr konstruktive Beziehungen mit der Staatsmacht der Russischen Föderation entwickelt, die weiter verbessert werden. Das gleiche gilt für die meisten anderen Länder unseres kanonischen Raums. In Weißrussland ist ein Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen Staatsmacht und Kirche geschlossen worden. In Lettland wurde das Gesetz „Über die Lettisch-Orthodoxe Kirche" erlassen, das unter anderem die Nichteinmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten und Sondergarantien für Geistliche festgelegt hat. In Litauen wurde in den kirchlich-staatlichen Verhältnissen ein hohes Niveau erreicht - dort sind 95% der Gotteshausgebäuden an die Kirche übergeben worden, und in der Schule werden Fächer unterrichtet, die mit der Orthodoxie bekannt machen sollen.
Gleichzeitig bleiben in diesem Bereich viele Fragen ungelöst. So ist es in Russland bis jetzt nicht gelungen, die Unterrichtung der Grundlagen der orthodoxen Kultur in den säkularen Schulen auf eine stabile rechtliche Grundlage zu stellen. Ebenso ist es bis jetzt nicht gelungen, die Arbeit der beim Militär tätigen Geistlichen systematisch zu regeln. Ebenfalls wartet das Problem der Rückgabe von Kircheneigentum immer noch auf seine endgültige Regelung. In Estland bleibt die Frage über die kirchlichen Immobilien trotz vieler Bemühungen weiterhin offen. In der Ukraine gibt es eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die mit der Einmischung der säkularen Macht in die inneren Angelegenheiten der Kirche verbunden sind. Die Gesamtheit der Diözesen, Klöster und Gemeinden der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche wartet noch immer darauf, den Status einer juristischen Person zu erhalten; dieses Problem ist also noch nicht gelöst.
Die Russische Kirche ist dem Schicksal der Orthodoxie gegenüber nie gleichgültig gewesen. Bis 1917 hatte das Russische Imperium eine besondere Stelle in der orthodoxen Welt inne und sich dabei als Förderer und Beschützer der gesamten orthodoxen Zivilisation dargestellt. Heute plädiert die Kirche für die Wiederbelebung der traditionellen moralischen Grundlagen in der Politik der Staaten, in denen die von ihr geistlich geleiteten Völker leben. Ebenso ruft die Kirche zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit anderen orthodoxen Ländern auf. Die modernen Formen der Bemühungen zur Verstärkung der Einheit der orthodoxen Völker schließen die Arbeit in kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und friedensstiftenden Bereichen ein. Diese Tätigkeit wird in Zusammenarbeit mit mehreren Einrichtungen umgesetzt, so z.B. in der Stiftung im Namen des Heiligen Apostel Andreas des Erstberufenen, der Internationalen Stiftung zur Einheit der Orthodoxen Völker und der Interparlamentären Vereinigung für Orthodoxie. Von großer Bedeutung sind auch die wissenschaftlichen, kulturellen und ausbildenden Projekte der Orthodoxen Enzyklopädie und des Moskauer Sretenskij-Klosters.
Im nächsten Teil meines Vortrages möchte ich auf die Aspekte der interorthodoxen Verhältnisse eingehen. Der Dienst an der Einheit der Kirche, dessen Wichtigkeit vom Heiligsten Patriarchen Alexij stets betont worden war, hatte eine vorrangige Stelle im Bereich der auswärtigen kirchlichen Beziehungen. Der Heiligste Patriarch schätzte die Möglichkeit der brüderlichen Gemeinschaft mit den Vorstehern der Lokalen Orthodoxen Kirchen allezeit hoch ein, wobei er immer wieder auf die Wichtigkeit gemeinsamer Feiern der Göttlichen Liturgie und, generell, gemeinsamer Gebete hinwies. Mit großer Herzlichkeit empfang der Entschlafene die Hierarchen und andern Mitarbeiter der Lokalen Kirchen, die das Territorium des Moskauer Patriarchates besuchten. Er verfolgte aufmerksam die Ereignisse im Leben der weltweiten Orthodoxie und war zu Recht überzeugt, das sie die eine Familie darstellt, die durch die Einheit des Glaubens und der Sakramente, durch die gegenseitige Liebe und Hilfe fest vereint ist. Der Heiligste wünschte sich eine Erhöhung der Effizienz der Interaktion zwischen den Orthodoxen Lokalen Kirchen und bemühte sich, alles, was in den Kräften der Russischen Kirche lag, dafür zu tun. Wenn andere Kirchen schwierige Zeiten durchlitten, bemühte sich unser Vorsteher immer um wirksame Unterstützung. Besonders deutlich äußerte sich dies im Bezug auf die Serbische Kirche während der schwierigen Zeit des Zerfalls Jugoslawiens, sowie auch im Bezug auf die Bulgarische Kirche in der Zeit, als sie seitens des Staates nicht anerkannt wurde und unter von der Regierung unterstützten Schismatikern litt.
Gleichzeitig bereitete jedwede Unstimmigkeit im Bereich der zwischenkirchlichen Verhältnisse dem Ersthierarchen tiefsten Schmerz. Bedauerlicherweise gab es während des Patriarchentums des Heiligsten Alexij II., insbesondere an seinem Beginn, mehrere Angriffe auf die kanonischen Grenzen der Russischen Kirche - ähnlich derer, die es in den Zeiten des Heiligen Hierarchen Tichon, also nach dem Untergang des Russischen Staates, gegeben hatte.
Im Jahre 1992 entschied der Heilige Synod der Romanisch-Orthodoxen Kirche über die Einrichtung der so genannten Bessarabischen Metropolie mit dem Metropolitenamt in Chişinau, in die ein unter Verbot stehender Bischof der Russischen Kirche ordiniert wurde. 2007 wurden im Rahmen der „Bessarabischen Metropolie" drei neue Diözesen eingerichtet. Dabei begann diese kirchliche Struktur, auch territoriale Ansprüche auf das Land auf dem linken Ufer des Dnjestr, einschließlich dem zur Ukraine gehörenden, zu erheben. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Mehrheit der Moldawischen Geistlichen sowie auch der Laien die Aufrechterhaltung der Kircheneinheit anstrebten. Die von einigen Politikern erwarteten raschen Erfolge bei der Erweiterung der parallelen Metropolie erwiesen sich in Wirklichkeit als sehr gering. Unsere Kirche hat nie den Dialog mit der Rumänisch-Orthodoxen Kirche bzw. die Gemeinschaft mit ihr abgelehnt. Im Gegenteil war sie sich der Wichtigkeit der Auffindung einer beidseitig akzeptablen Lösung, die der kanonischen Unordnung Grenzen setzen und die Erreichung eines hohen Niveaus der beidseitigen Verhältnisse fördern könnte, immer bewusst.
1996 wurde die parallele Jurisdiktion des Patriarchats von Konstantinopel in Estland gegründet. Dort war die Orthodoxie einst von Russischen Missionaren eingepflanzt worden, und die ganze Geschichte hindurch war es Bestandteil der Russisch-Orthodoxen Kirche. Seit der Einrichtung des Moskauer Patriarchentums befand es sich unter der kanonischen Leitung des Patriarchen von Moskau und ganz Russland und aller Nordländer (genau so wurden die Vorsteher der Russischen Kirche in Übereinstimmung mit dem Beschluss des Konstantinopelkonzils von 1593 genannt, bis zur Abschaffung des Patriarchentums durch Peter den Großen). Die Gründung der parallelen Jurisdiktion hat in Estland ein Schisma in der Orthodoxie verursacht, die vorübergehende Aufhebung der kanonischen Gemeinschaft zwischen dem Patriarchat von Moskau und dem von Konstantinopel bewirkt und zu Unstimmigkeiten im Bereich der Beziehungen zwischen den Orthodoxen Kirchen geführt, die immer noch nicht in vollem Umfang beigelegt sind. Dennoch ist es trotz vielen Schwierigkeiten gelungen, die Lage der Estnisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Großen und Ganzen zu stabilisieren, dank der weisen Einstellung ihrer Leitung und der Treue ihrer Kinder, die entschlossen sind, im Schoße ihrer Mutterkirche zu bleiben. Über dieses Problem wird mit dem Patriarchat von Konstantinopel weiter verhandelt.
Seitens der einzelnen Hierarchen der Kirche von Konstantinopel wurden auch Schritte gewagt, die in der öffentlichen Meinung als Unterstützung schismatischer Gruppen in der Ukraine wahrgenommen wurden. Dies geriet in Widerspruch zur offiziellen Haltung des Patriarchats von Konstantinopel über die Anerkennung der vom Seligsten Metropoliten Wladimir geleiteten Ukrainisch-Orthodoxen Kirche als der einzigen kanonischen Kirche der Ukraine.
Ein Bereich heftiger Diskussionen mit dem Patriarchat von Konstantinopel sind nach wie vor die Fragen über die Interpretation der Rechte der Lokalen Kirchen hinsichtlich der Fürsorge für ihre Herden in der so genannten Diaspora.
In all diesen Fällen hatten die Handlungen der Kirchenleitung der Russisch-Orthodoxen Kirche die Bewahrung des kirchlichen Friedens, den geduldigen Dialog im Geiste der christlichen Liebe sowie die Aufrechterhaltung der brüderlichen Beziehungen mit allen Lokalen Orthodoxen Kirchen zum Ziel. Dabei hat unsere Kirche die Grundlagen der kanonischen Kirchenordnung nie aufgeopfert und auf die Normen der orthodoxen Katholizität bestanden, ohne deren Einhaltung der Wohlbestand der Heiligen Kirchen Gottes und die Aufrechterhaltung der von Gott vorgegebenen Ordnung in den Verhältnissen zwischen den Kirchen nicht möglich wäre.
So wie auch in den vergangenen Perioden der Geschichte, blieb die Verkündigung unserer Kirche auch für diejenigen nicht unzugänglich, die sich nicht als ihre Mitglieder bekennen. Ein Christ ist aufgerufen, während er seinen Glauben fest bewahrt und klar verkündet, auch, wenn möglich, mit allen Menschen in Frieden zu leben (s. Röm. 12, 18). Genau in diesem Geiste hat die Russische Kirche ihre Verhältnisse mit der heterodoxen Welt, den Vertretern nicht-christlicher Konfessionen, den internationalen Einrichtungen und Regierungen von Staaten, die außerhalb unseres kanonischen Raums liegen und also nicht zu den Ländern der orthodoxen Tradition gehören, gestaltet.
Die Verhältnisse unserer Kirche mit den heterodoxen Konfessionen wurden während der von uns betrachteten Periode mehrmals auf eine strenge Probe gestellt. Nach dem politischen Umbruch, der Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre stattfand, strömten in den geöffneten Raum der ehemaligen Sowjetunion Scharen von Missionaren. Sie versuchten, große Mengen von Menschen zu ihrem jeweiligen Glauben zu konvertieren, da ihrer Meinung nach durchgehend alle Russen Atheisten waren, die ihre geistlichen Wurzeln längst verloren hatten. Anstatt Beistand und Unterstützung seitens mehrerer heterodoxer Vereine zu erhalten, wie wir sie in den Jahren der Bedrückung unserer Kirche durch die gottlose Regierung erfahren hatten, war unsere Kirche mit Bemühungen konfrontiert, sie zur Seite zu schieben und ihr die Möglichkeit zu verbauen, den eigenen geistlichen Einfluss auf das Volk wiederherzustellen. Vorwiegend wurde solche Proselytenmacherei[12] von Predigern aller möglicher protestantischen Bekenntnisse praktiziert. Bedauerlicherweise befanden sich in den Reihen dieser frischgebackenen „Aufklärer Russlands" auch einige Vertreter römisch-katholischer Geistlichkeit und Mönchsorden.
Allerdings kann heute mit Sicherheit gesagt werden, dass unser Volk dem heftigsten proselytischen Drang von außen erfolgreich widerstanden hat. Das geschah kraft der Glaubenstreue von Millionen einfachen Orthodoxen sowie dank der unbeugsamen Stellung und der entschlossenen Haltung der Kirchenleitung des Moskauer Patriarchats. Aber auch wenn die Probleme in diesem Bereich sich entschärft haben, sind sie nicht vollständig verschwunden. Daher müssen wir das Geschehen nach wie vor aufmerksam verfolgen und, wenn nötig, schnell und entschlossen auf jedwede Bemühung reagieren, die auf die Schwächung der Orthodoxie abzielt. Dennoch werden wir angesichts der gefährlichen Tendenzen, mit denen die sich als Christen bezeichnenden Menschen weltweit konfrontiert werden, motiviert, unseren Dialog mit den vernünftigen Vertretern der Heterodoxie zu führen. Heutzutage widersteht das Christentum einerseits aggressiver Gottlosigkeit und Säkularismus, wie sie in der westlichen Gesellschaft dominieren. Andererseits leidet es unter den Versuchen einiger protestantischen Gemeinden, die christliche Lehre und die evangelische Moral radikal zu revidieren, was in seinem Wesen den beschriebenen Trend zum Säkularismus noch unterstützt. Das Ziel unseres Dialogs mit der Heterodoxie ist, diejenigen von unseren Partnern zu unterstützen, die mit uns zusammen bereit sind, der Marginalisierung der Religion entgegenzuwirken, sich für die Rechte der Gläubigen auf den Aufbau ihres Lebens entsprechend ihren Überzeugungen einzusetzen und sich für die grundlegende Bedeutung der Moral im Leben des Individuums zu engagieren. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass keine Rede von irgendwelchen Kompromissen hinsichtlich der Glaubenslehre mit der Heterodoxie sein kann, deren Unmöglichkeit durch die Worte des heiligen Markus von Ephesus bezeugt ist, die von mir bereits zitiert wurden. Im Gegenteil, viele Heterodoxen werden gerade von unserer Treue zum orthodoxen Glauben angezogen. Darin erblicken sie eine Hoffnung auf die Auferstehung des Christentums in Europa und auf der ganzen Welt.
Im postsowjetischen Raum haben sich die ethnischen Konflikte verschärft, die durch politische und soziale Kontroversen noch intensiviert werden. In dieser Lage ist die friedensstiftende Haltung der Führer der verschiedenen konfessionellen Traditionen besonders wichtig geworden. Dadurch haben interkonfessioneller Dialog und Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung gewonnen. So wurde die Besänftigung des bewaffneten Konflikts zwischen Armeniern und Aserbaidschanern durch die Begegnungen der christlichen und moslemischen religiösen Führer gefördert, die vom Heiligsten Patriarchen Alexij vermittelt worden waren. Die Kontakte unserer Kirche mit den islamischen Geistlichen haben auch geholfen, die Lage in Tschetschenien zu beruhigen und die Spannungen nach der Tragödie in Beslan abzubauen. In den meisten GUS-Staaten sind die interkonfessionellen Beziehungen heutzutage sehr gut. Dies zeigt sich auch an den aufeinander abgestimmten Reaktionen der leitenden konfessionellen Führer auf zeitgenössische Ereignisse, den zahlreichen gemeinsamen Aktionen und der Gründung ständiger interkonfessioneller Strukturen, zu denen unter anderem der Interkonfessionelle Rat Russlands und der Interkonfessionelle Rat der GUS zählen.
Es steht außer Zweifel, dass wir und die Vertreter der nichtchristlichen Konfessionen unterschiedliche Vorstellungen von Gott und seiner Einstellung dem Menschen gegenüber, sowie auch unterschiedliche Traditionen und Lebensweisen haben. Dennoch stehen die grundlegenden moralischen Vorstellungen der traditionellen Konfessionen in vielerlei Hinsicht nah zu einander. Das ermöglicht es uns, den Herausforderungen des moralischen Nihilismus, der aggressiven Gottlosigkeit sowie der ethnischen, politischen und sozialen Feindseligkeit gemeinsam entgegenzutreten. Es war kein Zufall, dass die Teilnehmer des interkonfessionellen Dialogs gemeinsam den Terrorismus verurteilt, das traditionelle Familienmodell befürwortet, für die Rückkehr der Moral in die Wirtschaft plädiert, die arglistige Politik mancher Massenmedien kritisiert und bei den Diskussionen mit dem Staat die Interessen der religiösen Gemeinen vertreten haben. Eine der bedeutsamen Initiativen des Interkonfessionellen Rates Russlands war der Vorschlag, dem Tag der Volkseinheit, der am Gedenktag der Ikone der Gottesmutter von Kazan zelebriert wird, den Status eines gesamtnationalen Feiertages zu verleihen. Der Gedenktag der Ikone der Gottesmutter von Kazan wird zu Ehren der Ereignisse von 1612 gefeiert, als die Volkslandwehr Moskau von den Besatzern befreit und damit der Zeit der Wirren ein Ende gesetzt hatte. Ein anderer Vorschlag des Interkonfessionellen Rates Russlands war die Einrichtung eines neuen wunderschönen Feiertages - des Familien-, Liebes- und Treuetages, der am Gedenktag der Heiligen Peter und Theuronia von Murom stattfindet. Ich bin überzeugt, dass dieses Modell interkonfessionellen Dialogs und interkonfessioneller Zusammenarbeit, das erst vor kurzem entstanden ist, breite Unterstützung durch Staat und Gesellschaft verdient.
Der Heiligste Patriarch Alexij legte großen Wert auf die Erweiterung der Kontakte der Russisch-Orthodoxen Kirche mit internationalen Einrichtungen. Die Interaktion mit solchen Organisationen bietet vielerlei Möglichkeiten, die Stimme unserer Kirche weltweit vernehmen und überzeugen zu lassen. Viele Jahre hindurch schloss die säkulare Natur der genannten Einrichtungen die Vertretung religiöser Traditionen aus. Aber gerade zur Zeit des Patriarchentums des entschlafenen Ersthierarchen ist es dank mühsamer Arbeit gelungen, die internationalen Einrichtungen zur Einsicht in die Rolle der Religion im Leben der Völker zu bewegen. Die Weltgemeinschaft beginnt sich für die Sichtweise der Russischen Orthodoxie zu aktuellen Fragen der Weltgestaltung und internationaler Beziehungen zu interessieren. Es zeigt sich die Bereitschaft, zusammen zu arbeiten.
Um eine derartige Zusammenarbeit zu entwickeln, hat die Russisch-Orthodoxe Kirche es geschafft, auf den Plattformen der meisten internationalen Einrichtungen präsent zu sein. Heute ist sie in der Europäischen Union und im Europarat vertreten, sowie durch das Globale Russische Volkskonzil, in der UNO. Bereits jetzt wurden einige Beschlüsse der UN-Generalversammlung durch Werke der Vertreter unserer Kirche deutlich beeinflusst. Immer stärker wird auch unsere Präsenz in UNESCO, OSZE und anderen internationalen Einrichtungen. Das Ergebnis dieses Engagements war der Besuch des Heiligsten Patriarchen Alexij in Straßburg im Jahre 2007 und sein Vortrag auf der Tagung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Dies hat eine sehr breite internationale Diskussion über die Denkansätze der Russisch-Orthodoxen Kirche hinsichtlich der Menschenrechte angeregt.
Unsere Kirche hat feste Verbindungen mit den Führern und Vertretern vieler Staaten weltweit entwickelt. Der Heiligste Patriarch hat den Begegnungen mit Staats- und Regierungsoberhäuptern, Parlamentsmitgliedern und Botschaftern verschiedenster Länder immer viel Zeit gewidmet. Diese Zusammentreffen haben zur Verbesserung der Lage unserer Gläubigen im Ausland geführt und Interesse für die orthodoxe Spiritualität und das Kulturerbe jener Völker geweckt, die die Herde der Russisch-Orthodoxen Kirche bilden.
Hochgeweihte Gebieter, in Gott geliebte Väter, Brüder und Schwestern! Soeben habe ich euch einige Überlegungen über den Stand des kirchlichen Lebens und über die Leistungen dargeboten, die während der Zeit des Ersthierarchendienstes des Heiligsten Patriarchen Alexij erbracht wurden. Nun möchte ich als Statthalter des Patriarchenthrons meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass unsere Kirche, unter der Leitung des zu wählenden Vorstehers, auch in der kommenden Periode ihrer Geschichte dem Herrn viele neue Früchte einbringen wird. Gott gebe, dass wir alle - Bischöfe, Seelenhirten, Mönche, Nonnen und Laien - vor Christus, dem Haupt der Kirche, als aufrichtige und eifrige Gärtner seines Weingartens treten werden. Mögen die Menschen, die noch keinen Glauben gefunden oder ihn verloren haben, durch unsere Arbeit zum Glauben kommen. Mögen Gotteshäuser und Klöster errichtet werden, möge sich die Mission der geistlichen Aufklärung und Erbauung weiterverbreiten. Möge unsere Fürsorge für die Nächsten und die Fremden und unsere Wohltaten die ganze Welt anregen, unseren Vater, der in den Himmeln ist, zu verherrlichen (s. Matth. 5, 16).
Möge alles, was wir tun, auf den festen Stein des heiligen orthodoxen Glaubens gegründet sein. Der Heilige Hierarch Filaret, Metropolit von Moskau, rief die Christen auf, „sich daran zu erinnern, und diese Erinnerung praktisch umzusetzen, dass die Apostel und Kirchenväter des Altertums, die die Kirche aufgebaut und verbreitet und die Berge der Häresien zerrüttet hatten, dies nicht kraft der äußeren Gesetze der heidnischen Welt vermochten, sondern kraft ihres festen Glaubens, ihrer Liebe und Selbstopferung". Die Treue zu den Geboten Christi, die Entschiedenheit beim Bekenntnis des wahren Glaubens, die Einhaltung der Normen der Heiligen Schrift, deren Sinn es ist, die Präsenz des Geistes des Evangeliums bei uns zu ermöglichen, - all das möge sich in unserer Kirche unverändert bis in alle Ewigkeit verwirklichen. Indem wir die Arbeit dieses Konzils beginnen, rufe ich euch alle immer wieder auf, die brüderliche Liebe, den Frieden und die Einheit zu bewahren. Möge sich an uns, der Heiligen Russischen Kirche, das Wort unseres Herrn Jesu Christi selbst erfüllen: „die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, dass sie eins seien, wie wir eins sind - ich in ihnen und du in mir -, dass sie in eins vollendet seien, damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast" (Joh. 17, 22-23).
Die Webseite des Auswärtigen Amtes [der Russisch-Orthodoxen Kirche]
[1] Aus dem Stichiron zum Lobgesang "Herr, ich rufe zu Dir...", Vesper am Palmsonntag (Anm. d. Ü.)
[2] Aus dem Kontakion für die Verstorbenen. (Anm. d. Ü.)
[3] Ein Metochion ist ein Wohnkomplex mit einem Kirchengebäude und wirtschaftlichen Bauten, das einem Kloster gehört, sich aber territorial sehr weit weg von ihm befindet. Ein Metochion kann sowohl in einer Stadt (zum Empfang von Pilgern und zur Deckung des Klosterbedarfs) als auch auf dem Lande zu wirtschaftlichen Zwecken errichtet werden. Ein Metochion ist faktisch ein kleines Kloster mit eigenem Klerus und Mönchen bzw. Nonnen. Es stellt „die offizielle Vertretung" des Klosters dar, dem es angehört. (Anm. d. Ü.)
[4] 1883 erbaut, galt 1883 die Christus-Erlöser-Kathedrale als das zentrale Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche und gehörte mit 103 Metern zu den höchsten orthodoxen Sakralbauten weltweit. Während der Periode der sowjetischen Kirchenverfolgung wurde sie1931 nach dem Befehl der Regierung gesprengt. (Anm. d. Ü.)
[5] Eine Skite (auch: Skiti, von griechisch η σκήτη) ist eine klosterähnliche Mönchsgemeinschaft oder eine Art Mönchsdorf, das unter der formellen Oberherrschaft eines Großklosters steht und in Selbstverwaltung von einem Ältesten geführt wird.
[6] Die Tretjakow-Galerie ist ein staatliches Kunstmuseum in Moskau. (AdÜ)
[7] Von einem anonymen Wohltäter im Ausland ausgekauft und von Präsidenten Putin zum Ostern 2007 an die Kirche geschenkt. (AdÜ)
[8] Russ.: „Obretennoje Pokolenije". (Anm.d.Ü.)
[9] Russ.: „Feodorowskij Gorodok". (Anm.d.Ü.)
[10] Russ.: „Ispowed Sserdtsa". (Anm.d.Ü.)
[11] Russ.: „Prawoslawnaja Rus". (Anm.d.Ü.)
[12] Der Ausdruck Proselytismus ("Proselytenmacherei") (gr. προσέρχομαι prosérchomai „hinzukommen") bezeichnet in der Religion bzw. Mission die Bemühung um einen Wechsel der Konfession. Er bezeichnet also das Abwerben von Gläubigen aus anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften hin zur eigenen Kirche oder Gemeinschaft. Proselytismus ist also die Einflussnahme einer Organisation oder Person auf den Einzelnen. Er soll die Konversion des Einzelnen in die proselytenmachende Gemeinschaft bewirken.
[AV1]Sonst ist es auf Geschichten bezogen